Biologie

11. März 2010 10:34; Akt: 11.03.2010 10:48 Print

Steinböcke auf der Suche nach LiebeSteinböcke auf der Suche nach Liebe

Im Gegensatz zu anderen Huftieren verzichten Steinböcke in der Paarungsszeit auf Rangordnungs-Kämpfe. In der Brunft halten sie sich strikt an den Slogan «Make Love, not War».

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Christian Willisch und Peter Neuhaus von der Universität Neuenburg beobachteten während dreier Winter eine Population von etwa 250 Alpensteinböcken oberhalb des Dorfes Les Diablerets im Kanton Waadt. Die Forscher interessierten sich vor allem für die Monate November bis Januar, in welche die Brunft der Tiere fällt.

Wie sie im Fachmagazin «Behavioral Ecology» berichten, gehen die Männchen in dieser Zeit haushälterisch um mit ihren Kräften. Im Gegensatz zu den meisten anderen Huftieren wie Hirschen, Gämsen, Rehen, Mufflons, Elchen oder Bisons führen sie in der Brunftzeit kaum Kämpfe. Die Hierarchie wird bei den Steinböcken vor der Brunft geklärt.

Ausgeprägtes Sozialsystem

Insgesamt beobachteten die Forscher in den drei Wintern 76 Kämpfe zwischen mindestens 62 Paaren von Steinböcken. Die meisten fanden in der Vor-Brunftzeit statt. In der Brunft sank sowohl bei älteren als auch bei jüngeren Männchen die Lust, einen Artgenossen herauszufordern.

Die wenigen Kämpfe während der Brunftzeit hatten nie das Ziel, eine bestimmte empfängliche Steingeiss zu erobern, betonen die Forscher: Im Gegensatz zur Situation beim Bison oder dem Rentier versuchten untergeordnete Männchen, die Liebesspiele des dominanten Männchens nicht zu stören.

Es sind eher die ranghöheren Böcke, die sich aggressiv verhalten. «Steinböcke haben ein ausgeprägtes Sozialsystem», sagte Christian Willisch auf Anfrage der Nachrichtenagentur SDA. Die männlichen Tiere würden sich während der Brunftzeit an die Spielregeln halten. Das sei ein grosser Unterschied zu anderen Huftierarten.

Warten und «erben»

Das Tier, das sich vor der Brunft den dominanten Rang gesichert hat, erhält während der Paarungszeit Zugang zu allen empfänglichen Weibchen in seiner Nähe. Das untergeordnete Männchen entfernt sich oder wartet geduldig darauf, ein vom dominanten Männchen vernachlässigtes Weibchen «erben» zu können.

Für die Forscher gibt es verschiedene mögliche Erklärungen für das für Huftiere ungewöhnliche Verhalten: Die Brunft der Steinböcke findet in steilem Gelände statt, bei unwirtlichen Bedingungen mit Schnee und tiefen Temperaturen. Das Verletzungsrisiko und der Energieverbrauch bei Auseinandersetzungen sind entsprechend hoch.

Zudem ist ein Steinbock erst spät – etwa mit neun Jahren – genügend gross und stark, um sich überhaupt um empfängliche Weibchen kümmern zu können. Vorher ist er vor allem damit beschäftigt, sich durch den Winter zu bringen und zu wachsen. Die Körpergrösse ist laut den Forschern bei Huftieren ein entscheidender Faktor für die Hierarchie.

Keine Kraft verpulvern

Frühere Studien hatten festgestellt, dass erstaunlich wenige männliche Steinböcke im Winter sterben. Willisch und Neuhaus gehen aufgrund ihrer Studie davon aus, dass diese hohe Überlebensrate zumindest zum Teil auf das spezielle Sozialsystem der Tiere zurückzuführen ist.

Indem die Steinböcke in der Brunft auf Kämpfe verzichten, sparen sie Kraft, die sie brauchen, um den harten Winter zu überstehen. Laut den Forschern ist offensichtlich das Kosten-Nutzen-Verhältnis einer solchen Überlebens- und Wachstumsstrategie günstiger als eine aggressive Haltung gegenüber Artgenossen.

(sda)