Triebtäter im Frack

12. Juni 2012 08:11; Akt: 12.06.2012 13:38 Print

Die Wahrheit über die perversen Pinguine

Vor hundert Jahren studierte George Murray Levick die Pinguine. Was er über ihr Sexualleben herausfand, empörte ihn so sehr, dass er sich gleich selbst zensierte. Nun wird seine Studie veröffentlicht.

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Wenn das Pingu wüsste: Das Sexualverhalten seiner Artgenossen hat vor 100 Jahren Forscher noch schockiert. (Bild: Keystone)

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Süss sind sie ja, diese Pinguine. Wie sie jeweils übers Eis watscheln. Oder fast schon fröhlich hintereinander ins Meer hüpfen – ganz entzückend. Umso schockierter war der Wissenschaftler George Murray Levick, als er vor hundert Jahren die Adélie Pinguine bei ihrem Sexualverhalten beobachtete, berichtet «The Guardian». Die Pinguine hatten jede Menge Sex. Und zwar solchen, der keineswegs nur der Fortpflanzung diente.

So beobachtete Levick bei den Pinguinen nicht nur Selbstbefriedigung und Homosexualität – während der damaligen Zeit noch verpönt oder gar illegal –, nein, die Tiere belästigten auch Küken, die ihnen über den Weg liefen. Diese wurden dabei regelmässig verletzt oder getötet. Zu allem Übel machten sich männliche Pinguine auch noch über tote Weibchen her. Für den Mann, der zeitlebens als grosser englischer Gentleman galt, war dies ein unnormales und unnatürliches Verhalten. Zu viel für die damalige Zeit. Die Öffentlichkeit wollte Levick deshalb mit seinen Entdeckungen nicht belasten. Erst jetzt, rund hundert Jahre später, sind seine Beobachtungen öffentlich zugänglich.

Öffentlichkeit geschützt

Levick hatte an der Expedition des Antarktis-Forschers Robert Scott teilgenommen. Die Jahre 1910 bis 1913 verbrachte der Wissenschaftler im ewigen Eis und widmete sich den eigentlich so putzigen Wasservögeln. Er war der erste Wissenschaftler, der einen ganzen Brutzyklus der Tiere beobachtet hatte. Trotzdem hielt er einen wesentlichen Aspekt seiner Beobachtungen unter Verschluss. Damit auch wirklich nur ein gebildeter Gentleman lesen und verstehen könnte, welche Horrorszenarien er bei den Pinguinen erlebt hatte, schrieb er seine Erkenntnisse auf Griechisch nieder.

Zurück in Grossbritannien veröffentlichte er einen Text unter dem Titel «Natural History of the Adélie Penguin». Darin handelte er die Pinguine als komplett asexuelle Wesen ab. Den Teil über die sexuellen Vorlieben der Tiere entfernte er aus dem allgemeinen Schriftstück, um den damals gebotenen Anstand zu wahren.

Angst vor rechtlichen Schritten

In einem kurzen Schriftstück berichtet er schliesslich über das Gesehene. «Sexual Habits of the Adélie Penguin» bekam nur eine Handvoll Experten zu Gesicht. Darin macht Levick männliche Adélie-Pinguine für das «verdorbene Verhalten» verantwortlich. «Kleine Gruppen von Hooligans halten sich etwas abseits des Geländes auf. Deren Bewohner belästigen sie mit konstanten perversen Handlungen», schrieb er. Weibchen würden von Gangs belästigt und deren Kinder «vor den Augen der Eltern missbraucht», hiess es weiter.

Von den 100 gedruckten Exemplaren sollen heute nur noch zwei übrig sein. Die restlichen «Pinguin-Pornografien» wurden weggeschlossen, um die damals in diesen Belangen empfindlichen Gemüter nicht zu erhitzen, schreibt «Spiegel Online». Dougles Russell, Vogel-Kurator des Naturhistorischen Museums von London und Entdecker der verschollenen Abhandlung, erklärt dem «The Telegraph»: «Wenn das Schriftstück damals veröffentlicht worden wäre, hätte es eingeschlagen wie eine Bombe. Homosexualität war damals noch illegal. Es könnte also sein, dass er seine Notizen verschlüsselte, da er sich vor rechtlichen Folgen seiner Beobachtungen fürchtete.»

Junge männliche Pinguine sind einfach unerfahren

Erst 50 Jahre später haben Wissenschaftler die gleichen Beobachtungen bei den Adélie Pinguinen gemacht wie Levick. Zitiert wird er allerdings nie. Die Beobachtungen seien zwar erschreckend, sagt Russell. Dank neuerer Studien verstehe man das Verhalten der «Hooligan-Pinguine» aber heute besser.

So würden sich die Adélies im Oktober in ihren Siedlungen versammeln, um mit der Fortpflanzung zu beginnen. «Dafür haben sie nur wenige Wochen Zeit und heranwachsende Pinguine haben einfach noch keine Erfahrung darin, wie sie sich zu benehmen haben. Viele reagieren darauf unangebracht und ihr Verhalten wirkt pervers. Zum Beispiel wirkt ein toter Pinguin, der mit halb geöffneten Augen am Boden liegt, wie ein fügsames Weibchen. Das Resultat ist die so genannte Nekrophilie, die Levick beobachtet und abgestossen hat.»

Die perversen Pinguine waren übrigens nicht die einzigen Ereignisse, die Levick zu ertragen hatte. Im Februar 1912 wartete der Wissenschaftler zusammen mit fünf weiteren Mitgliedern von Scotts Team darauf, vom Expeditions-Schiff Terra Nova abgeholt zu werden. Doch es stellte sich heraus, dass Packeis den Weg blockierte. Die Männer mussten einen ganzen antarktischen Winter ohne Versorgung in einer Eishöhle verbringen. Sie hatten nur Fischtran und gelegentlich einen Pinguin zu essen. Die Männer überlebten alle und kehrten 1913 nach England zurück. 1932 gründete Levick die «British Schools Exploring Society», bei der er bis zu seinem Tod im Jahr 1956 Präsident war.

(ske)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Homo Simpson am 13.06.2012 00:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ha ha

    Soviel zu den Leuten, die noch immer denken, dass Homosexualität unnatürlich ist. Wenn Pinguine und Menschen ein solches Verhalten zeigen, muss der Ursprung davon extrem alt sein, sogar wenn unser letzter gemeinsamer Vorfahr der «Erfinder» war. Wieder hat die Wissenschaft die Moralisten widerlegt.

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  • nurmalso am 12.06.2012 10:33 Report Diesen Beitrag melden

    Meine Güte

    Was die Leute hier alles hineininterpretieren wollen. Es ist einfach eine witzige Episode aus einer völlig verkrampften Zeit die zum Glück lange vorbei ist. Jeder Versuch das Verhalten eines Tieres anhand menschlicher Ethik zu beurteilen ist vollkommen sinnfrei.

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  • Sprachwissen am 12.06.2012 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    Pervers nach Duden

    "Wider die Natur" Ergo wäre die Natur wider sich selbst, im vorliegenden Falle?

Die neusten Leser-Kommentare

  • S.Haagen am 13.06.2012 20:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tiere waren unsere Lehrmeister..

    Mir beweist dieser Artikel nur, dass wir Menschen gar nicht so anderst sind als Tiere.(auch wenn das so mancher von uns nicht warhaben will) Tiere gibt es schon länger als uns Menschen. Das was wir heute sind haben wir von Tieren gelernt, es ihnen abgeschaut. Es ist daher müssig über Ethik, Moral oder die existenz Gottes zu streiten. Am ende ist es immer anderst als wir zu wissen glauben..

  • Katze am 13.06.2012 17:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ethik?!

    Ach schaut euch bloss schon hunde an, sue rammeln beine, plüschtiere und einfach alles. Also bitte

  • Meier am 13.06.2012 09:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der grosse Unterschied zum Mensch:

    ... denn sie wissen nicht was sie tun. Und trotzdem. Pinguine mochte ich noch nie.

  • vivi am 13.06.2012 09:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Gott und die liebe Moral

    Menschen und ihre verkrampften Moralvorstellungen. Diese haben wir uns selbst geschaffen und ist kein Werk Gottes. Gott bestraft auch niemanden. Gott liebt jede Seele und richtet nicht. Richten über Unangemessene Verhaltensweisen tut nur die Gesellschaft, jene über Recht und Unrecht entscheidet. Wer glaubt denn heute noch an die Bibel so wie sie geschrieben wurde? Diese wurde von Menschenhand gemacht und wer ist so naiv zu glauben dass alles 1 zu 1 der Wahrheit Gottes entspricht?

    • empty()set am 13.06.2012 15:24 Report Diesen Beitrag melden

      Gott?

      Und woher weisst Du, was Gott will? :-) Denn es gibt viele, die behaupten, sie wüssten was Gottes Wille sei - nur erzählt jeder etwas anderes...

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  • Homo Simpson am 13.06.2012 00:34 Report Diesen Beitrag melden

    Ha ha

    Soviel zu den Leuten, die noch immer denken, dass Homosexualität unnatürlich ist. Wenn Pinguine und Menschen ein solches Verhalten zeigen, muss der Ursprung davon extrem alt sein, sogar wenn unser letzter gemeinsamer Vorfahr der «Erfinder» war. Wieder hat die Wissenschaft die Moralisten widerlegt.

    • nurmalso am 13.06.2012 11:01 Report Diesen Beitrag melden

      Vorsicht

      Wenn Sie so argumentieren wäre auch die im Artikel erwähnte Nekrophilie "natürlich". Mit dem Verhalten von Tieren für oder gegen Homosexualität zu argumentieren ist gleichermassen unsinnig.

    • natürlich am 13.06.2012 12:18 Report Diesen Beitrag melden

      @nurmalso

      ... und wer sagt, dass Nekrophilie unnatürlich ist? Zudem ist es keineswegs unsinnig mit dem Verhalten von Tieren zu argumentieren. Wenn man schon von "natürlich" sprechen will, muss man dort schauen, wo die Zivilisation das Verhalten nicht beeinflusst hat; also im Tierreich.

    • nurmalso am 14.06.2012 09:51 Report Diesen Beitrag melden

      @natürlich

      Es ist aus diesem Grunde unsinnig, weil im weiten Tierreich so ziemlich jedes vorstellbare Verhalten zu finden ist. So ist es z.B. ein gängiges Verhalten, dass Elterntiere bei Nahrungsmangel ihre eigenen Jungen auffressen oder Männchen ein Weibchen erobern indem sie deren vorherigen Partner und dessen Nachkommen umbringen. Auch das verspeisen des Männchens nach dem Sekualakt ist bei vielen Tieren durchaus normal. Sein eigenes Verhalten dadurch zu rechtfertigen, dass es irgendeine Tierart auch so praktiziert ist deshalb Blödsinn.

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