Interview

10. April 2018 10:34; Akt: 10.04.2018 10:34 Print

«Es ist sinnvoll, wenn Kinder Hunden vorlesen»

von Fee Riebeling - Gutenachtgeschichten gehören in vielen Familien einfach dazu. Und das ist genau richtig, sagt Simone C. Ehmig von der Stiftung Lesen.

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Wem als Kind regelmässig vorgelesen wurde, der liest selbst häufiger und intensiver und deshalb auch besser. Das haben Studien gezeigt. Für Kinder ist aber nicht nur das Vorgelesen-Bekommen wichtig, sondern auch das Selbstvorlesen. Ideale Zuhörer sind übrigens Hunde. Sie geben Kindern, die sich mit dem Vorlesen schwertun, Selbstvertrauen. So oder so: Vorlesen ist wichtig. Das wissen auch die 20-Minuten-Redaktoren, die auch heute noch spontan ihr Lieblingsvorlesebuch nennen können, wie die nächsten Slides zeigen. Living-Redaktorin Meret Steiger bekam am liebsten aus Hans Fischers «Pitschi» vorgelesen. Der Grund: «Ich fands toll, dass der ängstliche Pitschi am Schluss sehr mutig geworden ist. Und das Buch hat aufgezeigt, dass man zwar viele Dinge ausprobieren kann, am Ende aber damit zufrieden sein kann, was man hat beziehungsweise ist.» Bei Fee Riebeling, Redaktorin Wissen, stand dagegen Otfried Preusslers «Der kleine Wassermann» hoch im Kurs. Darin erlebt der kleine Wassermann jede Menge Abenteuer in dem Weiher, in dem er lebt. «Damit war er für mich eine Art Vorbild. Denn bis heute kann ich mir keinen besseren Ort als die Küste zum Leben vorstellen.» Mareike Rehberg, Redaktorin Ausland, hat ihre ersten Vorleseerfahrungen in der DDR gemacht. Das merkt man auch an ihrem Lieblingsvorlesebuch: «Hamster Dickbauch», in dem – natürlich – für die Vorzüge des Kommunismus geworben wird. Für Rehberg war das irrelevant. «Ich konnte mich mit dem Futter hortenden Hamster identifizieren, weil ich immer Angst hatte, nicht satt zu werden, weil ich so viel langsamer als alle anderen ass.» Für Jean-Claude Gerber, Leiter Digital/Wissen, waren in der Primarschule die Freitage stets ein Highlight. Denn da las die an und für sich strenge Lehrerin immer aus «Die Turnachkinder» vor – auf Mundart, obwohl es in Schriftsprache verfasst war. «Da waren wir immer alle ganz andächtig, es war die schönste Zeit der Schulwoche.» «Pippi Langstrumpf» darf in dieser Aufzählung natürlich auch nicht fehlen. Daraus vorgelesen zu bekommen, war für Silvana Schreier aus dem Ressort Schweiz eine grosse Freude: «Das Buch liess mich als kleines Mädchen träumen. Pippi machte für mich jeden Traum, jede Fantasie erreichbar.» Nachdem ihre Mutter ihr das Buch zweimal vorgelesen hatte, musste sie beim dritten Mal selber ran. «Das ging mit sechs Jahren zwar noch etwas holprig, aber ich habs geschafft.»

Zum Thema
Fehler gesehen?

Frau Ehmig, früher hiess es: Wer viel liest, ist bloss zu faul zum Arbeiten. Heute werden Lesen und vor allem Vorlesen als äusserst wichtig proklamiert. Wie und wann kam es zu dem Umschwung?
Es gab keinen Umschwung, es existieren noch immer beide Sichtweisen. Die ablehnende Haltung ist vor allem in Milieus anzutreffen, in denen Lesen keine besondere Rolle spielt. Das hat damit zu tun, dass die Menschen nicht den Zugang zum Thema haben. Sie haben nie erfahren, wie sehr man vom Lesen und Vorlesen profitiert.

Umfrage
Hast du als Kind viel vorgelesen bekommen?

Johann Wolfgang von Goethe sagte einmal, Vorlesen sei die Mutter des Lesens. Stimmt das?
Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass Menschen, denen regelmässig vorgelesen wurde, später deutlich häufiger, lieber und intensiver lesen. Und damit auch besser.

Warum ist das wichtig?
Nur wer gut lesen kann, kann in der Schule mitmachen und mithalten. Andernfalls wird es schwierig zu verstehen, worauf etwa eine Textaufgabe in Mathe abzielt. Das merkt man auch an den Noten: Kinder, denen regelmässig vorgelesen wurde, schneiden in Schularbeiten systematisch besser ab. Ein weiterer positiver Effekt des Vorlesens: Die Kinder entwickeln sich in ihrer Persönlichkeit und Sozialkompetenz anders als Gleichaltrige ohne diese Erfahrung: Sie haben einen grösseren Gerechtigkeitssinn und sind empathischer.

Wie kommt das?
Einerseits durch die Geschichten selbst. Durch sie lernen Kinder, wie Menschen miteinander umgehen und dass es auch mal Schwierigkeiten gibt – auch wenn es sich bei den Protagonisten um Hasen oder Bären handelt. Andererseits trägt auch die Vorlese-Situation dazu bei: Eltern und Kind sind sich nah und kuscheln vielleicht sogar miteinander. Im Idealfall kommt es – ausgelöst durch die Geschichte – zu einem Austausch, der über die Geschichte hinausgeht. Soll heissen: Das Vorlesen gibt Eltern und Kindern die Möglichkeit, Erfahrungen aus dem Alltag zu reflektieren. Das trägt sicher mit dazu bei, dass die Kinder Erlebtes verarbeiten können.

Gibt es eine Alternative zum Vorlesen?
Nein. Nur beim Vorlesen haben wir eine ideale Verbindung von sprachlichen Impulsen, Interaktion und Inhalten, die Kinder lieben.

Wie sieht es mit Hörbüchern aus?
Hörbücher haben absolut ihre Daseinsberechtigung. Aber sie dürfen nicht als Ersatz, sondern nur als Zusatz verstanden werden. Bei ihnen gibt es keinen Austausch und keine zwischenmenschliche Nähe. Das gemeinsame Erleben einer Geschichte und das Vor- und Zurückblättern in einer Publikation ist nicht gegeben.

Ab welchem Alter sollte man Kindern vorlesen?
Im Prinzip von Anfang an. Für ganz kleine Kinder gibt es Stoff- und Tastbücher. Natürlich verstehen sie dann noch nicht die Inhalte, aber sie lernen, wie man damit umgeht. Zudem können die Eltern die abgebildeten Dinge beim Namen nennen. Das bringt schon viel für das Lernen von Sprache und führt spielerisch an Bücher heran.

In Skandinavien ist es üblich, dass Kinder Hunden vorlesen. Ist das ratsam?
Das ist sehr sinnvoll. Gerade für Kinder mit Leseproblemen kann das sehr bereichernd sein, weil Hunde sich nicht darum kümmern, ob das Kind Fehler macht, langsam liest oder stolpert. Das gibt den Kindern Selbstvertrauen.

Wann sollte man mit dem Vorlesen aufhören?
Wenn die Kinder von sich aus sagen: «Ich kann das jetzt selbst.» Die meisten Eltern hören auf, wenn die Kinder in die Schule kommen. Das ist aber aus zwei Gründen schwierig: Einerseits weil die Kinder während des Lesenlernens mit Texten zu tun haben, die in ihrer Komplexität weit unter dem liegen, was sie bisher vorgelesen bekommen haben. Andererseits weil der Vorlesestopp auf die Kinder wie ein Liebesentzug wirkt. Schliesslich verbringen sie dadurch weniger Zeit mit ihren Eltern. Beides frustet und kann dazu führen, dass die Kinder die Freude am Lesen verlieren.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • SP am 10.04.2018 12:08 Report Diesen Beitrag melden

    Ich glaubte fest daran...er hörte mir zu

    Wenn man mich in der Schule suchte, fand man mich immer in der Bibliothek. Da meine Eltern, sich viel mit dem Satz "ha jitz ke zyt" zum vorlesen entschuldigte, las ich meinem Fidelio was vor. Fidelio war ein Jack Russell Terrier, der 19 Jahre an meiner Seite war. Er war immer ruhig wenn ich ihm etwas vorgelesen habe, für mich als Kind, war das klar, der hört mir auch zu.

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  • Babs am 10.04.2018 11:42 Report Diesen Beitrag melden

    Von Anfang an

    Mit meinem Sohn (3 jährig) schauen wir jeden Abend (meistens der papa) bilderbücher an oder lesen eine Geschichte vor. Das gehört zum abendritual und er liebt Bücher. Seit er 2.5 ist erzählt er die Geschichten die er kennt seinen kuscheltieren ...

  • Cleo am 10.04.2018 11:26 Report Diesen Beitrag melden

    Klar nützt das

    Ich habe immer meinen Katzen vorgelesen. Mir hat es geholfen und meine beiden Lieblinge haben zufrieden geschlafen. Heute lese ich wie ein Einser

Die neusten Leser-Kommentare

  • Max am 11.04.2018 00:39 Report Diesen Beitrag melden

    Auf den Hund gekommen

    Weil die Eltern keine Zeit für ihre Kinder haben muss halt der Hund als Platzhalter benutzt werden. Immerhin ist ein Hund sozialer, treuer und liebevoller als jeder Mensch.

  • Gwundernas am 10.04.2018 22:40 Report Diesen Beitrag melden

    Gibt es das noch in der Schule?

    Zu 7. fiel mir gerade wieder ein, dass unser Primarlehrer (4.-6.Kl.) jeweils einmal pro Woche aus einem Buch vorlas. Das war toll. Ob es in unserer leistungsgestressten Zeit so etwas für die Schüler noch gibt? - Wahrscheinlich zu wenig "effizient", oder?

    • mächenstunde am 11.04.2018 01:17 Report Diesen Beitrag melden

      märchenstunde

      in der primarschule : am samstag in der letzten stunde war immer vorlesestunde durch die Lehrerin: die kleine hexe, das kleine gespenst löwenherz ect. und wir haben dazu gezeichnet oder einfach nur zugehört.

    • Dani B. am 11.04.2018 01:37 Report Diesen Beitrag melden

      bei uns nicht

      ...da hat sich die Lehrerin in die Klasse gesetzt und Schüler durften nach vorne, um vorzulesen.

    • Andere Zeiten, andere Regeln am 11.04.2018 08:55 Report Diesen Beitrag melden

      @märchenstunde

      O ja, wir mussten noch Samstag vormittags zur Schule. Ach, das wäre in der heutigen Zeit völlig undenkbar. Da würde glatt der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte herbeigezogen... Wie haben wir das bloss überlebt? Können wir nun Entschädigung vom Staat wegen Kindsmisshandlung einfordern? Oder war das als Gratis-Kinderhort zu verstehen, damit Eltern am Samstag vormittag mal ihre Ruhe hatten? ;-)

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  • anonym am 10.04.2018 22:06 Report Diesen Beitrag melden

    nein - nie

    Bei der Umfrage fehlt - nein, mir wurde nie vorgelesen - auch das gibt's, wenn z.B. die Mutter verstorben ist und der Vater dazu wirklich keine Zeit hat.

  • Helga am 10.04.2018 19:17 Report Diesen Beitrag melden

    Sich Zeit nehmen und zuhören.

    Seinem Kind vorlesen, und es ermutigen es auch zu tun,sollte eigentlich selbstverständlich sein.Das Blöde daran ist, es braucht so viel Zeit und Nerven bis es klappt. Aber ehrlich gesagt die ganze Kindererziehung braucht Zeit und Nerven. Wieso nicht von Anfang an richtig zuhören, korrigieren und wiederholen lassen? Als sich beklagen das Junior nicht richtig liest?Dem Hund das Zuhören überlassen finde ich fraglich,er hört wohl zu,unterstrichen mit einem Hundegutzi, aber korrigieren wird er wohl kaum.Am Anfang liess ich mir wärend dem Kochen die Rezepte vorlesen, das war nicht viel aber wichig

  • Lesen bildet am 10.04.2018 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Noch nie gehört

    Was für ein Id......, sorry, wenig intelligenter Mensch hat sich den Spruch: "Wer viel liest ist bloss zu faul zum Arbeiten" ausgedacht?