Gletscherschmelze

13. September 2012 12:38; Akt: 13.09.2012 12:59 Print

500 neue Seen statt Gletscher

Der Klimawandel lässt die Gletscher schmelzen: Jedes Jahr verlieren sie zwei bis drei Prozent ihres Volumens. Wo sich die Eiszungen zurückziehen, könnten sich 500 bis 600 neue Seen bilden.

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Neuer See dank Gletscherschmelze: Der Triftsee unterhalb des Triftgletschers im Sustengebiet (Bild: Keystone/Urs Flüeler)

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Die Klimaerwärmung verändert die Topographie der Alpen: Die Gebirgsgletscher ziehen sich immer schneller zurück. Jährlich büssen sie gegenwärtig rund zwei bis drei Prozent ihrer Fläche (2011: rund 1800 km²) und ihres Volumens (2011: rund 80 ± 20 km³) ein. Als Folge der Gletscherschmelze könnten sich 500 bis 600 neue Seen in den Übertiefungen der freigelegten Gletscherbetten bilden. Was das bedeuten könnte, erkundeten Forscher am Beispiel des Triftsees, wie der Schweizerische Nationalfonds (SNF) mitteilte.

Gemäss einer Studie des Bundesamts für Umwelt könnten die neuen Seen eine Gesamtoberfläche von 50 bis 60 Quadratkilometer erzielen – das ist grösser als der Thunersee. Einige könnten mehr als 100 Meter tief werden und ein Volumen von über zehn Millionen Kubikmeter aufweisen, was einem Stausee mittlerer Grösse entspricht. So ein See wird etwa den Konkordiaplatz des Aletschgletschers ersetzen.

Eine Studie des Nationalen Forschungsprogramms «Nachhaltige Wassernutzung» (NFP 61) erkundet das Potenzial dieser neuen Seen in Bezug auf Tourismus, Wasserkraft und Umweltgefahren. Als Fallbeispiel untersuchten Forschende der Universitäten Bern und Zürich sowie der ETH Lausanne den Triftsee im Berner Gadmental.

Neue Touristenattraktion

Der See entstand Ende der 1990er-Jahre hinter einem Felsriegel und blockierte zunehmend den Weg zur Trifthütte. Um ihn zu umgehen, wurde eine schwindelerregende Hängebrücke nach nepalesischem Modell gebaut, die rasch zur Touristenattraktion wurde. Eine alte Baustellenseilbahn wurde wieder in Betrieb genommen, die Hütte verzeichnet seither einen grossen Besucherzuwachs.

Aus Sicht des Tourismus haben die Kombination von Gletscher, See und Brücke den Gletscherrückgang und den Verlust einer einmaligen Landschaft mehr als nur wettgemacht. Doch was passieren wird, wenn auch die letzten Reste des Triftgletschers verschwunden sind, bleibe offen, schreibt der SNF.

Wasserkraft und Flutwellen

Der neue See könnte sich indes für ein Wasserkraftwerk eignen, das ins Netzwerk der Kraftwerke Oberhasli integriert werden könnte. Die Forscher haben anhand von Klima- und Hydrologiedaten das Potenzial verschiedener Varianten zur Wasserkraftgewinnung durchgerechnet.

Alle Gletscherseen bergen aber die Gefahr von Flutwellen mit katastrophalen Auswirkungen, wenn Eis- oder Felsabbrüche den See überschwappen lassen. Ein Staudamm der richtigen Grösse würde diese Gefahr bannen - dafür allerdings den touristischen Wert der Gegend mindern.

Wer die neuen Seen besitzt und somit verantwortlich für deren Sicherheit und Nutzung wäre, ist laut dem SNF rechtlich ungeklärt. Darum empfehlen die Forschenden integrative Studien für die verschiedenen Seen, damit diese künftig intelligent und nachhaltig genutzt werden können. Dies wäre besonders im Hinblick auf die fällige Erneuerung verschiedener Kraftwerkkonzessionen nötig.

Video: NASA-Animation der globalen Temperaturen von 1880 bis 2011


(Quelle: Youtube/ClimateDesk)

Video: Globale Gletscherschmelze


Quelle: Youtube/xeniacolours)

(sda)