Primitiver Instinkt

15. Oktober 2012 18:56; Akt: 15.10.2012 18:56 Print

Quietscht die Kreide, schlägt das Hirn Alarm

Es ist das beste Mittel, Menschen auf die Palme zu treiben: das Quietschen von Kreide auf einer Tafel. Eine Erklärung für das Phänomen haben Forscher tief in der Entwicklungsgeschichte des Menschen gefunden.

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Viele haben das Geräusch in der Schulzeit das letzte Mal gehört, aber nie vergessen: Das Quietschen von Kreide auf der Wandtafel. (Bild: Colourbox.ch)

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Es ist der blanke Horror: Wenn Kreide auf einer Tafel quietscht oder ein Messer auf einer Glasplatte kratzt. Diese Geräusche lassen kaum einen Menschen kalt. Und das hat seinen guten Grund, haben jetzt britische und deutsche Forscher aufgeklärt.

Mit Hilfe von Hirnscans stellten die Wissenschaftler fest, dass vor allem Töne zwischen 2000 und 5000 Hertz - das entspricht einem hohen Piepen - ein Alarmsignal im Gehirn auslösen. In dieser Tonlage liege auch hohes Kreischen und Schreien, das in der Natur oft eine Gefahr anzeige, berichten die Forscher im Fachmagazin «Journal of Neuroscience».

Primitive Reaktion

Die Wahrnehmung solcher Töne löse ein Alarmsignal im Gehirn aus. Dieses mache unser Hörzentrum noch sensibler gegenüber dem potenziell Gefahr anzeigenden Laut und verursache gleichzeitig instinktiv negative Gefühle: Wir zucken zurück, bekommen vielleicht sogar eine Gänsehaut und würden uns am liebsten die Ohren zuhalten.

«Bei dieser Reaktion setzt etwas sehr Primitives ein», erklärt Erstautor Sukhbinder Kumar von der Universität Newcastle, der die Arbeiten gemeinsam mit Kollegen vom Wellcome Trust Centre for Neuroimaging in London und vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig durchgeführt hat.

Bei den von uns als unangenehm empfundenen Tönen schalte sich direkt das für Emotionen zuständige Hirnzentrum ein, die Amygdala. Sie übernehme dann die Steuerung der Hörrinde und beeinflusse direkt unser Empfinden beim Hören solcher hochfrequenter Quietschtöne.

Die neuen Erkenntnisse könnten nach Ansicht der Forscher auch zur Klärung der Frage beitragen, warum beispielsweise Menschen mit Migräne oder Autismus oft besonders geräuschempfindlich sind. Möglicherweise reagiere die Amygdala bei ihnen besonders stark und löse so verfrüht die Abwehrreaktion und Überempfindlichkeit aus.

(sda)