Dreckschleudern auf See

08. Dezember 2012 21:02; Akt: 08.12.2012 23:14 Print

«Schiffe benutzen den dreckigsten Treibstoff»

Den Schweizern stinkts, wenn Autos Städte, Flugzeuge die Atmosphäre verpesten. Professor James Corbett erklärt, dass auch Schiffe zum Himmel stinken - und warum das selbst Binnenländer betrifft.

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Es muss nicht immer der Treibstoff sein: Auch auf diese Wege können Schiffe umweltfreundlicher gemacht werden.

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Professor James Corbett ist ein höflicher Mann. Als 20 Minuten Online den Experten von der School of Marine Science & Policy der University of Delaware erreicht, unterbricht er den Fragesteller, um etwas klarzustellen. «Falls sie nach diesen Daten aus England fragen wollen: Das habe ich so nie gesagt.»

Der Hintergrund: Die britische Zeitung «The Guardian» hatte geschrieben, die 15 grössten Schiffe würde ebenso viele Abgase ausstossen, wie alle Autos zusammen. «Das gilt aber nur für den Ausstoss von Schwefeldioxid. Nicht, dass sie enttäuscht sind», so der Amerikaner. Nach dem Einwand, dass auch diese Zahl zu denken gibt und sich Herr und Frau Schweizer wohl Gedanken über Verschmutzungen durch Autos und Flugzeuge machen, aber nicht über Schiffsemissionen, gehen wir in medias res.

Professor Corbett, Sie beschäftigen sich mit Schiffsemissionen. Ist die Schweiz als Binnenland ein glückliches Land?
Professor James Corbett: Die Schweiz ist aus vielen, vielen Gründen ein glückliches Land. Was die Luftverschmutzung durch Schiffe angeht, ist die Schweiz einer von vielen Staaten, der in einiger Entfernung zu stark befahrenen Schiffsrouten liegt. Aber die Emissionen haben noch Hunderte Kilometer hinter der Küste Auswirkungen. Bedenken Sie ausserdem die Flussschifffahrt.

Warum verursachen Schiffe so viele Emissionen?

Schiffe transportieren die meisten Exportgüter. Riesige Verbrennungsmotoren und fossile Brennstoffe liefern die Energie dafür. Je nach Studie verbrauchen alle Schiffe zwei bis drei Prozent der weltweiten Energie. Das ist mehr als ein Land wie Deutschland verbraucht. Dabei fallen natürlich auch Abgase an: CO2, Schwefeldioxid und Stickstoffdioxid verursachen Gesundheitsprobleme und sauren Regen.

Aber dafür bewegen Schiffe ja auch viel.
Sie tun viel für die Welt und stossen dabei viele Emissionen aus. Dass sie mehr als andere Transportmittel verschmutzen, liegt daran, dass sie die meiste Zeit ausserhalb kontrollierter Gebiete fahren. Die Reedereien haben vor allem auf geringen Spritverbrauch und Kostendämmung geachtet. Erst seit 10 bis 15 Jahren achten sie auch auf die Emissionen.

Was hat das Auto dem Schiff voraus?
Die meisten Autos in den USA, Japan und Europa tanken normalerweise stark destilliertes, schwefelarmes Benzin, das aus Petroleum gewonnen wird. Wenn aus Rohöl Benzin raffiniert wird, entsteht ein konzentriertes Abfallprodukt. Die Reeder werden seit dem Zweiten Weltkrieg dazu angehalten, den billigsten Treibstoff zu benutzen. Ihre Maschinen werden so gebaut, dass sie auch die Restprodukte verbrennen können. Sie tanken also Schweröl, in dem der ganze Schwefel konzentriert ist.

Die USA und Kanada haben eine Zone eingerichtet, in die nur emissionsarme Schiffe fahren dürfen.
Es gibt auch solche Zonen in der Nord- und Ostsee sowie dem Kanal, auch um Orte wie die Schweiz zu schützen. Das Besondere an den nordamerikanischen Zonen ist, dass sie 230 Meilen um die Küsten herum liegen. Es sind die neusten und grössten Schutzzonen, aber nicht die ältesten.

Ein Vorbild für Europa?
Auf lange Sicht schon. Heute ist klar, dass unkontrollierte Verschmutzungen durch Schiffe den Menschen schadet. Dänemark hat dazu Studien erstellt, nachdem es in den 80er Jahren Probleme mit saurem Regen gab. Verschiedene Studien, darunter auch europäische, haben sich explizit mit den Vor- und Nachteilen von emissionsarmen Schiffen beschäftigt. Jede dieser Studien kam zu dem Ergebnis, dass der Nutzen einer Senkung der Schiffsemissionen die Kosten bei weitem übersteigt.

Kann man die billigen Kraftstoffe nicht einfach verbieten?
Die Gründe haben mit dem Preis zu tun. Wenn man morgen allen Kapitänen befehlen würde, so hochwertigen Treibstoff wie die Autolenker zu verwenden, könnten die Raffinerien gar nicht genug herstellen. Sie müssten erst modernisiert werden, damit sie bei der Herstellung von hochwertigem Treibstoff weniger minderwertigen produzieren, der dann Abfall wäre.

Wo stehen wir heute?
Bis 2020 soll der Ausstoss von Schwefeldioxid um 80 Prozent gesenkt werden. Um das zu erreichen, sollen die Raffinerien modernisiert werden, um mehr sauberen Schiffsdiesel herzustellen. Das wird aufwändig und kostenintensiv, deshalb gibt es in der Absichtserklärung ein Hintertürchen, dass das Vorhaben bis 2025 aufgeschoben werden kann. Ausserdem ist der umweltfreundlichere Treibstoff teurer, was die Betriebskosten und Gewinne der Reedereien tangiert. Deshalb werden auch Alternativen geprüft, die möglicherweise billiger sind, als den Treibstoff zu verändern.

(phi)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Die Transportpreise sind im allgemeinen viel zu billig. Würde hochwertigerer Treibstoff verwendet werden müssen, würde sich manch einer Überlegen, was er für Schrott importieren würde oder eben nicht. – Thomas Harder

Schweröl ist grob gesagt Abfall. Ein Abfallprodukt, das entsteht, wenn man Benzin und Diesel und Konsorten herstellt. Den Abfall zu nutzen um damit Waren zu transportieren finde ich dann doch die gescheitere Alternative als ihn irgendwo auf eine Müllkippe zu leeren. – Ana Logie

Man könnte auch auf einige Produkte wie z.B. exotische Früchte verzichten. Es braucht keine Erdbeeren im Winter. So könnte die Umweltbelastung ein Teil reduziert werden. – Über Flüssig

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Thomas Harder am 09.12.2012 07:17 Report Diesen Beitrag melden

    zu billig

    Die Transportpreise sind im allgemeinen viel zu billig. Würde hochwertigerer Treibstoff verwendet werden müssen, würde sich manch einer Überlegen, was er für Schrott importieren würde oder eben nicht.

  • O. Zehndere am 09.12.2012 10:11 Report Diesen Beitrag melden

    Lösungen fordern und fördern

    Es heisst ja: für jedes Problem gibt es mindestens eine Lösung. Vielleicht sollte man mehr Anreiz schaffen, solche Lösungen zu finden und zu realisieren. Ich kann hier gar nicht alles aufführen, was meiner Meinung nach möglich und hilfreich wäre.

  • jonas am 08.12.2012 21:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    besser verträglich

    läuft schweröl aus dem schiff aus, ist es vom Meer besser verarbeitbar, als raffinierter Treibstoff.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Y. Gerome am 11.12.2012 09:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Presseneutralität

    Woher kommen Sie eigentlich auf der Behauptung: "Den Schweizern Stinkt es." Haben Sie nachgezählt?

  • Karl Hugentobler am 10.12.2012 14:38 Report Diesen Beitrag melden

    Inkompetenter Professor

    Ein Professor sollte eigentlich wissen, dass Energie nicht verbraucht, sondern nur umgewandelt werden kann.

  • Martin Knechtli am 10.12.2012 14:32 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Saubere Luft

    Heute kannst mit den Abgasen nicht mal mehr einen Suizid machen. Zu sauber die Abgase.

  • J. Kern am 10.12.2012 08:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ach nein?

    Ich staune immer, immer wieder, was alles gewisse Mitmenschen noch nicht gewusst haben. Ist Allgemeinwissen heute ein Volksfeind?

  • Peter Christener am 09.12.2012 21:49 Report Diesen Beitrag melden

    Was für eine Erkenntnis

    Erstaunlich dass die Presse auf dieses alte Thema erst jetzt aufmerksam wird ...