Saubere Luft

11. Juli 2012 14:13; Akt: 11.07.2012 17:46 Print

Das Auto muss noch grüner werden

Die EU will die Abgas-Grenzwerte weiter senken. Die Schweiz dürfte nachziehen. Bis im Jahr 2020 soll der erlaubte CO2-Ausstoss noch einmal deutlich geringer sein als bislang.

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Der Klimawandel in unserer Infografik.

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Mit verbindlichen Klimaschutzvorgaben will die EU-Kommission fahrende Dreckschleudern von Europas Strassen verbannen und umweltfreundliche Automobilhersteller belohnen. Dass Neuwagenflotten ab 2020 im Schnitt nur noch 95 Gramm CO2 pro Kilometer ausstossen sollen, stand bereits fest - am Mittwoch wurde nun auch definiert, wie stark Produzenten grosser und schwerer Fahrzeuge von diesem Richtwert abweichen dürfen. Relativ gesehen seien ihre Auflagen genauso hart wie für Kleinwagenproduzenten, betonte Klimakommissarin Connie Hedegaard in Brüssel. In absoluten Zahlen - also Gramm - gerechnet, müssten Oberklassehersteller hingegen mehr leisten.

Die Berechnungsformel für den Richtlinienvorschlag ist kompliziert: Derzeit blasen Pkw im europaweiten Schnitt nach Kommissionsangaben etwa 136 Gramm des klimaschädlichen Treibhausgases in die Atmosphäre. Für 2015 gilt weiterhin das Ziel von 130 Gramm, die Vorgabe für 2020 würde also eine weitere Absenkung um 27 Prozent bedeuten. Etwas entschärft fällt das Regelwerk für Kleintransporter aus, deren Zielmarke für 2020 auf 147 Gramm festgesetzt wurde - 34 Gramm weniger als bis jetzt.

Entscheidend ist in beiden Fällen der Schlüssel, mit dem das durchschnittliche Fahrzeuggewicht der Gesamtflotte eines Herstellers einberechnet wird. Die Brüsseler Formel basiert auf einer Gleichung mit dem Faktor «a». Er legt fest, wie weit der CO2-Ausstoss rollender Dickschiffe vom Zielwert 95 Gramm je Kilometer abweichen darf. Je kleiner dieser Faktor ausfällt, desto mehr müssen die Hersteller einsparen. Nach langem Kampf mit Umwelt- und Industrieverbänden legte die EU-Kommission «a» auf den Wert 0,0333 im Jahr 2020 fest. Bislang galt für die Lastenverteilung 2015 ein Faktor von 0,0457.

87 Gramm für Fiat, 100 Gramm für BMW

Im Klartext bedeutet das zum Beispiel für den italienischen Kleinwagenproduzenten Fiat einen künftigen Richtwert von 87 Gramm Kohlendioxid pro Kilometer. Daimler muss mit 99 Gramm kalkulieren, BMW mit 100 Gramm. Allerdings basieren diese Zahlen auf dem heutigen Durchschnittsgewicht der jeweiligen Modellpaletten. In den Jahren 2014 und 2017 zieht die Kommission eine Zwischenbilanz und erhebt das Gewicht neu, danach wird angepasst. Für Kleinhersteller gelten entschärfte Regeln, Nischenproduzenten mit maximal 500 Neuwagen pro Jahr sind gänzlich von den Auflagen ausgenommen.

Hedegaard hält die von ihr vorgegeben Ziele für «ambitioniert, aber durchaus erreichbar». Zwar räumte die Dänin ein, dass Autokonzernen dadurch höhere Entwicklungskosten entstünden und diese trotz hohen Wettbewerbsdrucks vielleicht an den Endkunden weitergereicht würden. Allerdings kalkuliert sie damit, dass sich der höhere Kaufpreis binnen drei Jahren durch den geringeren Benzinverbrauch amortisiert und danach sogar um ein Vielfaches rechnet. Insgesamt geht Hedegaard davon aus, dass der CO2-Ausstoss so bis 2030 um 420 Millionen Tonnen und der Ölverbrauch um 160 Millionen Tonnen gesenkt werden kann.

Die Reaktionen auf ihren Vorstoss, mit dem sich noch das Europäische Parlament und die EU-Mitgliedstaaten befassen müssen, fielen zwiegespalten aus. In den Augen des CDU-Europaabgeordneten Herbert Reul kommt die Richtlinie zur Unzeit: «Jetzt schon die neuen Vorschläge für 2020 auf den Tisch zu legen, zeugt nicht von grossen Fingerspitzengefühl gegenüber der europäischen Automobilindustrie, die mit den Folgen der Rezession zu kämpfen hat.» Die Grünen im Parlament begrüssten dagegen das verbindliche Ziel, finden es aber zu niedrig und machten dafür die mächtige Industrielobby verantwortlich.

«Erhebliche technische Anstrengungen und Investitionen»

Der Europäische Automobilhersteller-Verband ACEA bemühte sich um zurückhaltende Töne, um nicht als Klimasünder dazustehen. Es sei klar, dass der CO-Ausstoss sinken müsse - allerdings seien die EU-Vorgaben «strenger als anderswo auf der Welt», inklusive der USA, China und Japan. Zwischen den Zeilen herauszulesende Wettbewerbsbedenken machte auch der Verband der Deutschen Automobilindustrie geltend. Die Ziele seien «sehr ambitioniert» und erforderten «erhebliche technische Anstrengungen und Investitionen», sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann. Daher sei es nicht zufriedenstellend, dass in die Klimabilanz der Herstellerflotten höchstens 20 000 Elektroautos eingerechnet werden dürften.

Im Gegensatz zur Industrie gehen mehreren Umweltorganisationen die Brüsseler Vorgaben nicht weit genug. Prinzipiell sei das verbindliche Ziel mit Strafen bei Verstössen zwar zu begrüssen, hiess es unisono von Greenpeace, WWF und dem BUND. Allerdings hielten alle drei Verbände einen Richtwert von 80 statt 95 Gramm CO2 je Kilometer für angemessener. Zudem bemängelten sie fehlende Zielmarken für die Zeit nach 2020. Für diese Periode will Hedegaard nach eigenen Angaben noch in diesem Jahr erste Vorschläge vorlegen.

(dapd)