«Als ob es bereits August wäre»

06. Juli 2017 14:29; Akt: 07.07.2017 07:24 Print

Rhonegletscher schrumpft 10 Zentimeter pro Tag

Die Gletscherschmelze hat dieses Jahr um einen Monat früher begonnen als normal. Ein Experte erklärt, wieso die Schweizer Gletscher immer schneller sterben.

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Der schneearme Winter und heisse Tage im Juni setzen den Schweizer Gletschern zu. Der Rhonegletscher ist seinem durchschnittlichen Jahreszyklus rund einen Monat voraus und im Zungenbereich schrumpft seine Dicke aktuell rund zehn Zentimeter pro Tag, wie der Klima- und Gletscherexperte David Volken auf Anfrage von 20 Minuten sagt. Der Gletscher sei bis rund 3000 Meter über Meer frei von Schnee, und im Gletschersee schwimme kein Eis mehr. «Der Rhonegletscher sieht aus, als ob es bereits August wäre», fasst Volken zusammen.

Bis am Wochenende werde dieser rasante Rückgang so weitergehen. Danach sei eine leichte Abkühlung in Aussicht und die weitere Entwicklung hänge vom weiteren Wetterverlauf bis Ende September ab.

Seit 2010 habe der Rhonegletscher insgesamt rund 170 Meter an Länge eingebüsst, so Volken. Bis Ende Jahrhundert wird der Rhonegletscher gemäss der «mittleren» Prognose gar auf circa ein Zehntel seiner aktuellen Grösse zurückschmelzen. «Das kann aber auch schneller gehen», so Volken. Das gesamte Schweizer Gletschereis dürfte sich ähnlich verhalten und bis 2100 ebenfalls auf 10 Prozent des aktuellen Volumens zusammenschrumpfen.

«In der Schweiz passiert die Erwärmung etwa doppelt so schnell»

Dieser Rückgang stehe klar im Kontext der durch den Klimawandel verursachten Gletscherschmelze. Im Jahr 2015 allein verloren Schweizer Gletscher rund 2,5 Prozent ihrer Eismasse von insgesamt 50 bis 60 Kubikkilometern. Letztes Jahr ging das Eis erneut 1,5 Prozent zurück. Und 2017 dürfte erneut ein Verlustjahr werden.

Was den Gletschern im Generellen zusetzt, sind schneearme Winter in Verbindung mit heissen Sommern. «In der Schweiz passiert die Erwärmung etwa doppelt so schnell wie im globalen Mittel», sagt Volken. Hierzulande sei die Durchschnittstemperatur in den letzten 30 Jahren um ein Grad gestiegen – in den letzten 150 Jahren um insgesamt zwei Grad.

«Da wird nicht mehr viel übrig bleiben»

Viele kleinere Gletscher werden den Klimawandel weit weniger lang überleben als der Rhonegletscher. Der Griesgletscher beim Nufenenpass zum Beispiel wird wohl bald ganz verschwinden. «Mitte Jahrhundert wird da nicht mehr viel übrig bleiben», so Volken. Die sterbenden Schweizer Gletscher werden in den Bergen bis zur Jahrhundertwende etwa 500 neue Seen zurücklassen.

Der Rückgang des Rhonegletschers um 170 Meter in den letzten sieben Jahren ist im Vergleich zu anderen Gletschern relativ klein. Volken berichtet von drei Beispielen, bei denen sich die Zunge komplett vom oberen Teil des Gletschers löste und dann langsam abstarb.

  • Der Triftgletscher hat so zwischen 2005 und 2015 ganze 1,2 Kilometer an Länge verloren.
  • Der Obere Grindelwaldgletscher ist zwischen 2009 und 2015 um zwei Kilometer Länge zurückgegangen.
  • Auch der Untere Grindelwaldgletscher büsste auf diese Art in den letzten acht Jahren einen Kilometer an Länge ein.
Der Zungenbereich des Rhonegletschers illustriert die positiven Rückkoppelungen, die eintreten, wenn der Gletscher an Masse verliert (wie auch in der Bildstrecke ersichtlich ist): Seit circa 2011 hat sich der Gletschersee bei der Zunge merklich vergrössert, sodass der Gletscher den See im Winter nicht mehr verdecken kann. Heute ist der See rund 400 Meter breit. Der gefrorene See schmilzt dann im Frühling relativ früh. So gerät viel Eis viel früher in direkten Kontakt mit dem Wasser, was die Schmelze weiter beschleunigt.

Auch schneearme Winter wie 2016/2017 tragen dazu bei. Ohne Schneedecke absorbiert Eis viel mehr Energie aus dem Sonnenlicht und schmilzt so schneller. Aktuell ist der Rhonegletscher bis rund 3000 Meter über Meer schneefrei, was ihm stark zusetzt.

Das typische «Kalben» eines Gletschers – also das Abbrechen von Eisbrocken bei der Zunge – findet aktuell im Rhonegletscher fast nicht mehr statt. Bei der Zunge gibt es gar keine Mauer mehr, die abbrechen könnte. Nur noch auf der einen Seite türmt sich das Eis zwei bis fünf Meter auf. Aber auch dieses Mäuerlein werde noch verschwinden, so Volken.

(mch)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • G.K. am 06.07.2017 14:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    tragisch

    Ist tragisch. Aber je weniger Eis desto schneller schmilzt es....Woher kommt unser Wasser in ein paar Jahren wenn es keine Gletscher mehr gibt? Der Regen genügt dann wohl nicht...

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  • Flørigni am 06.07.2017 14:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade

    Der Schweiz geht ein Wahrzeichen verloren.

  • FRL-Myke am 06.07.2017 14:47 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    und wieder mal...

    Klimawandelskeptiker: "Ich glaube nicht an den Klimawandel und die Mitschuld des Menschen. Ich will Beweise!". *Experte legt tonnenweise Beweise vor die von 97% der Wissenschaftler anerkannt sind* Klimawandelskeptiker: "Das ist alles gelogen, das weiss ich aus einem Youtube Video."

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Discar am 08.07.2017 00:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gletscher retten mit Technik

    Der Klimawandel findet statt! Also muss man dagegen etwas machen. Wieso nicht im Winter Schnee produzieren mit dem Wasser aus dem Gletschersee? Schneekanone hinstellen und Wasser hochpumpen, damit für den Sommer genug Schnee auf dem Gletscher liegt. Betrieb mit Solarenergie der in Batterien für den Winter gespeichert wird. Beim Permafrost gibt es die Lösung mit Wärmepumpen, im Sommer soviel Wärme dem Boden entziehen, dass dieser Kalt wird, im Winter das System ausschalten. Wir sollten unsere Technik nutzen!

  • Protönchen am 07.07.2017 17:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Frage

    10 cm pro Tag? - Wie viele Elektroautos kann man mit diesem Zusatzwassser pro Tag aufladen?

    • InMa am 07.07.2017 22:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Protönchen

      Hab einen Bericht gelesen das es auswärts sehr teuer ist die Kisten zu laden, Gebühren und Festkosten, sowie bis zu 3 mal teurer als Benzin auf 100 km. In der Schweiz wenn du auswärts Strom tankst. Schade.

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  • Josef am 07.07.2017 14:28 Report Diesen Beitrag melden

    Warum diese Panik?

    500 neue Seen, weniger Eis, wo ist denn das Problem? Wassermangel? Es gibt meines Wissens keine Gletscher im Jura, trotzdem ist es keine Wüste. Entscheidend bei dieser Frage wird sein, wieviele Niederschläge es gibt. Ob wir in der Lage sind, diese zu speichern usw. Wenn ich aber die letzten 10 Jahre anschaue, scheint es nicht wirklich weniger Regen zu geben. Klimawandel ja, Klimakatastrophe nein.

  • Hellfire am 07.07.2017 12:48 Report Diesen Beitrag melden

    ... das Denke ich ...

    ... zum Teil vom Verstand gewisser Leute: Schrumpft pro Tag um 10 cm :-)

    • Knallvix am 07.07.2017 17:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Hellfire

      Alles Negativ denker...es ist alles im grünen bereich

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  • M.G. am 07.07.2017 12:29 Report Diesen Beitrag melden

    Mensch reagiert erst bei Lebensgefahr

    Die Abstraktionsfähigkeit der Spezies Mensch ist doch sehr bescheiden. Die meisten reagieren erst wenn sie unmittelbar persönlich bedroht sind. Wir können unser genetisch verankerters Steinzeitverhalten nicht ablegen. Sämtliche grossen Religionsführer und Philosophen haben versucht uns auf eine höhere geistige Ebene zu heben. Das hat bisher immer nur bei einer winzig kleinen Minderheit funktioniert. Da sind wir wie kleine Kinder denen man hundertmal sagen kann das sie nicht die heisse Herdplatte anfassen sollen. Einsicht kommt erst wenn man sich selbst die Finger verbrannt hatte.