Hans R. Herren

27. September 2013 08:28; Akt: 27.09.2013 08:28 Print

«Gentech ernährt heute keinen Menschen mehr»

von Daniel Huber - Als erster Schweizer erhält Hans R. Herren den Alternativen Nobelpreis. Nachhaltige Landwirtschaft könne noch viel mehr Menschen ernähren, sagt der Agrarforscher.

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Herren in Westpokot in der kenianischen Provinz Rift-Valley (Bild: © Biovision)

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Herr Herren, Sie haben den Alternativen Nobelpreis für Ihren Einsatz gegen Hunger und Armut gewonnen. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?
Hans Rudolf Herren:
Es ist eine Anerkennung für all meine Arbeit. Für die Versuche, die Landwirtschaft auf den Prinzipien der Nachhaltigkeit neu aufzubauen.

Was bringt Ihnen der Preis?
Es wird wieder über nachhaltige Landwirtschaft gesprochen, das Thema wird von den Medien aufgenommen. Es ist wichtig, dass das nicht einfach immer wieder verschwindet, denn Landwirtschaft, da sagen wir schnell, die ist einfach da. Da gibt es andere Probleme in der Welt. Aber im Grunde ist es eben doch ein Hauptthema.

Es ist ja nicht Ihre erste Ehrung: 1995 haben Sie den Welternährungspreis erhalten. Mit dem Preisgeld haben Sie die Stiftung Biovision gegründet. Was haben Sie diesmal vor?
Das Preisgeld geht voll und ganz in das neue Projekt «Kurswechsel Landwirtschaft», das wir vor fast zwei Jahren begonnen haben, mit Unterstützung der Deza und anderer Geldgeber. Das Projekt, das die nachhaltige Landwirtschaft auf allen Ebenen politisch stärken soll, testen wir jetzt in drei afrikanischen Ländern: Senegal, Kenia und Äthiopien. Dort unterstützen wir die Behörden bei der Planung ihrer landwirtschaftlichen Strategien.

Den Welternährungspreis haben dieses Jahr neben anderen auch Robert Fraley, ein Führungsmitglied des Monsanto-Konzerns, und der Gentechniker Marc Van Montagu erhalten. Über 80 Preisträger der «Right Livelihood Award»-Stiftung haben dagegen protestiert. Schliessen Sie sich diesem Protest an?
Ja, ich habe auch protestiert. Wenn Sie die Wissenschaft anerkennen wollen, dann ist das in Ordnung. Der Welternährungspreis wird aber – normalerweise – an Personen vergeben, die die Menge an, die Qualität von und den Zugang zu Nahrungsmitteln erhöht haben. Erhöht haben – nicht irgendwann erhöhen werden. Darum frage ich mich, warum sie ausgezeichnet wurden: Wenn es für die Wissenschaft war, war es nicht der richtige Preis. Wenn es für die Erhöhung der Nahrungsmittelmenge und -qualität war, dann stimmt das so einfach nicht.

Stichwort Gentechnik: 2050 werden über neun Milliarden Menschen auf unserem Planeten leben. Sie alle müssen ernährt werden. Nachhaltige Landwirtschaft in Ehren, aber geht das ohne Gentechnik?
Gentech ernährt heutzutage keinen mehr. Der grösste Teil an Gentech-Pflanzen machen Baumwolle – die isst man bekanntlich nicht – Mais und Sojabohnen aus. Diese essbaren Pflanzen gehen nahezu gesamthaft in die Verarbeitung für Tierfutter, Biodiesel und Ethanol. Man muss wissen: Wir produzieren 4600 Kalorien pro Person und Tag – doppelt so viel, wie man im Durchschnitt benötigt. Das Problem ist also nicht die Menge. Das Problem ist, was wo von wem produziert wird. Ich habe keine Angst, dass wir 2050 mit neun oder zehn Milliarden Menschen nicht genug Nahrungsmittel haben. Wir haben in Afrika gezeigt, dass wir die Erträge um das Zwei- bis Dreifache steigern können – mit nachhaltiger Landwirtschaft, mit biologischen, ökologischen Methoden.

Was bedeutet denn «Nachhaltigkeit» überhaupt?
Ja, was heisst Nachhaltigkeit? Es heisst unter anderem auch nachhaltiger Konsum. Wenn sich der Konsum nicht ändert, also wie man isst, wie man kauft, dann kann sich die Produktion auch nicht ändern. Was die Konsumenten bereit sind zu zahlen, hat einen direkten Einfluss darauf, was die Bauern produzieren. Und wie sie es produzieren. Auf der einen Seite nachhaltig produzieren und auf der anderen Seite Hamburger billig kaufen – diese Rechnung geht nicht auf. Schon gar nicht, wenn man dann noch die Hälfte wegwirft.

Gemäss dem 2008 veröffentlichten Weltagrarbericht, an dem Sie federführend mitgewirkt haben, sind kleinbäuerliche Strukturen der beste Garant für die lokale Ernährungssicherheit. Warum ist das so?
Weil man aus statistischen Daten weiss, dass kleine Familienbetriebe produktiver sind als grossindustrielle. Man produziert mehr pro Hektar, aber auch mehr auf der Farm, denn dort nutzt man das Land besser, dort nutzt man jede Ecke. Und wenn es heute schon eine Milliarde Menschen gibt, die keine Arbeit haben, warum soll man dann noch mehr Bauern rausschmeissen?

Aber gibt es denn nicht zu viele Bauern?
Natürlich, es gibt Orte, wo es viel zu viele hat, dort muss man neu organisieren. Man muss Leute aus der Landwirtschaft rausnehmen, sie kleine Maschinen bauen und reparieren lassen, Produkte verarbeiten, Marketing betreiben. Das muss auf der Landschaft draussen geschehen, es muss nicht immer alles in die Stadt ziehen. Wenn man das will, dann muss man aber auch investieren: Nicht nur in die Landwirtschaft, sondern auch in bessere Schulen auf dem Land, bessere Gesundheitsdienste. Es braucht Zugang zu Strom und Internet –sonst gehen die jungen Leute in die Stadt.

Sie propagieren den «dreidimensionalen Ansatz der Grünen Wirtschaft»: Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft. Was heisst das?
Diese drei Sphären sind alle miteinander verbunden. Eingriffe an einer Stelle des Systems haben Auswirkungen an einer anderen. Man muss mehr systemisch denken; den Leuten fehlt generell der systemische Ansatz. Alles, was wir machen, provoziert eine Reaktion. Wenn man viel Fleisch konsumiert, viel Essen wegwirft, muss man sich fragen, welche Auswirkungen das hat. Das hat gesellschaftliche, ökonomische, ökologische Konsequenzen.

Was ist Ihre Vision? Wie sollte die Welt aussehen, in der Ihre Enkel leben?
Ich weiss nicht, wie sie aussehen wird. Aber ich arbeite mit ganzer Kraft daran, dass sie ein besserer Ort wird für die Menschen.


Verkündung der Preisträger 2013
(Quelle: Youtube/Right Livelihood Award Foundation)

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Ausgewählte Leser-Kommentare

Tiefsten Dank, Herr Herren, für Ihr Engagement. Beeindruckend und ermutigend! Sie setzen ein wichtiges Zeichen. – Susanne K.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Caroline Maria am 29.09.2013 19:08 Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Sehr geehrter Hr. Herren, vollste Hochachtung für Ihre Leistung. Aber wäre es nicht auch gut in Europa für agragentechnikfrei zu arbeiten, denn Monsanto und Konsorten stehen bereits mit einem Bein auf unseren Äckern.

  • R Wetter am 27.09.2013 10:44 Report Diesen Beitrag melden

    Löst keine Hungerprobleme

    Gentechnik wird keine Hungerprobleme lösen sondern nur die Taschen der Multis füllen. Es mag für gewisse Grossbauern interessant sein, der Kleinbauer kann die Lizenzgebühren nicht bezahlen oder verschuldet sich, die Resultate sieht man in Indien

  • asgart1 am 27.09.2013 10:37 Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt ist gross genug

    um noch viel mehr Menschen satt zu machen. Nur das System nicht. Traurig aber wahr. Das System tötet so Millionen und Milliarden von Menschen. Reine Gier nenne Ich das. Und was Monsato angeht :Agent Orange, Zyklon B...sind auch Erfindungen dieses Konzerns....Da wird man ausgezeichnet für die Vernichtung der Menschheit. Gentech gehört auch nicht ins Tierfutter weil die Tiere werden schlussendlich von Menschen gegessen. Einfach nur krank diese Denkweise. Soja und Mais ist übrigens ebenfalls immer noch ein Grundnahrungsmittel der Menschen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Caroline Maria am 29.09.2013 19:08 Report Diesen Beitrag melden

    Frau

    Sehr geehrter Hr. Herren, vollste Hochachtung für Ihre Leistung. Aber wäre es nicht auch gut in Europa für agragentechnikfrei zu arbeiten, denn Monsanto und Konsorten stehen bereits mit einem Bein auf unseren Äckern.

  • urs wildh am 27.09.2013 23:00 Report Diesen Beitrag melden

    Halber ertrag!

    Wenn alles ginge nach diesem Herrn dann hätten wir in kürzester Zeit eine Weltweite Hungersnot!!!!

    • franz natura am 28.09.2013 07:19 Report Diesen Beitrag melden

      nullrunde

      Das ist doch Unsinn. Lesen Sie das Interview nochmal in Ruhe und ganz durch.

    • Kellerhals D am 29.09.2013 13:37 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Hat recht

      Urs Widh hat vollkommen recht. Phantasten kann die Welt nicht gebrauchen.

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  • Roger am 27.09.2013 15:51 Report Diesen Beitrag melden

    RESPEKT!!

    An Herrn Herren! Das sind echte Helden! Danke für Ihren Einsatz!

  • Oskar Zollinger am 27.09.2013 14:25 Report Diesen Beitrag melden

    nicht die ganze Wahrheit gesagt

    O.Zollinger, Ontario, Kanada 27,9.13 Als Produzent von Soyabohnen und Mais, auch als interressierter Marketer weiss ich, dass riesige Mengen von Reis, Soyabohnen und Mais fuer Nahrungsmittelzwecke produziert werden. Wir haben Fabriken vor Ort, die unsere Produkte fuer z.B. Staerke,Oil, Milchpulver, etc verarbeiten.

  • Joachim am 27.09.2013 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Heuchler

    Gratulation an Herr Herren, allerdings sind seine Aussagen bezüglich Gentech bedenklich. Auch wenn gentech momentan direkt noch nicht ernährt, sind unzählige heute Produzierte Lebensmittel nur effektiv produzierbar durch Gentechnik!. Benützt nur weiter all diese Produkte und wettert gegen Gentechnik, das ist Heuchelei auf hohem Level. Und sind wir mal ehrlich, Gentech ist nur eine effizientere art von Züchtung. Allerdings mit stark verringertem Zeit- und Kostenaufwand und stark verringertem Leiden der Tiere!!!!

    • Damian Hurschler am 27.09.2013 22:32 Report Diesen Beitrag melden

      Wie verbessert Gentechnik den Ertrag?

      Bei den mir bekannten gentechnisch veränderten Pflanzen wird der Ertrag dadurch gesteigert, dass durch die Genveränderung zB Mais immun wird gegen bestimmte Pflanzengifte (zB Roundup). Diesen Vorteil kann man natürlich nur nutzen wenn man dann auch die Gifte einsetzt um alle unerwünschten Unkräuter zu vergiften. Schon nach wenigen Jahren gedeihen auf dem vergifteten Boden nur noch die genveränderten Pflanzen. Das Bodenleben kommt aus dem Gleichgewicht, viele Bodenlebewesen verschwinden und die Pflanzen zeigen Mangelerscheinungen. Ab diesem Zeitpunkt nimmt der Ertrag nur noch ab.

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