Nobelpreisträger Mo Yan

11. Oktober 2012 18:22; Akt: 11.10.2012 18:22 Print

«Schriftsteller sind die Ärzte der Gesellschaft»

Die Vergabe des Literaturnobelpreises an Mo Yan hat eine brisante Diskussion ausgelöst: Ist der Chinese ein regierungstreuer Opportunist oder tatsächlich ein ganz grosser Erzähler? Der Autor selbst ist über die Debatte nicht überrascht.

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Mo Yan ist der erste chinesische Staatsbürger, der den Literatunobelpreis erhält. Sein dissidenter Landsmann Gao Xingjian bekam den Preis im Jahr 2000 - als Franzose. Mit Regierungskritikern scheint es Mo Yan nicht so zu haben: Seit er sich 2009 auf der Frankfurter Buchmesse weigerte, im selben Raum mit Dissidenten zu sitzen, wird er als «Staatsschriftsteller» verunglimpft.

Sein Übersetzer Howard Goldblatt dagegen hält ihn für den mutigsten unter den zeitgenössischen Schriftstellern Chinas. Mo Yan sei einfach «sehr begabt, durch die politischen und sozialen Minenfelder zu navigieren». Auch Mos Zürcher Verleger Lucien Leitess meinst: «Ich bin ganz sicher, dass es eine Entscheidung für die Literatur war und alle anderen Fragen in den Hintergrund traten. Es ist eine Würdigung für einen zutiefst demokratischen und humanistischen Autor». Mo Yan lege «die Finger in die Wunden der chinesischen Gesellschaft, aber er zeigt auch immer wieder, wie die Probleme bewältigt wurden».

«Überglücklich und erschrocken»

Der frischgebackene Nobelpreisträger scheint die wiederaufflammende Diskussion über seine politische Haltung befürchtet zu haben. Er sei zugleich «überglücklich und erschrocken», sagte er dem chinesischen Staatsfernsehen am Donnerstag. «China hat viele grossartige Schriftsteller, die auch dazu befähigt sind, von der Welt anerkannt zu werden», meinte er. Statt politische Literatur zu schaffen, sollte ein Schriftsteller «seine Gedanken tief vergraben und sie über die Charaktere vermitteln», hatte der 57-Jährige in einem früheren Interview erläutert.

Zur Debatte hatte sich der Autor bereits in der Vergagenheit geäussert. Gegenüber einem Journalisten der «Welt» hatte er im September 2008 behauptet: «Zu meinem Ruf in China kann ich nur sagen, dass ich dort bereits seit über 20 Jahren eine Menge treuer Leser habe. Selbstverständlich gibt es auch einige Menschen, die meine Werke nicht mögen.»

Ein Chinese mit Privilegien

«Meine Bücher spielen alle vor dem Hintergrund der chinesischen Geschichte der letzten hundert Jahre, und die bestand vor allem aus Krieg und Elend. Das ist auch meine persönliche Lebenserfahrung», hatte Mo Yan gegenüber der «Stuttgarter Zeitung» im August 2009 verraten. «Natürlich sind Beschreibungen von Brutalität und Leiden für die Leser nicht angenehm, aber ein Schriftsteller sollte keine Angst davor haben, die hässlichen Seiten des Lebens zu zeigen. Es ist sogar seine Verantwortung.» Schliesslich seien Schriftsteller «die Ärzte der Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, ihre Krankheiten zu finden, auch die der Regierung.»

Im Westen bekannt wurde der Bauernsohn aus der ostchinesischen Provinz Shandong vor allem durch die Verfilmung seines Novellenzyklus' «Das rote Kornfeld» durch Zhang Yimou. Der Film wurde 1988 mit dem Goldenen Bären der Berlinale ausgezeichnet und für den Oscar nominiert. In seiner Heimat arbeitet der Schrifsteller zudem als Angestellter des Kulturministeriums. Dadurch hat er Anspruch auf Krankenversicherung - in China ein seltenes, oft lebensrettendes Privileg.

Eine Kindheit in Armut

Mo Yan - das Pseudonym bedeutet ungefähr «der Sprachlose» - wurde am 17. Februar 1955 als Guan Moye in Gao Mi geboren. Während der Kulturrevolution musste er die Primarschule verlassen, zeitweise ernährte er sich von Baumrinde und Wildkräutern. Einsamkeit und Hunger seien die «Quellen seiner Inspiration» gewesen, sagte er einmal.

Rettung brachte die Volksbefreiungsarmee, die ihm das Kunststudium und eine Dozentenstelle in der Literaturabteilung ihrer eigenen Kulturakademie ermöglichte. Sein erstes Buch erschien während seiner Dienstzeit.

Gegen Ein-Kind-Politik

Mo verbinde «mit halluzinatorischem Realismus Volksmärchen, Geschichte und Zeitgenössisches», hiess es am Donnerstag in der Begründung der Jury in Stockholm. «Sein grosses Thema ist das China der letzten 100 Jahre», beschreibt Lucien Leitess Mos Werk. «Dabei interessiert ihn vor allem, was auf dem Land passiert. Er spielt eine grosse Orgel mit vielen Registern. Seine Texte sind mal skurril, aber manchmal auch grausam und hart, wie eben auch die chinesische Realität, dann wieder poetisch zum Mitfühlen.»

Leitess hat «Die Schnapsstadt», «Das rote Kornfeld», «Die Knoblauchrevolte» und «Der Überdruss» verlegt. Die Rechte am neuesten Werk «Frosch» hat ihm der Hanser Verlag weggeschnappt. Es greift das aktuelle Thema der chinesischen Ein-Kind-Politik auf und sorgte ebenfalls für Diskussionen.

(sda)