Psycho-Experiment

23. Februar 2016 20:00; Akt: 23.02.2016 20:00 Print

Warum gute Menschen auf Befehl böse werden

Wenn Anweisungen für Gräueltaten von anderen kommen, schwächt das Gehirn das Verantwortungsgefühl ab. Das schlechte Gewissen bleibt auf der Strecke.

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Sie hätten ja nur Befehle befolgt. Damit versuchten sich KZ-Aufseher und NS-Führer während der Nürnberger Prozesse aus der Verantwortung zu ziehen. Das taten sie so stereotyp, dass ihre Ausflüchte als «Nürnberger Verteidigung» in die Lehrbücher eingingen. Vor diesem Hintergrund führte Anfang der 1960er-Jahre der US-Psychologe Stanley Milgram ein nach ihm benanntes Experiment durch, das zeigte, wie leicht es ist, Menschen zu Verbrechern zu machen. Und zwar indem man ihnen den Befehl gibt, ein Verbrechen zu begehen. Ein britisch-belgisches Forscherteam hat nun untersucht, warum Menschen Befehle befolgen, obwohl diese ihren eigenen moralischen Überzeugungen widersprechen. Darin sassen sich zwei Probandinnen gegenüber, die sich abwechselnd entweder mit leichten Stromstössen oder mit einer Geldbusse bestrafen oder gar nichts tun sollten. In der Hälfte der Fälle kam die Anweisung dazu von den Versuchsleitern. In der anderen Hälfte wurde es den Teilnehmern selbst überlassen. Ergebnis: Die Probandinnen, die ihre Gegenüber aus freien Stücken quälten, nahmen die Konsequenzen ihres Tuns deutlich schneller wahr. Das zeigten die im EEG und Kernspin aufgezeichneten Hirnströme. Führten sie jedoch Anweisungen aus, waren die Ströme weniger aktiv. Die Resultate sprechen laut den Forschern dafür, dass die neuronale Verarbeitung einer Handlung im Gehirn tatsächlich abgeschwächt wird, sobald Zwang, Nötigung oder anderer Druck von aussen dazukommen. Das Gehirn scheint sich kognitiv von der Tat zu distanzieren. Die Forscher betonen aber, dass sie mit ihren Erkenntnissen keineswegs jene entschuldigen wollten, die sich damit herausreden wollten, dass sie bloss die Befehle Dritter ausführten. Denn die Geschichte habe gezeigt, dass es auch Menschen gebe, die dem Bösen Widerstand leisteten. (Im Bild: Szene aus «Schindlers Liste».) Dass nicht nur der Charakter, sondern auch die Umstände darüber bestimmen, ob an und für sich gute Menschen Grausames tun, zeigte 1971 der Psychologe Philip Zimbardo im Rahmen des sogenannten Stanford-Prison-Experiments. Der Film «Das Experiment» (2001) erzählt diese Geschichte.

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Die meisten Menschen befolgen auch dann Befehle, wenn diese ihren eigenen Überzeugungen widersprechen. Das bewies Anfang der 1960er-Jahre der US-Psychologe Stanley Milgram mit seinem nach ihm benannten Experiment (siehe Box).

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Warum das so ist, hat nun ein britisch-belgisches Forscherteam untersucht. Im Fachjournal «Current Biology» geben sie bekannt, dass das menschliche Gehirn eigene Taten tatsächlich anders verarbeitet, wenn sie nicht selbstbestimmt, sondern auf Anordnung anderer ausgeführt werden.

Quälen auf Anweisung

Für die Studie führte die Gruppe um Patrick Haggard vom University College London ein an Milgram angelehntes Experiment durch. Darin sassen sich zwei Probanden gegenüber, die sich abwechselnd entweder mit leichten Stromstössen oder mit einer Geldbusse bestrafen oder gar nichts tun sollten. In der Hälfte der Fälle kam die Anweisung dazu von den Versuchsleitern. In der anderen Hälfte wurde es den Teilnehmern selbst überlassen. Um Geschlechtsunterschiede zu vermeiden, nahmen nur Frauen an der Studie teil.

Ergebnis: Die Probandinnen, die ihre Gegenüber aus freien Stücken quälten, nahmen die Konsequenzen ihres Tuns deutlich schneller wahr. Das zeigten die im EEG (Elektroenzephalografie) und Kernspin aufgezeichneten Hirnströme. Führten sie jedoch die Anweisungen der Versuchsleiter aus, waren die Ströme weniger aktiv und die Teilnehmer hatten wortwörtlich eine längere Leitung.

Keine Ausrede, aber auffällig

Die Resultate sprechen laut Haggard und seinen Kollegen dafür, dass die neuronale Verarbeitung einer Handlung im Gehirn tatsächlich abgeschwächt wird, sobald Zwang, Nötigung oder anderer Druck von aussen dazukommen. Das Gehirn scheint sich kognitiv von der Tat zu distanzieren. «Die Befunde deuten darauf hin, dass ‹nur Befehle befolgen› mehr als nur eine faule Ausrede im Nachhinein ist», so die Forscher.

Sie betonen aber, dass sie mit ihren Erkennissen keineswegs die zahlreichen Nazis entschuldigen wollen, die sich beispielsweise in den Nürnberger Prozessen damit verteidigt haben, dass sie lediglich Befehle befolgt hätten. Denn die Geschichte habe gezeigt, dass es auch immer wieder Menschen gibt, die Widerstand leisteten.


Das Milgram-Experiment hatte es in sich. (Video: Youtube/Facemann)


Wie verändert sich der Mensch, wenn er Macht über andere gewinnt? Dieser Frage gingen Forscher 1971 im Stanford-Prison-Experiment nach. (Video: Youtube/HeroicImaginationTV)


Die Geschichte des Stanford-Prison-Experiments zeigt auch der Film «Das Experiment» mit Moritz Bleibtreu. (Video: Youtube/TA-Trailer)

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Anstelle von A. am 23.02.2016 20:26 Report Diesen Beitrag melden

    Alltägliches Phänomen

    Wenn jemand, als Angestellter der FirmaX, einen Geschäftspartner "unvorteilhaft" behandelt, fühlt er sich in der Regel auch weniger schlecht, als wenn er als Privatperson handelt..

  • EMM am 23.02.2016 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der MK Ultra Projekt

    Beschäftigte ebenfalls mit Menschliche Psyche und Manipulation, nur wurde einige Akten vernichtet. Gut möglich dass der geheim Projekt die geschichte mehr geprägt hat, als wir vielleicht denken.

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  • weiblich am 24.02.2016 00:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider heute nur noch sehr wenige...

    Den wahren Charakter eines Menschen erkennt man daran, wie er diejenigen behandelt, von welchen er weder Vorteile noch Nutzen hat!

Die neusten Leser-Kommentare

  • weiblich am 24.02.2016 00:08 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Leider heute nur noch sehr wenige...

    Den wahren Charakter eines Menschen erkennt man daran, wie er diejenigen behandelt, von welchen er weder Vorteile noch Nutzen hat!

  • Werner am 23.02.2016 23:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Bart

    Das erinnert mich an eine szene von The Simpsons dort gabs auch sone szene mit Eletroshocks :D

    • Ädu am 24.02.2016 00:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Werner

      Genau! Dann haben die das sicher alles bei den Simpsons abgekupfert ;-)

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  • Markus am 23.02.2016 23:12 Report Diesen Beitrag melden

    Evolutionäre Notwendigkeit

    Könnte es sein, dass es eine evolutionäre Notwendigkeit zum schnellen kordinieren eines Jagdverbands gab und zwecks Reaktionserhöhung höhere Denkprozesse umgangen werden?

  • honey20 am 23.02.2016 23:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Krass

    Zu was ein Mensch alles fähig ist... ein schreiendes Kind weiter mit Stromschlägen zu quälen...

  • studentin am 23.02.2016 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    infos

    bitte zuerst informieren laut der offiziellen studie (die wir so im psychologieunterricht behandelten) befand sich zwischen dem schockauslösendem und dem "opfer" eine wand. so konnten sich die beiden überhaupt nicht sehen, was einen massiven einfluss auf die ausübung der stromstösse hat.

    • Theo am 24.02.2016 11:09 Report Diesen Beitrag melden

      Apropos Manipulation

      Danke. Denn diese Info ist echt relevant! Die Recherchen hier enthalten leider viele solcher fehlenden Infos. Manchmal absichtlich um Meinungen zu beeinflussen.

    • Ex-Student am 24.02.2016 11:24 Report Diesen Beitrag melden

      Bitte sich vollständig Informieren!

      Achtung: Milgram und Kollegen haben das Experiment mehrfach wiederholt und unterschiedliche Konditionen eingeführt, dabei auch solche ohne Wand dazwischen und weitere verschärfte Bedingungen (Schocks für "Herzinfarktpatienten").

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