Auge im Himmel

01. März 2012 06:05; Akt: 16.04.2012 15:31 Print

Der Hightech-Spion aus dem Kalten Krieg

von Jean-Claude Gerber - Nach der Machtübernahme Kim Jong-Uns fragt sich die Welt, wie es in Nordkorea weitergeht. Um Überraschungen auszuschliessen, setzen die USA auf einen legendären Jet: die U-2.

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Das amerikanische Spionageflugzeug U-2 hatte seinen Erstflug 1955. Trotzdem wird es immer noch zur Aufklärung über Feindgebiet eingesetzt. So auch über Nordkorea. Im Febraur 2012 hatte die Nachrichtenagentur AP die seltene Gelegenheit, auf der südkoreanischen Luftwaffenbasis Osan die Flugzeuge und ihre Piloten bei iher Arbeit zu beobachten. Die U-2 ist in der Lage mit 2,5 Tonnen Aufklärungstechnologie vollgepackt bis zu 13 Stunden in 21 000 Metern Höhe über Feindesgebiet zu kreisen und jeden Zentimeter des Geländes auf Film zu bannen. Auf dem neuesten Stand der Technik kann die U-2 ihre Erkenntnisse in Echtzeit über Satelliten an die Bodenstationen übermitteln. Für Start und Landung sind die Piloten des schmalen Flugzeugs mit einer Spannweite von über 30 Metern auf die Unterstützung des Bodenpersonals angewiesen, das sie über den Runway lotst. Mit potenten Pontiac-Modellen begleitet die Boden-Crew das Flugzeug bei der Landung mit bis zu 200 km/h und gibt den Piloten per Funk die Position des Jets relativ zur Landebahn durch. Die Landung der U-2 wird dadurch erschwert, dass das Flugzeug aus Gewichtsgründen nur zwei hintereinander angeordnete Fahrwerke hat - wie bei einem Velo. Die Kippgefahr bei der Landung ist dehalb gross. Um nicht höhenkrank zu werden, müssen die Piloten Raumanzüge und Helme wie Astronauten tragen. Ihre Nahrung nehmen sie püriert über ein Röhrchen zu sich. Während des Fluges atmen sie reinen Sauerstoff ein. Der Kalte Krieg ist zwar längst zu Ende, dennoch wird rund um die U-2 Geheimhaltung noch immer grossgeschrieben. Welche Ausrüstung die Jets an Bord haben, ist eben so klassifiziert wie die Nachnamen der Piloten. Der Pilot im Bild gab sich beim Pressetermin lediglich als Major Carl zu erkennen. Sein Namensschild am Overall war abgedeckt.

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Die Welt stand am Rande eines Atomkriegs, als Major Richard S. Heyser am 14. Oktober 1962 in Florida abhob. Der Pilot sollte beweisen, dass die Sowjetunion im Begriff war, auf Kuba Atomraketen zu stationieren - keine 150 Kilometer von der amerikanischen Küste entfernt. Die 928 Bilder, die Pilot Heyser von seinem Aufklärungsflug an diesem leicht bewölkten Morgen zurückbrachte, schlugen in Washington ein wie eine Bombe. Die aussergewöhnlich scharfen Aufnahmen von den Bauarbeiten an SS4-Raketenabschussrampen veranlassten Präsident John F. Kennedy, aufs Ganze zu gehen. Er forderte Moskau ultimativ auf, alle Startvorrichtungen wieder abzubauen und ordnete eine Seeblockade vor Kuba an. Jedes russische Schiff mit Waffentechnologie an Bord sollte an der Weiterfahrt gehindert werden. 13 Tage hielt die Welt die Luft an, dann gaben die Sowjets ihre Atompläne in der Karibik auf und zogen von dannen.

Dass Washington der Welt die dunklen Machenschaften ihres grossen Rivalen unwiderlegbar beweisen konnte, verdankte sie einem technischen Meisterstück amerikanischer Flugzeugbaukunst. Major Heyser überflog Kuba an jenem Oktobertag in einer U-2, dem fortschrittlichsten Spionageflugzeug der damaligen Zeit. Sie war unter der Vorgabe entwickelt worden, feindliche Gebiete in grosser Höhe ausserhalb der Reichweite von Radar, Kampfjets und Boden-Luft-Raketen zu überfliegen und dabei jeden Zentimeter des darunterliegenden Geländes auf Film zu bannen. Heraus kam 1955 ein filigran wirkender Jet, der bis zu 13 Stunden in der Luft bleiben und bis in eine Höhe von 21 300 Meter aufsteigen kann – in vermeintlicher Sicherheit vor feindlichen Abwehrmassnahmen.

Mit der Unzerstörbarkeit war es allerdings nicht weit her. Bereits zwei Jahre vor Heysers Mission, am 1. Mai 1960, war eine U-2 mit dem CIA-Piloten Gary Powers an Bord über dem Ural von einer sowjetischen Flugabwehrrakete abgeschossen worden. Während Moskau seinen Coup genüsslich auskostete, erfuhr der Rest der Welt erstmals von der amerikanischen Wundermaschine. Eine Legende war geboren.

Wendiger als Satelliten

Und die Legende fliegt noch immer. So drehen die geheimnisvollen schwarzen Flugzeuge seit über 35 Jahren ihre Runden hoch über Nordkorea und beobachten dort jeden Schritt des 1,2 Millionen Mann starken Heers der Kims. Besonders der aktuelle Übergang vom Regime des verstorbenen Kim Jong-Il zu dem seines Sohnes Kim Jong-Un beunruhigt die US-Militärs. Die Dienste der U-2 sind in diesen unsicheren Zeiten gefragt wie eh und je. Noch immer wird ein grosses Geheimnis um die genaue Konfiguration und die Missionsziele der Spionagejets gemacht. An einem der raren Pressetermine auf dem Luftwaffenstützpunkt in Osan, Südkorea, verrät Mitte Februar keiner der Offiziere, wohin die drei dort stationierten U-2 fast täglich abheben. Auch ihre Namen verraten die Piloten den Journalisten vor Ort nicht. Rang und Vorname müssen genügen.

Doch weshalb vertraut die modernste Armee der Welt im Zeitalter von Spionagesatelliten und Überwachungsdrohnen nach wie vor auf einen Flugzeugtyp, der Anfang der 1950er Jahre entwickelt worden ist? Im Gegensatz zu Satelliten können die U-2 in kürzester Zeit in ein Zielgebiet dirigiert werden und dort über lange Zeit bleiben. Dass diese Aufgabe nicht von der neuesten US-Drohne «Global Hawk» übernommen wird, hat dagegen einen deutlich profaneren Grund. Das unbemannte Fluggerät, dass 36 Stunden in 18 000 Metern Höhe verharren kann, ist zurzeit schlichtweg zu teuer. Deshalb hat die US-Luftwaffe die Pensionierung der U-2 verschoben: Sie soll frühestens 2020 von den Global Hawks abgelöst werden.

Spektakuläre Landung

Die in Osan eingesetzten U-2 stammen aus den achtziger Jahren und sind technisch auf dem allerneuesten Stand. Seit Mitte der 1990er Jahre hat die Luftwaffe rund 1,7 Milliarden Dollar in die Aufrüstung der 31 Flugzeuge gesteckt, die noch im Dienst sind. Doch trotz dieser Aufrüstung ist die Wundermaschine ihr grösstes Handicap nicht losgeworden. Sie bleibt unglaublich schwierig zu landen. Um dem Jet seine enorme Flughöhe zu ermöglichen – er fliegt mehr als doppelt so hoch wie ein Verkehrsflugzeug – setzten die Ingenieure in den 1950er Jahren konsequent auf Leichtbau. Um das Gesamtgewicht trotz 2,5 Tonnen Aufklärungstechnik an Bord möglichst tief zu halten, gingen sie beim Fahrwerk Kompromisse ein.

Die einziehbaren Räder der U-2 sind unter dem schmalen Rumpf wie bei einem Velo hintereinander angeordnet. Für jeden Start wird die U-2 deshalb zusätzlich mit abwerfbaren Flügelstützrädern, sogenannten Pogos, ausgerüstet. Ein Luxus, der den Piloten bei der Landung fehlt. Das macht die Maschine «zu einem, wenn nicht sogar zu dem am schwierigsten zu landenden Fluggerät», wie Luftwaffe-Major Carl gegenüber der Nachrichtenagentur AP festhielt (siehe Video).


(Video: AP/YouTube)

Um das schmale Flugzeug mit einer Spannweite von über 30 Metern auf den mittig angeordneten Rädern landen zu können, müssen die Piloten vom Bodenpersonal exakt eingewiesen werden. Bei seiner Rückkehr wird das Flugzeug deshalb von hochgezüchteten Pontiacs mit anfänglich rund 200 km/h in Empfang genommen und bis zum Stillstand begleitet. Hält der Jet an, kippt er sanft auf eine Seite. Jetzt muss ihn die Boden-Crew mit viel Körpereinsatz wieder aufrichten und die Stützräder montieren, bevor er in seinen Hangar rollen kann. Es ist ein Beweis für die Unverzichtbarkeit dieses Relikts aus dem Kalten Krieg, dass die US-Luftwaffe noch immer – fast sechs Jahrzehnte nach dem Erstflug – einen solchen Aufwand für die U-2 betreibt.

Auch die Macher der britischen Sendung «Top Gear» sind dem Charme der U-2 erlegen und haben sie bei der Landung begleitet. (Video: YouTube)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • René S am 01.03.2012 08:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    James May

    Aber Top Gear Leute begleiten die U2 nicht nur bei der Landung.... "Captain Slow" durfte selbst mitfliegen! Wirklich geniale Bilder die dabei entstanden sind, dieses Erlebnis war bestimmt Atemberaubend....

  • Adolf am 04.03.2012 02:14 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie logisch!

    Ausserhalb aller Raketen, da braucht es nicht viele Waffen. Ich frage mich bloss, warum sie nicht eine Blackbird hochschicken? Aber diese U-2 ist ein halbes Segelflugzeug, braucht nicht viel Sprit, ist leise und die Daten werden übertragen.

  • Hilde am 01.03.2012 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Beeindruckt

    Mein Onkel arbeitete damals beim KGB, er war bei der Absturzstelle anwesend. Er hat sogar ein Stück des Fliegers zu Hause. Hat mich damals als 12 Jährigen wie auch jetzt beeindruckt.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Adolf am 04.03.2012 02:14 Report Diesen Beitrag melden

    Irgendwie logisch!

    Ausserhalb aller Raketen, da braucht es nicht viele Waffen. Ich frage mich bloss, warum sie nicht eine Blackbird hochschicken? Aber diese U-2 ist ein halbes Segelflugzeug, braucht nicht viel Sprit, ist leise und die Daten werden übertragen.

  • Summer am 01.03.2012 14:09 Report Diesen Beitrag melden

    Switzerland goes U2

    Das wäre doch ein Jet für die Schweiz!? Ich bin mir sicher, die U-2 ist besser für den Luftpolizeidienst geeignet als der Gripen!!

    • Adolf am 04.03.2012 02:11 Report Diesen Beitrag melden

      Oh man!

      Hat es an diesem Flugzeug etwa Raketen dran? Das ist ein Spionageflugzeug und kein Abfangjäger!!!!

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  • Silvio Foiera am 01.03.2012 11:32 Report Diesen Beitrag melden

    Einseitige Glorifizierung

    Klar, der Jet hat einige bemerkenswerte Eigenschaften. Trotzdem war & ist er eine immense Provokation. Da werden Lufthoheiten verletzt, schlicht weil man es kann. Man stelle sich mal den Aufschrei vor, die UDSSR wäre regelmässig mit MiG-25 oder Su T-4 frischfröhlich über die USA gedonnert...! Auch die Kubakrise wird immer etwas einseitig beleuchtet. Mit der Stationierung vor Thors in England, Jupiter in Italien und später Pershing II in Deutschland stellte man der Sowjetunion Atomwaffen direkt vor die Haustüre. Ohne dass es hier ein vergleichbares Gegengewicht gab

  • Hilde am 01.03.2012 10:35 Report Diesen Beitrag melden

    Beeindruckt

    Mein Onkel arbeitete damals beim KGB, er war bei der Absturzstelle anwesend. Er hat sogar ein Stück des Fliegers zu Hause. Hat mich damals als 12 Jährigen wie auch jetzt beeindruckt.

  • Blub am 01.03.2012 10:20 Report Diesen Beitrag melden

    ....

    Ja sicher doch, reinen Sauerstoff.... Erst singen sie dem Operations Center ein lustiges Liedchen vor und dann fallen sie Tot vom Himmel...

    • C. G. am 01.03.2012 12:54 Report Diesen Beitrag melden

      Es macht Sinn

      Nein, bei reduziertem Druck ist das kein Problem, auch die Apollo Raumkapseln hatten im Orbit 100% Sauerstoffatmosphären. Zudem macht es auch durchaus Sinn, dadurch dass die Piloten 1h vor Start nur noch Sauerstoff einatmen eliminieren sie den Stickstoff im Blut, welcher bei einer Dekompression zur Taucherkrankheit führen würde.

    • Stefan Stöckli am 01.03.2012 13:03 Report Diesen Beitrag melden

      klar doch

      Ich glaube du verwechselst da was. Reiner Sauerstoff ist für den Körper kein Problem als Atemgas, solange man es nicht zulange verwendet. In der Medizin verwendet man es auch wegen der aufputschenden Wirkung. Wegen dem hohen Sauerstoffgehalt im Blut fühlt man sich auch viel Leistungsfähiger. Der einzige Nachteil ist, dass es die Zelllebensdauer herabsetzt.

    • Peter Tobler am 01.03.2012 13:22 Report Diesen Beitrag melden

      .... .

      Haben Sie in Biologie in der Schule nur immer geschlafen, oder sind Sie gar nicht erst erschienen?

    • Karli am 01.03.2012 13:25 Report Diesen Beitrag melden

      ist ja auch das Gegenteil von tauchen

      Und auch in der Raumfahrt haben sie zuerst reinen Sauerstoff benutzt bis sie gemerkt haben warum die Russen das nicht machen. Aber das kam für Apollo 1 zu spät.

    • Rolf S. am 01.03.2012 13:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Ehem

      @stefan: In der medizin verwendet man es, um eine krankheits-/verletzungsbedingte sauerstoffunterversorgung temporär zu kompensieren. Die aufputschende wirkung ist placebo. Zu hoher sauerstoffpartialdruck ist potentiell lebensgefährlich (z.b. beim tauchen in grosser tiefe). Aber dort oben herrscht weniger druck un die werden ihr gasgemisch schon so brechnet haben, dass es funktioniert.... Immerhin fliegen sie mit dem teil seit über 40 jahren...

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