Flüchtlingstag

17. Juni 2012 12:01; Akt: 04.12.2012 17:56 Print

Unsere Last ist kleinUnsere Last ist klein

von Daniel Huber - Vier Fünftel aller Flüchtlinge leben in Entwicklungsländern. Trotzdem nehmen wir jene, die es zu uns schaffen, als Last wahr. Ein Werbespot hat das aufgegriffen – hier erfahren Sie, wer hinter dem Video steckt.

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Die Auflösung: Hier sehen Sie, wer hinter dem Werbevideo zur Asyldebatte steckt. Im Grossformat auf dem Videoportal Videoportal
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Flüchtlinge sind Menschen – eine simple Tatsache, die nur zu schnell vergessen wird. Ausgerechnet in den reichen Ländern des Westens werden Flüchtlinge aber vor allem als Last wahrgenommen. Sie sind hier nicht willkommen. Das bringt auch ein Werbespot des Hilfswerks der Evangelischen Kirchen (HEKS) zum Ausdruck, in dem zu sehen ist, wie ein Passagier am Flughafen Zürich mit unfreundlichsten Parolen empfangen wird.

Missbrauch im Asylwesen und kriminelle Asylsuchende verstärken das Unbehagen, das sich politisch in repressiven Massnahmen niederschlägt: Nur wenige Tage vor dem internationalen Flüchtlingstag am 16. Juni hat der Nationalrat entschieden, Asylsuchenden statt Sozial- nur noch Nothilfe zu gewähren. Aus dem rechten Lager wird sogar der Ruf nach Internierungslagern laut.

Mehr Asylgesuche

In der Tat ist die Zahl der Asylgesuche letztes Jahr im Gefolge des «arabischen Frühlings» kräftig angestiegen. 2011 nahm sie in den Industrieländern gegenüber dem Vorjahr um 20 Prozent zu, und auch in der Schweiz kletterte sie erstmals seit 2003 wieder über die Marke von 20 000 neuen Gesuchen (siehe Grafik unten).

Anzahl der neuen Asylgesuche, 1992 – 2011
Quelle: BfM

Der Anstieg der Asylgesuche weckt zum Teil durchaus berechtigte Ängste. Oft wird dabei aber vergessen, dass wir nur einen vergleichsweise kleinen Teil der Last tragen. Weltweit befinden sich derzeit rund 43 Millionen Menschen auf der Flucht vor Hunger, Krieg und Verfolgung. Nur wenige von ihnen gelangen überhaupt in die reichen Industrieländer; 80 Prozent bleiben in den Entwicklungsländern. 75 Prozent der 15 bis 16 Millionen Menschen, die in ein anderes Land fliehen mussten, leben in einem Nachbarland ihres Heimatstaats.

Entwicklungsländer tragen die Last

Unter den zehn Ländern, die am meisten Flüchtlinge aufgenommen haben, befanden sich 2010 nur drei Industrieländer: Deutschland, die USA und Grossbritannien. Weitaus am meisten Flüchtlinge hatten Pakistan, der Iran und Syrien zu verkraften (siehe Grafik unten).

Die zehn Staaten mit den meisten Flüchtlingen (in absoluten Zahlen), Ende 2010
Quelle: UNHCR

Noch krasser wird das Bild, wenn man nicht die absoluten Zahlen heranzieht, sondern die Anzahl der Flüchtlinge mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit des Landes in Beziehung setzt. Dazu eignet sich das kaufkraftbereinigte BIP pro Kopf als Kennziffer. Bei der Anzahl Flüchtlinge, die auf jeden US-Dollar des BIP pro Kopf entfällt, finden sich nur noch Entwicklungsländer in den Top Ten (siehe Grafik unten).

Anzahl der Flüchtlinge pro 1 US-Dollar des BIP/Kopf (Kaufkraftparität), 2010
Quelle: UNHCR

Flüchtlinge im eigenen Land

Zu den 15 bis 16 Millionen Menschen, die ihren Heimatstaat verlassen mussten, kommen noch jene, die innerhalb ihres eigenen Landes zu Flüchtlingen geworden sind. Es sind rund 26 Millionen; mehr als Ghana Einwohner hat. Mehr als eine Million dieser Binnen-Flüchtlinge gibt es gemäss dem Norwegian Refugee Council’s Internal Displacement Monitoring Centre (IDMC) in Kolumbien (3,6 - 5,2 Mio.), im Sudan (4,5 - 5,2 Mio.), im Irak (2,8 Mio.) in der Demokratischen Republik Kongo (1,7 Mio.) und in Somalia (1,5 Mio.).

Diese Zahlen werden in absehbarer Zeit wohl nicht zurückgehen: Gerade im vergangenen Jahr hat das UNO-Hochkommissariat für Flüchtlinge (UNHCR) die höchste Zahl neuer Flüchtlinge seit einem Jahrzehnt festgestellt. Als aktuelle Beispiele nannte UNO-Flüchtlingskommissar António Guterres Ende Mai 2012 die Vorgänge in Mali und den Konflikt zwischen dem Sudan und dem Südsudan. Syrien, das Guterres ebenfalls aufzählte, ist ein besonders drastischer Fall: In dem Land, das selber Anfang 2012 immer noch über eine Million Flüchtlinge aus dem benachbarten Irak beherbergte, sind mittlerweile rund eine halbe Million Menschen auf der Flucht vor der anhaltenden Gewalt. Die wenigsten von ihnen werden jemals an unsere Haustür klopfen.

Ausgewählte Leser-Kommentare

Schon vor 60 Jahren hat man gesagt: das Boot ist voll. Und hat mit diesem Satz Hunderte, Tausende ihrem Schicksal überlassen und in den Tod geschickt. Auch Heute ist man nicht schlauer! Leider! Aber es kann und will ja niemand auf etwas verzichten. Wie gut es uns Schweizer geht sieht man erst wenn man das Leben der Flüchtlinge kennt! Und nein, das Boot ist noch lange nicht voll! – Ken B.

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  • Erika am 19.06.2012 15:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wer den Schaden hat....

    Nun ich habe diese Kommentare aufmerksam gelesen. Ich stelle fest, dass sehr viele aufgewacht sind. Es hat zwar lange gedauert. Hätte man damals umgesetzt, was Blocher (SVP) wollte, hätten wir nicht dieses Schlamassel!!! Sehr,sehr schade! Uns wäre allen sehr viel erspart geblieben. Durch Schaden wird man Klug.

  • Ken B. am 19.06.2012 12:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das Boot ist nicht voll 

    Schon vor 60 Jahren hat man gesagt: das Boot ist voll. Und hat mit diesem Satz Hunderte, Tausende ihrem Schicksal überlassen und in den Tod geschickt. Auch Heute ist man nicht schlauer! Leider! Aber es kann und will ja niemand auf etwas verzichten. Wie gut es uns Schweizer geht sieht man erst wenn man das Leben der Flüchtlinge kennt! Und nein, das Boot ist noch lange nicht voll!

  • Cello am 19.06.2012 07:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Vielleicht hart, aber fair

    Unlängst habe ich zu diesem Thema folgenden Beitrag gelesen (so in ungefähr): "Untersuchungszeit auf drei Monate verkürzen (ist absolut machbar). die wirklich Lebensbedrohten aufnehmen, Rest konsequent zurück schieben." Somit ist diese kurze 3-monatige "Übergangszeit" absolut mit Notunterstützung machbar und verdient auch somit ihren Namen! Zurück gewiesene sollen sich der Rückschaffung nicht einfach mit Beißen und schlagen gegenüber den Poizeibeamten der Rückschaffung entziehen können!