Löcher im Gehirn

18. November 2017 19:22; Akt: 19.11.2017 02:16 Print

So fatal ist die Sportler-Hirnerkrankung CTE

Ob der mordverdächtige Ex-Footballer Anthony McClanahan an CTE leidet, ist unklar. Beim verstorbenen Aaron Hernandez wurde der Beweis nun erbracht.

Bildstrecke im Grossformat »
Auf dem Spielfeld machte sich Aaron Hernandez als Tight End der New England Patriots einen Namen. Abseits davon fiel er vor allem durch sein unangepasstes Verhalten auf. Er wird als emotional labil, aufbrausend und von Wutanfällen geplagt beschrieben. Auch Drogen soll er zugetan gewesen sein. Im April 2015 wurde Hernandez wegen Mordes zu lebenslanger Haft ohne vorzeitige Entlassungsmöglichkeit verurteilt. Genau zwei Jahre später nahm er sich in seiner Zelle das Leben. Heute ist klar: Hernandez litt unter schwerwiegenden Hirnschädigungen, die er sich während seiner aktiven Zeit auf dem Spielfeld zugezogen hatte. CTE dritten Grades lautet die postmortale Diagnose der Experten vom CTE-Center der Boston University. (Im Bild: Hernandez (l) verliert den Helm beim Tackling durch David Harris von den NY Jets) Bei Hernandez' Hippocampus und seinem Frontallappen seien deutliche Deformationen erkennbar gewesen. Die beiden Hirnbereiche regeln die Verarbeitung von Emotionen, die Entstehung von Triebverhalten sowie die Persönlichkeitsentwicklung und das Sozialverhalten. Derart heftige Schäden ... ... habe sie zuvor nur bei deutlich älteren Menschen gesehen, so die Leiterin des CTE-Centers Ann McKee. «Individuen, die ähnliche Autopsiebefunde aufweisen, waren zu ihrem Todeszeitpunkt mindestens 46 Jahre alt.» So alt ist auch der ehemalige American-Football-Profi Anthony McClanahan, der am 2. November seine Gattin mit einem Messer umgebracht haben soll. So sehen es zumindest die mit dem Fall betrauten Staatsanwälte: Sie haben den Sportler wegen Mordes angeklagt. Vielleicht wird McClanahan auf verminderte Zurechnungsfähigkeit plädieren. So lud er am Tag des Mordes ein mittlerweile gelöschtes Video auf Youtube hoch. Darin ... ... führt er seine Probleme auf die Gehirnerschütterungen zurück, die er beim Football erlitten hat. Vielleicht nutzt McClanahan den Sport nur als Ausrede. Aber das muss nicht sein. Tatsächlich zeigt er viele Anzeichen einer sogenannten chronisch-traumatischen Enzephalopathie, kurz CTE. Dabei handelt es sich um eine Hirnfunktionsstörung, die durch häufige Erschütterungen des Gehirns ausgelöst wird. Weil im Football Köpfe regelmässig aneinanderkrachen, leiden besonders Football-Spieler an der Krankheit. Aber auch Eishockeyspieler, Fussballer und Boxer können davon betroffen sein. Anthony McClanahan wäre nicht der Einzige an CTE Erkrankte. Auch der ehemalige NFL-Spieler berichtet von solchen Hirnveränderungen. In einem «Spiegel»-Interview erzählte er, dass sich sein Verhalten und seine Wahrnehmung verändert hätten. Während sich Venzke dessen bewusst ist und dagegen ankämpft, lassen einige seiner ehemaligen Kollegen die Fäuste sprechen: (zu dem Zeitpunkt Baltimore Ravens) ... ... seine damalige Verlobte Janay Palmer in einem Hotel-Lift ... ... und schlug sie dabei bewusstlos. Von seinem Verein wurde er daraufhin sofort freigestellt. Ausserdem wurde er von der National Football League NFL für unbestimmte Zeit suspendiert. Minnesota Vikings-Running Back . Er erhielt zwei Jahre Gefängnisstrafe auf Bewährung. Weiter wurde er aus dem Kader geworfen. Den Dackelblick nimmt Defensivspieler heute keiner mehr ab. Während seiner Zeit bei den Carolina Panthers wurde er festgenommen, nachdem er eine ehemalige Partnerin beleidigt und bedroht hatte. Auch er wurde vorübergehend suspendiert. Nachdem , Linebacker bei den Pittsburgh Steelers, in der Wohnung seiner Freundin eine Tür eingetreten hatte, wurde er wegen Körperverletzung festgenommen. Die Anklage wurde aber fallen gelassen. Er musste jedoch ein Anti-Aggressions-Training absolvieren. Auch, Wide Receiver bei den New York Jets, hat keine weisse Weste mehr: Er wurde verhaftet, nachdem er seine Freundin angegriffen haben soll. Zur Strafe erhielt er eine 90-tägige Vertragssperre. Ein Spieler, der seine Emotionen ebenfalls nicht ganz im Griff hat: . Dem Linebacker der Indianapolis Colts wurden unter anderem Vergewaltigung und Körperverletzung vorgeworfen. Für die Arizona Cardinals darf seit 2014 nicht mehr antreten. Der Running Back soll sowohl seine Frau als auch den gemeinsamen, damals 18-Monate alten Sohn angegriffen haben. Insgesamt stand er wegen schwerer Körperverletzung und acht weiterer Vergehen vor Gericht. Doch nicht alle von möglichen Hirnveränderungen Betroffenen zeigen sich aggressiv gegenüber anderen. Einige richten diese gegen sich selbst. So wie , der als Verteidiger zwei Mal den Superbowl gewonnen hat. Er schoss sich 2011 ins Herz. Zuvor hatte er eine SMS verschickt, in der er die Ärzte bat, seinen Kopf auf CTE zu untersuchen. Sie taten es und wurden fündig. Auch , einer der grössten NFL-Spieler seiner Zeit, starb 2012 im Alter von 43 Jahren durch seine eigene Hand. Wie bei Duerson wurde nach seinem Tod CTE festgestellt. Auch Leben verlief nach dem Ende seiner NFL-Karriere tragisch: Er versuchte sich als Verkäufer, doch gesundheitliche Probleme (Sprachstörungen, Gehör- und Gedächtnisverlust, Kopf- und Handzittern) verunmöglichten es ihm. Mit 50 Jahren starb er an einem Herzinfarkt. Auch bei ihm wurde CTE festgestellt. Wie die Mediziner CTE überhaupt entdeckt haben, erzählt der Film «Concussion – Erschütternde Wahrheit» (2015). Auch der Fall Webster kommt vor. Abhilfe schaffen könnte in Zukunft ein neuartiger Nackenschutz. Pate für den u-förmigen Kragen standen Spechte, denen die durch ihr Klopfen verursachten Stösse nichts ausmachen. Dass das möglich ist, verdanken sie unter anderem der Tatsache, ... ... dass ihr Gehirn von mehr Hirnflüssigkeit umgeben ist als das beim Menschen der Fall ist. Während sein Gehirn bei einem Aufprall gegen die Schädeldecke schlägt, hat dasjenige der Vögel weniger Bewegungsspielraum. Dieser Effekt soll beim Menschen mithilfe des Nackenschutzes erzielt werden – durch Kompression der Halsvenen. Dadurch sollen die Schädigungen des Gehirns verhindert werden, die im Verdacht stehen, Footballer auch abseits des Platzes aggressiver zu machen und ihr Suizidrisiko zu erhöhen.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ex-Football-Profi Anthony McClanahan sitzt im Gefängnis. Ihm wird vorgeworfen, Anfang November seine Frau mit einem Messer getötet zu haben. Möglicherweise weil er an der Hirnerkrankung CTE (chronisch-traumatische Enzephalopathie) leidet.

Es wäre nicht das erste Mal, dass ein ehemaliger American-Football-Spieler aufgrund von CTE gewalttätig geworden ist.

Suizid als Folge

Auch der frühere NFL-Spieler Aaron Hernandez ist tief gefallen: Erst Star der New England Patriots, beging er später mindestens einen Mord und nahm sich im April 2017 im Gefängnis das Leben.

Heute ist klar: Hernandez litt unter schwerwiegenden Hirnschädigungen, die er sich während seiner aktiven Zeit auf dem Spielfeld zugezogen hat. CTE dritten Grades (siehe Box) lautet die Diagnose der Experten vom CTE-Center der Boston University.

Überraschend heftig

Derartige Schäden habe sie zuvor nur bei deutlich älteren Menschen gesehen, so Center-Leiterin Ann McKee. «Wir können das Verhalten nicht aus der Pathologie erklären», sagte sie laut «Washington Post» bei der Präsentation der Ergebnisse.

«Wir können aber sagen, dass Individuen mit CTE von dieser Schwere insgesamt Schwierigkeiten mit Impulskontrolle, Entscheidungsfindung, der Hemmung von Aggressionen, emotionaler Labilität und Wutanfällen haben.» Das galt auch für Hernandez, der seit seiner High-School-Zeit durch impulsives Verhalten, später Drogen- und Gewaltdelikte aufgefallen war.


Junge Gehirne besonders anfällig

Eines macht McKee besondere Sorgen: «Wir sehen eine Beschleunigung der Krankheit bei jungen Sportlern. Ob das daher kommt, dass sie aggressiver spielen oder dass sie jünger anfangen, wissen wir nicht.»

Dies treibt auch viele Eltern in den USA um. Obwohl die Regeln nicht nur bei Erwachsenen, sondern auch bei vielen Kinder- und Jugendlichen angepasst sind, zögern viele Eltern, ihre Kinder überhaupt noch Football spielen zu lassen. Denn deren Gehirne reagieren besonders sensibel auf Erschütterungen.

Schon leichte Stösse schlimm

Neue Erkenntnisse, die Forscher auf dem Jahrestreffen der Gesellschaft für Neurowissenschaften in Washington vorstellten, unterstreichen das. Eine Studie der McMaster University (Ontario) zeigt, dass nicht nur Gehirnerschütterungen, sondern schon leichtere Stösse gegen den Kopf die Gedächtnisleistung zeitweise verschlechtern.

Dazu liess Forscherin Melissa McCradden Football-, Fussball- und Rugby-Spieler drei Erinnerungstests am Computer machen. Ergebnis: Während der Saison konnten sich alle Spieler schlechter erinnern als vor der Saison oder danach.

Frauen triffts härter

Unschön für den Frauenfussball: Spielerinnen tragen nach Kopfbällen offenbar mehr neuronale Schäden davon als ihre männlichen Kollegen. Forscher des Albert Einstein College of Medicine (New York) untersuchten dazu die Gehirne von je 49 Spielerinnen und Spielern.

Das Ergebnis: Kopfbälle verschlechterten bei beiden Geschlechtern die Leitfähigkeit von Nervenfortsätzen – bei den Männern aber nur in drei Hirnregionen, bei den Frauen in acht und zumeist auch anhaltender. Die Gründe sind unklar.

Der US-Fussballverband reagierte bereits: Seit 2015 dürfen Kinder unter 10 Jahren überhaupt keine Kopfbälle mehr machen. Zwischen 11 und 13 Jahren ist das im Spiel erlaubt, aber im Training verboten.

(fee/sda)

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Ali am 18.11.2017 20:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Concussion

    Der Film von Will Smith zeigt das ganz gut.

    einklappen einklappen
  • Crashtestdummy am 18.11.2017 20:03 Report Diesen Beitrag melden

    Bodycheck

    Boxen ist ein grober Sport.

    einklappen einklappen
  • Alfredo am 19.11.2017 00:12 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kopf

    Tja das Gehirn ist ein hochsensibles Organ, nicht umsonst wird es durch den Schädel geschützt, was nunmal kein absoluter Schutz ist. Aber es wird wohl jeder wissen, Sportarten mit intensivem Körperkontakt birgen gewisse Risiken.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Didi am 20.11.2017 20:57 Report Diesen Beitrag melden

    Unerklärlich ...

    Ich denke nicht, dass Sport gefährlich sein kann: Ich sehe seit vielen Jahren jeden Tag intensiv Sport am Fernsehen und habe noch nie eine Sportverletzung davon getragen ...

  • Claudio S.F. am 20.11.2017 14:28 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sport ist Mord

    Auch Multiplesklerose und amyotrophe Lateralsklerose treffen öfter Sportler.

  • Dust1 am 20.11.2017 13:31 Report Diesen Beitrag melden

    Ignoranz

    Habe auch den Film gesehen und auch heute noch scheint die Ignoranz da zu sein, auch wegen dem Geld. Es ist interessant auf wie viel Wiederstand man stossen kann, wenn das Geld vor der Gesundheit liegt.- Nicht wegen den Löchern im Kopf scheinen Sportler nicht so Intelligent zu sein, sondern weil viele die Bildung wegen dem Sport vernachlässigt haben. (Ich weiss bin eine Spassbremse)

  • Kalli B. am 20.11.2017 11:48 Report Diesen Beitrag melden

    Amateurboxer auch schwer gezeichnet

    Wir hatten einen Bekannten, der war früher sehr lange Zeit Amateurboxer. Irgendwann war es unübersehbar, dass er eine Hirnschädigung bekommen hat. Zuletzt war er Stufe IV und konnte seinen Beruf nicht mehr ausüben. Zu allen Problemen obendrauf wurde er dann auch noch agressiv und gefährlich. Leider musste er relativ bald in eine geschlossene Psychiatrie, wo er dann nach kurzer Zeit verstorben ist.

    • Cali P am 21.11.2017 11:28 Report Diesen Beitrag melden

      ja so ist es mit diesen Boxern..

      ..sie füllen die Psychatrien, alles voller Boxer und Sportler(Ironie an). Ich denke mal eher der gute Mann hatte schon vor seiner aktiven Zeit ein Gesundheits-/Psychologisches Problem. Wer kann sagen dass ihm nicht das gleiche Schicksal auch ohne diesen Sport wiederfahren wäre, vielleicht sogar schon viel eher. Vielleicht wurde er aggressiv nachdem er mit dem Sport aufgehört hat oder aufhören musste. Die physische Aktivität hat auf psychologische Krankheiten einen positiveren Einfluss als .. nichtstun und kopfzerbrechend dahinzuvegetieren.

    einklappen einklappen
  • Minnie Mouse am 20.11.2017 07:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kein Sport ist es wert!

    In der Schweiz werden Gehirnerschütterungen völlig unterschätzt! Bei jedem Fußballverein gehen die Spieler auch nach heftigen Zusammenstößen einfach wieder zurück aufs Spielfeld! In den USA wurden Kinder nicht mehr eingewechselt, wenn die Gefahr einer Gehirnerschütterung bestand - man hatte den Eindruck, sie waren übervorsichtig, aber besser zu vorsichtig als zu nachsichtig! Es lohnt sich nicht, für irgendeinen Verein seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen! Es gab in den USA auch sporadische Tests für Sportler in Risikosportarten, um zu sehen, ob sie schon geschädigt waren!