Erbgutanalyse

22. Januar 2012 15:08; Akt: 22.01.2012 15:58 Print

Wie krank bin ich wirklich?

Dank Internet kann jeder sein Erbgut auf Krankheiten untersuchen lassen, obwohl das Schweizer Gesetz das verbietet. Wissenschaftler fordern eine Öffnung des Marktes, Politiker eine Regulierung.

storybild

Dass eine DNA-Analyse Auskunft geben kann über das Risiko an Diabetes oder Schizophrenie zu erkranken, ist umstritten. (Bild: Colourbox)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Sind Sie Träger des Gendefekts Zystische Fibrose? Oder könnten Sie ihren Kindern eine zystische Nierenerkrankung vererben? Sie wissen es nicht? Ein Gentest im Internet kann da Abhilfe schaffen: Auf verschiedenen Portalen bieten Biotechnologie-Unternehmen aus den USA mittlerweile Tests für Jedermann an.

Je nach Anbieter kann man gleich eine komplette Analyse seiner Gene machen lassen und Resultate für 44 potentielle Gen-Defekte, 20 Suchtgefährdungen und Arzneimittelreaktionen, 54 Charakterzüge und 161 Erkrankungsrisiken erhalten oder sich auf spezifische Probleme fokussiert testen lassen. So geben die Ergebnisse nicht nur künftigen Vätern und Müttern darüber Auskunft, ob sie als Paar einem Kind Gen-Defekte vererben können. Die Wissenschafter wollen aus den Genen auch herauslesen können, wie gross die Gefahr ist, an Herzinfarkt, Diabetes oder einer Krebsart zu erkranken.

Nur Ärzte dürfen DNA-Untersuchung anordnen

In der Schweiz sind solche Untersuchungen nur erlaubt, wenn sie zum Schutz der Gesundheit des Menschen notwendig sind. Wenn es aufgrund der Familiengeschichte Hinweise auf Erbkrankheiten gibt, darf eine Gen-Untersuchung ausnahmsweise auch ohne medizinische Notwendigkeit durchgeführt werden. Veranlassen können solche Untersuchungen nur Ärzte. Diese sind verpflichtet, den Patienten fachkundig und beratend über sein Testergebnis zu informieren .

All diese Vorgaben werden bei den Internet-Tests für Jedermann nicht erfüllt. Unter Experten und Wissenschaftern sind sie darum sehr umstritten. Die Schweizerische Gesellschaft für medizinische Genetik kritisiert, dass Herzinfarkt-, Diabetes- oder Krebs-Erkrankungen nicht nur von der genetischen Veranlagung, sondern auch von der Ernährung, Bewegung und weiteren Umweltfaktoren abhängen. Ausserdem sei bis heute noch zu wenig bekannt über die Auswirkungen einzelner Gen-Defekte. Erkrankungen seien immer die Folge von mehreren Faktoren, die zusammen wirkten. Die wissenschaftliche Datenlage dazu sei aber noch viel zu dünn.

Lücke schliessen, aber wie?

Doch bei Gentests, die im Ausland gemacht werden, ist der Gesetzgeber derzeit machtlos. Obwohl in der Schweiz nicht legal, kann jedermann ein Test-Set bestellen, in ein Röhrchen spucken und die Proben zur Untersuchung in die USA senden. Das musste auch der Bundesrat feststellen. Nun will er gemäss der «NZZ am Sonntag» diese Gesetzeslücke schliessen.

Wie dies geschehen soll, ist aber ebenso umstritten wie die Tests selbst. So raten die medizinischen Genetiker strikt von solchen Tests ab. Auch die Expertenkommission für gentechnische Untersuchungen (Gumek) des Bundesamtes für Gesundheit hält Internet-Tests für unseriös. Sie entsprächen nicht den Qualitätsanforderungen und gewährleisteten keinen Datenschutz.

Hochschulen wolle Öffnung des Marktes

Doch es gibt auch Wissenschafter, die in breiten Gentests eine grosse Chance sehen. An vorderster Front steht der Molekularbiologe und ETH-Professor Ernst Hafen. Er plädiert dafür, dass in der Schweiz Gentests ohne ärztlichen Beizug erlaubt werden sollen. «Wir sollten auch hierzulande seriöse Tests anbieten und nutzen», findet er. Eine hohe Anzahl anonymisierter Genomdaten von gesunden und kranken Personen könnten das Verständnis einer Krankheit verbessern und den Weg zu neuen Therapien und Präventionsmassnahmen eröffnen. Eine Gesellschaft mit einem öffentlich finanzierten Gesundheitswesen sei geradezu verpflichtet, eine solche Chance wahrzunehmen.

Unterstützt wird Hafen von der ETH und der Universität Zürich. Im März wollen die beiden Hochschulen eine Informationsoffensive starten, mit der sie die öffentliche Diskussion anregen wollen. Auch unter Politikern findet diese Haltung Unterstützung. Der Waadtländer CVP Nationalrat Jacques Neirynck hat bereits 2010 einen Antrag auf eine parlamentarische Initiative zur Öffnung des Marktes eingereicht.

Wissenschaftliche Kommission möchte Gentest regulieren

Die Wissenschaftliche Kommission des Nationalrats (WBK) hat Ende Oktober 2011 Neyrincks Antrag aber abgewiesen und im Gegenzug eine Kommissionsmotion an den Bundesrat eingereicht. Dieser soll Gesetzesänderungen vorschlagen, wie der unkontrollierte Online-Markt für genetische Untersuchungen am Menschen mit gezielten Massnahmen reguliert werden kann.

(ann)

Fragen und Antworten rund um die Kommentar-Funktion
«Warum dauert es manchmal so lange, bis mein Kommentar sichtbar wird?»

Unsere Leser kommentieren fleissig - durchschnittlich gehen Tag für Tag 4000 Meinungen zu allen möglichen Themen ein. Da die Verantwortung für alle Inhalte auf der Website bei der Redaktion liegt, werden die Beiträge vorab gesichtet. Das dauert manchmal eben einige Zeit.

«Gibt es eine Möglichkeit, dass mein Beitrag schneller veröffentlicht wird?»

Wer sich auf 20 Minuten Online einen Account zulegt und als eingeloggter User einen Beitrag schreibt oder auf einen Kommentar antwortet, der wird vorrangig behandelt. Hat ein eingeloggter User bereits viele Kommentare verfasst, die freigegeben wurden, so werden seine neuen Beiträge mit oberster Priorität behandelt.

«Warum wurde mein Kommentar gelöscht?»

Womöglich wurde der Beitrag in Dialekt verfasst. Damit alle deutschsprachigen Leser den Kommentar verstehen, ist Hochdeutsch bei uns Pflicht. Sofort gelöscht werden Beiträge, die Beleidigungen, Verleumdungen oder Diffamierungen enthalten. Auch Kommentare, die aufgrund mangelnder Orthografie quasi unlesbar sind, werden das Licht der Öffentlichkeit nie erblicken. (oku)

«Habe ich ein Recht darauf, dass meine Kommentare freigeschaltet werden?»

20 Minuten ist nicht dazu verpflichtet, eingehende Kommentare zu veröffentlichen. Ebenso haben die kommentierenden Leser keinen Anspruch darauf, dass ihre verfassten Beiträge auf der Seite erscheinen.

Haben Sie allgemeine Fragen zur Kommentarfunktion?

Schreiben Sie an feedback@20minuten.ch
Hinweis: Wir beantworten keine Fragen, die sich auf einzelne Kommentare beziehen.

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Deshalb können Storys, die älter sind als 2 Tage, nicht mehr kommentiert werden. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Corrado20 am 22.01.2012 23:10 Report Diesen Beitrag melden

    Politiker als Lobbyisten

    Die bekannteren Gentest in den USA geben sicher auch das eigene Risikoprofil bekannt, sie helfen aber vor allem die Wahrscheinlichkeiten von Zusammenhängen zwischen Genom und Krankheiten erkennen. dabei wird die Forschung von den Teilnehmern an der 'Studie' bezahlt. Bei uns würde wieder ein überrissenes Insider-Projekt mit Steuergeldern lanciert!

  • D.L. am 22.01.2012 15:23 Report Diesen Beitrag melden

    so, so

    Diese Gesetzeslücke schliessen wollen sie also unsere sieben Bundesräte. Wie soll das gehen? Meine Pakete durchwühlen? Sollte ich mal feststellen, dass solches gemacht wird, werde ich ein paar unangenehme Gegenmassnahmen einleiten......

  • Hans Maulwurf am 22.01.2012 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    ganz dicht?

    Super Sache, dass solche Dinge von jenen Menschen beschlossen werden die sicherlich eine geeignete Ausbildung in jenem Bereich haben. Es wäre jammerschade wenn da extra Wissenschaftler um Rat gefragt würden. Schliesslich wissen es die Leute von der Anzug-Fraktion ja immer besser. Gottlob leben wir in der freien Schweiz wo der Grossteil der Bevölkerung nicht mitdenkt.... macht nur weiter so und schaut auch heute brav eure Ration TV Schrott, auf das Ihr auch ja nicht darauf kommt mal selber etwas zu denken!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Marja & Josef am 23.01.2012 13:33 Report Diesen Beitrag melden

    Angebot schafft Kranke

    Das Angebot schafft eine Nachfrage nach einem Artikel, nach welchem bisher wenig und nur spezifische bestand. Und nach dem Test sind wir alle krank und finanzieren diejenigen, welche uns das alles aufgeschwatzt haben! Also bitte die Finger vor einem solchen Blödsinn lassen !!!

  • Rolf am 23.01.2012 12:46 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht zu viel erwarten

    Vor kurzen habe ich mit meinem Arzt die Möglichkeit eines solchen Tests diskutiert. Er meinte nur: Seien wir ehrlich, man kann daraus einiges erkennen aber eigentlich wissen wir auf diesem Gebiet bei den meisten Ergebnissen noch viel zu wenig um dem Patienten wirklich helfen zu können und wir wissen auch nicht, wie sich welcher Defekt auswirken kann (mit einigen wenigen Ausnahmen) Wer es also gerne machen lassen will, der soll das tun. Aber bitte keine Wunderdiagnosen erwarten und das ganze von Menschen begleiten lassen, die sich auf diesem Gebiet auskennen.

  • Markus Harmann am 23.01.2012 11:23 Report Diesen Beitrag melden

    Besser wissen als nichtwissen

    Mir ist schon klar dass es nur um Wahrscheinlichkeiten geht, aber auch über diese wüsste ich gerne bescheid. Wenn ich z.B. wüsste dass ich genetisch bedingt anfällig für Herzprobleme bin, wäre das schon ein Grund für mich nur ein Bier am Abend zu trinken, statt drei oder vier. Mag sein dass psychisch schwächere deswegen in Panik verfallen, für mich ist es einfach eine Information. Jedenfalls sollten nicht Politiker darüber entscheiden, was ich über mich selbst wissen darf und was nicht!

    • regula stark am 24.01.2012 08:14 Report Diesen Beitrag melden

      es sollte....

      ohnehin nicht mehr als ein Bier am Abend sein.

    einklappen einklappen
  • Daniel C. Gartmann am 23.01.2012 11:18 Report Diesen Beitrag melden

    Regulierung nicht praktikabel

    Eine Regulierung des Online-Markts ist ohnehin nicht durchführbar, also Finger weg davon. Oder soll der Schweizer Zoll jetzt alle Postsendungen nach Plastikröhrchen mit Spucke durchsuchen, um uns vor uns selbst zu schützen? Wer soll das noch bezahlen? Wer sich testen lassen will soll es einfach tun, auf eigene Verantwortung.

  • franz am 23.01.2012 11:16 Report Diesen Beitrag melden

    wann sind die analysedaten bei facebook?

    macht doch den test - wundert euch aber nicht, wenn die analysedaten dann bei facebook öffenlich zugänglich sind.

    • Hans am 23.01.2012 12:27 Report Diesen Beitrag melden

      Paranoia?

      Wer Sicherheit der Freiheit vorzieht, ist zu Recht ein Sklave.

    einklappen einklappen