Der Katastrophe nahe

17. August 2014 10:15; Akt: 17.08.2014 10:15 Print

«Niemand wusste, was Ebola ist»

von Matthew Barakat, AP - Vor 25 Jahren verendeten Dutzende Makaken in einer Quarantänestation bei Washington an Ebola. Auch Menschen steckten sich an. Erstaunlicherweise wurden sie aber nicht krank.

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In der Quarantänestation des Unternehmens Hazelton Research Products in Reston, unweit des internationalen Flughafens von Washington, verenden im Herbst 1989 mehrere Dutzend Makaken. Die Affen waren per Luftfracht aus den Philippinen importiert worden. Sie brachten ein tödliches Virus mit. Mitarbeiter befürchten den Ausbruch eines hämorrhagischen Fiebers und informieren das Medizinische Forschungsinstitut für Infektionskrankheiten der US-Army.

Das Ergebnis der ersten Tests übertrifft die schlimmsten Befürchtungen: Die Affen sind an Ebola gestorben, mutmasslich an dem gefährlichen Zaire-Subtypus, der beim Menschen in 90 Prozent der Fälle zum Tode führt. Vier Arbeiter der Quarantäne-Einheit haben sich bereits infiziert. Erstaunlicherweise werden sie nicht krank.

Ohne Vorbereitung gut reagiert

Die Wissenschaftler stellen schliesslich fest, dass sie es mit einem anderen Ebola-Erreger zu tun haben, der dem Zaire-Stamm unter dem Mikroskop verblüffend ähnelt. Der neue Subtypus wird Ebola-Reston genannt. Als einziger der fünf Ebola-Stämme ist er für den Menschen ungefährlich.

Doch davon war noch nichts bekannt, als die Experten der Armee ausrückten, um die vermeintlich drohende Katastrophe mit allen Mitteln abzuwenden, ohne die Bevölkerung in Panik zu versetzen. «Man kam rein und konnte die Affen überall riechen», erinnert sich C. J. Peters, der den Einsatz des Militärteams beaufsichtigte. In der Nähe lag ein kleines Einkaufszentrum – «ausreichend Gelegenheit für Schwierigkeiten», wie Peters es ausdrückt.

Während es für den Umgang mit Viren im Labor klare Vorschriften und Sicherheitsregeln gab, waren die Forscher auf die Situation, die sie in Reston zu meistern hatten, kaum vorbereitet. Sie gingen davon aus, dass sich das Ebola-Virus über die Luft verbreitet. Die Tiere mussten daher auf Distanz gehalten und aus sicherer Entfernung getötet werden. Um die Luft zu desinfizieren, brachte das Einsatzteam Formaldehyd-Kristalle zum Kochen.

Idealer Testfall

Der Vorfall in Reston brachte Ebola ins öffentliche Bewusstsein, wenn auch nicht sofort. In einer Zeit, da das Land vor allem mit der Aids-Epidemie beschäftigt war, konnten die Seuchenbekämpfungsexperten ihre Aufgabe relativ unbemerkt erfüllen. Erst mehrere Jahre später erfuhr die breite Öffentlichkeit, was sich in dem Gewerbegebiet ausserhalb der US-Hauptstadt abgespielt hatte, und zwar in literarischer Form: 1995 veröffentlichte der Autor Richard Preston sein Buch «The Hot Zone. Tödliche Viren aus dem Regenwald». Es wurde zum Bestseller.

«Der grosse Unterschied zwischen heute und 1989 ist, dass damals niemand wusste, was Ebola ist», sagt Gerald Jaax, Vizepräsident der Kansas State University. Jaax leitete vor 25 Jahren das Wissenschaftlerteam der Army in Reston. Als einen der wichtigsten Erfolge wertet er die Tatsache, dass keine der Einsatzkräfte sich mit dem Virus infizierte. Die ad hoc entwickelten Pläne hätten funktioniert. Die Erfahrungen konnten laut Jaax auch für den Transport der beiden amerikanischen Ebola-Patienten genutzt werden, die Anfang August aus Liberia nach Atlanta gebracht wurden.

Die Einsatzkräfte in Reston ahnten nicht, dass sie es mit einem für Menschen harmlosen Erreger zu tun hatten – im Rückblick ein Vorteil, wie der Arzt Amesh Adalja sagt. Der Spezialist für Infektionskrankheiten spricht vom idealen Testfall für den Umgang mit einem tödlichen Virus: «Es gibt ein Sicherheitsnetz, aber man weiss nicht, dass es sich nur um eine Übung handelt.»

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