Sonnenschirm für die Erde?

03. April 2011 19:20; Akt: 04.04.2011 11:04 Print

«Wir könnten nie wieder blauen Himmel sehen»

In der beschaulichen Umgebung eines englischen Landsitzes beraten Wissenschaftler über das fast Undenkbare: Darüber, Gott zu spielen, um den Klimawandel aufzuhalten.

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Spiegel in die Umlaufbahn, Sulfate in der Atmosphäre: In England debattierten am Wochenende Fachleute über das Geoengineering, um die Klimaerwärmung zu stoppen. (Bild: Keystone/AP)

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Bei dem dreitägigen Zusammentreffen von Experten verschiedenster Disziplinen in Chicheley Hall geht es darum, mit technischen Raffinessen in die Vorgänge der Natur einzugreifen, um die Atmosphäre abzukühlen. Und darum, wer diese Entscheidung treffen würde, um den blauen Planeten zu retten.

Die bislang unbekannten Risiken des sogenannten Geoengineering rief bei vielen Teilnehmern der Tagung im März Unbehagen hervor. «Wenn wir mit der Atmosphäre experimentieren und buchstäblich Gott spielen könnten, das ist sehr verlockend für einen Wissenschaftler», sagt der Geowissenschaftler Richard Odingo aus Kenia. «Aber ich habe Bedenken.»

Diesen Bedenken steht die Sorge gegenüber, dass die globale Erwärmung der Welt wie wir sie kennen ein abruptes Ende bereiten könnte. Der Erde drohe ein russisches Roulette, sagt beispielsweise Steven Hamburg vom Environmental Defense Fund in den USA. Der Weltklimarat (IPCC) geht davon aus, dass die Temperaturen bis zum Jahr 2100 um bis zu 6,4 Grad Celsius steigen könnten.

Wissenschaftliche Ausschüsse des Parlaments in Grossbritannien und des US-Kongresses haben ihre Regierungen im vergangenen Jahr dazu aufgerufen, umgehend mit Forschung zu Klima-Technik zu beginnen - um für alle Fälle einen «Plan B» parat zu haben, falls es weiterhin keine weltweite Vereinbarung über die Begrenzung von Treibhausgas-Emissionen gebe, wie das britische Gremium erklärte. Die britische Royal Society, einer der Organisatoren des Treffens in Chicheley Hall nordwestlich von London, lud daher unter anderen Physiker, Ozeanografen, Anwälte und Psychologen ein, um über dieses noch nie da gewesene Thema zu diskutieren.

Wissenschaftler warnen vor Dammbruch

Sobald man einmal mit Geoengineering begonnen habe, könnten regelrecht Dämme brechen, warnte Steve Rayner von der Oxford University: Dann könnte es heissen, «es ist in Ordnung, über Dinge nachzudenken, über die man nicht nachdenken sollte». Allerdings sieht es bei vielen der thematisierten Möglichkeiten ohnehin so aus, als ob sie entweder unpraktisch oder ineffektiv seien.

Hausdächer weiss zu streichen, um die Sonnenwärme zu reflektieren, zeigt kaum Wirkung. Wüsten mit einem reflektierenden Material abzudecken ist eine logistische Herausforderung und dürfte der Umwelt nicht gut bekommen. Gigantische Spiegel in der Erdumlaufbahn einzusetzen, ist finanziell nicht zu stemmen. Möglich wäre dagegen, die Ozeane mit Eisen zu «düngen», um das Wachstum von Plankton anzuregen, das CO2 vertilgt.

Das Potenzial, an der Erderwärmung tatsächlich etwas zu ändern, hat nach Einschätzung der Wissenschaftler nur ein Vorschlag: Als wichtigste Möglichkeit werde häufig der Einsatz von stratosphärischen Aerosol-Partikeln betrachtet, sagt der Klimatologe John Shepherd von der Southampton University. Bei den Partikeln handelt es sich um Sulfate, die beispielsweise mithilfe von Flugzeugen oder Ballonen in der tieferen Stratosphäre verteilt werden. Vorbild dafür ist das beim Ausbruch des Vulkans Pinatubo auf den Philippinen 1991 in die Luft geschleuderte Schwefeldioxid, das die weltweite Temperatur schätzungsweise für etwa ein Jahr um 0,5 Grad Celsius abgekühlt hat.

Unverzichtbar sei aber zusätzlich eine deutliche Reduzierung von Treibhausgas-Emissionen und die Entfernung von Kohlendioxid aus der Luft, betonen Shepherd und seine Kollegen. Andernfalls müsse die Sulfatschicht in der Stratosphäre auf unbestimmte Zeit angelegt werden. Und sollte die sogenannte SRM-Operation aus irgendeinem Grund eingestellt werden, würden die Temperaturen auf der Erde deutlich ansteigen. Ausserdem hat die SRM-Technik Nachteile: Die Sulfate dürften die Ozonschicht zerstören, sie verhindern nicht die Übersäuerung der Ozeane und eine plötzliche Abkühlung der Erde hätte ihrerseits unbekannte Auswirkungen.

Sorge vor möglicher militärischer Nutzung

Und nicht zuletzt befürchten viele, dass Regierungen auf eigene Faust über solche Experimente mit gigantischen Auswirkungen entscheiden könnten - und dass beispielsweise die USA sich von vornherein für den «Plan B» stark machen, statt sich um die vergleichsweise anstrengendere Reduzierung von Emissionen zu kümmern. Zudem könnten solche Techniken auch militärisch genutzt werden, warnte der indische Experte Arunabha Ghosh. Möglich sind Wissenschaftlern zufolge Dürren oder Überschwemmungen in umliegenden Regionen, wenn örtlich begrenzt die Sonne verdunkelt wird. Eine weitere Sorge ist die Entstehung einer auf Profit angelegten Geoengineering-Industrie.

Viele Umweltschützer lehnen eine Einmischung in die Vorgänge in der Atmosphäre kategorisch ab - oder bestehen zumindest darauf, dass solche wichtigen Entscheidungen die Vereinten Nationen treffen. Die Experten von Chicheley Hall vermuteten überwiegend, dass es eine Koalition von Ländern unter Führung der USA und Grossbritanniens geben werde, die einen solchen «Sonnenschirm» für die Erde organisieren und dazu möglicherweise auch Schwellenländer mit ins Boot holen könnte. Anschliessend müsse ein unabhängiges Expertengremium gegründet werden, um über die Risiken der geplanten Experimente zu beraten und den Startschuss für weitere Forschung zu geben.

Begeistert sei er von diesen Ideen nicht, erklärte Shepherd auf der Konferenz. Und sein Kollege Hamilton erklärte, «möglicherweise sehen wir nie wieder blauen Himmel».

(dapd)