«Halbseitenschlaf»

18. Oktober 2012 11:09; Akt: 19.10.2012 12:51 Print

Delfine bleiben bis zu 15 Tage wach

Amerikanische Forscher haben den Schlaf-wach-Rhythmus von Delfinen unter die Lupe genommen. Wenn die Tiere mal ein Nickerchen machen, bleibt eine Gehirnhälfte aktiv, damit die Säuger nicht ertrinken.

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Seit Anfang 2012 wurden an den Nordküsten Perus tausende Delfin-Kadaver angeschwemmt. Rund 3000 tote Meeresäuger wurden bisher eingesammelt. Dabei handelt es sich mehrheitlich um Grosse Tümmler. Ausserdem sind an den Stränden - je nach Quelle - 1500 bis 3000 Pelikane und Tölpel verendet. Wegen eines angeblich auf den Menschen übertragbaren Virus, der für das Massensterben verantwortlich sein soll, hat die peruanische Regierung Anfang Mai 2012 einen Gesundheitsalarm ausgelöst. Zudem liess sie Strände nördlich der Hauptstadt Lima sperren. Seit Monaten befreien dutzende Helfer betroffene Küstenstriche von den Tierkadavern. Biologen haben jedoch andere Ursachen herausgefunden - zumindest für das Massensterben der Seevögel: Überduchschnittlich warme Küstengewässer sind nach wochenlangen Untersuchungen für ihren Tod verantwortlich. Deren Hauptnahrung, Sardellen, halten sich deswegen in tieferen Wasserregionen auf oder sind ganz einfach in kühlere Gebiete ausgewandert. Während die Ursache für das Sterben der Seevögel geklärt ist, bleibt der Massentod der Delfine bislang rätselhaft. Wissenschafter der Tierschutzorganisation ORCA äussern den Verdacht, dass Explosionen im Rahmen von Ölbohrungen für den Massentod der Tümmler verantwortlich seien. Umweltschützer kritisieren zudem die Behörden und das Fischereiministerium: Dieses hätte zu zögerlich auf das akute Problem reagiert, um die wirtschaftlichen Interessen der Fischerei-Industrie zu wahren. Die moderne Fischerei setzt Sonarwellen ein, welche die empfindsamen Organe der Meeressäuger schädigen können. Obwohl das Gesundheitsministerium die Bevölkerung dazu aufrief, sich von den Stränden fern zu halten, bleiben unerschrockene Sonnenanbeter am Strand. Ein Massensterben der Seevögel in ähnlichem Ausmass ereignete sich bereits vor 15 Jahren. Auch damals waren die Tiere verhungert und zu tausenden verendet. Ursache für das Massensterben war damals jedoch das Wetterphänomen El Niño.

Die Bildstrecke: Peru sperrt Anfang 2012 die Strände nach dem Massensterben von Delfinen und Pelikanen.

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Wenn Delfine schlafen, dann nur halb: Eine Gehirnhälfte der Meeressäuger ist stets wach. Das ist wichtig, damit die Tiere nicht im Schlaf ertrinken. Einer neuen Studie zufolge ermöglicht ihnen der «Halbseitenschlaf» vermutlich aber auch, tagelang wachsam zu bleiben.

Delfine können mindestens 15 Tage hintereinander ununterbrochen wachsam sein, berichten US-Forscher im Fachmagazin «PLoS ONE». In der freien Natur könnten die Tiere auf diese Weise wahrscheinlich mit ihren Artgenossen zusammenbleiben und allzeit mögliche Feinde in der Umgebung wahrnehmen.

Die Wissenschaftler hatten in Versuchen festgestellt, dass die Tiere über Tage kontinuierlich Echolot-Signale aussenden und Objekte aufspüren können. Vermutlich ist diese Fähigkeit der Tatsache zu verdanken, dass die Hirnhälften von Delfinen sich beim Schlafen abwechseln, die Tiere also quasi immer halbwach sind.

Suchspiel im Meerwasserbassin

Delfine nutzen ähnlich wie Fledermäuse ein Echoortungssystem, um sich ein räumliches Bild von ihrer Umgebung zu machen. Die Wissenschaftler um Brian Branstetter von der National Marine Mammal Foundation in San Diego im US-Bundesstaat Kalifornien wollten wissen, ob das auch über lange Zeiträume möglich ist.

Also untersuchten sie dies mit Hilfe von zwei Grossen Tümmlern (Tursiops truncatus), einem 30 Jahre alten Weibchen und einem 26-jährigen Männchen. Sie liessen die Tiere einzeln in einem Meerwasserbassin schwimmen, in dem die Delfine per Echoortung bestimmte Ziele auffinden mussten. Gelang ihnen das, wurden sie mit einem Fischhappen belohnt.

Fünf Tage Echoortung

Beide Tiere erledigten diese Aufgabe fünf Tage lang. Sie zeigten dabei allenfalls leichte Ermüdungserscheinungen. Insgesamt war die Leistung mit einer Trefferquote von 75 bis 86 Prozent bei dem männlichen und von 97 bis 99 Prozent bei dem weiblichen Delfin aber sehr gut. Jedes Tier machte drei fünftägige Tests.

Vor allem das Weibchen habe die Versuche begeistert und hochmotiviert absolviert, berichten die Forscher. Es habe zum Teil sogar mit «Sieges-Quiekern» auf richtige Treffer reagiert. Die Forscher entschlossen sich daraufhin, das weibliche Tier in einem weiteren Versuch noch über einen längeren Zeitraum zu testen.

Nach 15 Tagen mussten sie den Versuch allerdings wegen eines aufziehenden Sturms abbrechen. Bis dahin hatte das Weibchen kontinuierlich Klicklaute ausgestossen und seine Aufgabe fast perfekt erfüllt.

Dank Halbseitenschlaf permanent wach

Die Forscher vermuten, dass die Delfine aufgrund ihres «Halbseitenschlafs» so lange aufmerksam bleiben können. Dieser habe sich vermutlich entwickelt, damit die Meeressäuger auch im Schlaf an die Wasseroberfläche auftauchen und Luft holen können.

Dass er auch die langfristige Wachsamkeit der Delfine sichere, sei mit ihren Experimenten nicht bewiesen. Dazu müssten Versuche vorgenommen werden, bei denen parallel zu den Tests Hirnströme gemessen werden.

Aus menschlicher Sicht erscheine die Fähigkeit zur tagelangen, ununterbrochenen Wachsamkeit extrem, schreiben die Forscher. Für die Delfine sei dies jedoch ziemlich normal und unspektakulär. Schliesslich garantiere ihnen diese Eigenschaften das Überleben.

(sda)