Naturschutz

20. August 2012 21:40; Akt: 20.08.2012 21:40 Print

Wenn Frosch und Fröschin nicht zueinander finden

von Beate Kittl, sda - In der Schweiz sind die Lebensräume von Pflanzen und Tieren stark zerstückelt. Massnahmen wie der Bau von Grünbrücken sollen den bedrohten Arten das Wandern erleichtern. Ein Forschungsprojekt hat deren Erfolg überprüft.

storybild

Grünbrücken wie diese über der A4 zwischen Winterthur und Schaffhausen sollen bedrohten Tieren das Wandern erleichtern. (Bild: Keystone/Alessandro Della Bella)

Zum Thema
Fehler gesehen?
Fehler beheben!
Senden

Die Schweiz ist eine der Regionen Europas mit den am stärksten zerstückelten Lebensräumen für Pflanzen und Tiere. Dies geht aus Daten des Bundes hervor, der seit 2006 den Grad der Landschaftszerschneidung erfasst. Strassen, Eisenbahnschienen oder Überbauungen sind für viele Arten unüberwindbar.

Zertrennte Lebensräume fördern die Inzucht, wodurch genetische Vielfalt verloren geht. Diese ist jedoch eine Art Versicherung für schlechte Zeiten, indem sie Anpassungen an neue Umweltbedingungen ermöglicht. Vielerorts werden deshalb Grünbrücken über Strassen, Trockenmauern oder Tümpel gebaut, um Arten das Wandern zu erleichtern.

Fehlende Erfolgskontrollen

Erfolgskontrollen fehlen indes weitgehend. Darum ging das gross angelegte Projekt «Enhance» des ETH-Kompetenzzentrums Umwelt und Nachhaltigkeit zwischen 2008 und 2012 folgender Frage nach: «Schützen Massnahmen zur Vernetzung der Landschaft wirklich die Arten?» Dies erklärte Projektleiterin Janine Bolliger von der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL gegenüber der Nachrichtenagentur SDA. Beteiligt waren 19 Forschende aus vier Schweizer Institutionen.

Sie setzen vor allem auf die relativ junge Disziplin der Landschaftsgenetik. Diese verknüpft Daten zur Landschaftsstruktur mit der Erbgutanalyse von Individuen und Beständen. Damit lässt sich leicht feststellen, ob die Vernetzungsprojekte den Arten nützen.

Laubfrösche wandern erstaunlich weit

Zum Beispiel untersuchten Bolliger und ihre Kollegen, wie rasch Laubfrösche neu gebaute Tümpel im Reusstal besiedelten. Die kleinen grünen Frösche sind auf ein Netz von Laichgewässern wie Kiesgruben angewiesen. Tatsächlich wurden neue Tümpel innerhalb nur eines Jahres neu besiedelt, wie Bolligers Team feststellte.

Überraschend war, dass die Frösche in einer intensiv genutzten Landschaft aus bis zu fünf Kilometern Distanz hergewandert waren. «Nicht alles, was Menschen als Hindernis wahrnehmen, ist auch für die Frösche eines», schreiben die Forschenden im Newsletter «Umwelt Aargau». Heute leben rund 3000 Laubfrösche im Reusstal – 5000 müssten es laut der Naturschutzorganisation Pro Natura sein, damit die Art langfristig überlebt.

Aufwertung fehlgeschlagen

Als problematisch erwies sich hingegen eine gut gemeinte Aktion, um Lebensräume entlang der neuen SBB-Schnellstrecke im Oberaargau ökologisch aufzuwerten: Als Kompensation wurden neue Feuchtgebietflächen gebaut und mit kommerziellen Samenmischungen bestückt.

Doch die genetischen Untersuchungen von Kuckucks-Lichtnelken – einer typischen Pflanze für bedrohte Feuchtgebiete – ergaben, dass jene in Samenmischungen eine höhere Inzuchtrate aufwiesen als wilde Lichtnelken. «Das Erbgut der Samen könnte längerfristig minderwertig sein, weshalb nicht unbedingt von einer Aufwertung gesprochen werden kann», sagt Bolliger.

«Die Landschaftsgenetik wird im Naturschutz eine grosse Bedeutung gewinnen», ist die Biologin überzeugt. Denn die Massnahmen verschlingen oft viel Geld, ihr Erfolg wird aber mangelhaft überwacht. Der Böschungs- und Gewässerunterhalt, um die geschützte Libellenart Helmazurjungfer im Oberaargau zu fördern, kostet 30 000 Franken im Jahr.

Emotionale Argumente fördern Akzeptanz

Ohne die Unterstützung der Bevölkerung geht das nicht. Darum haben Soziologen im Rahmen des «Enhance»-Projekts die Haltung gegenüber Ausgleichsflächen im Oberaargau untersucht. Dabei stellte sich heraus, dass die Hälfte der Befragten eine vielseitige Landschaft schätzt, die andere Hälfte aber keine Präferenz zeigt - egal, ob sich die Personen als «umweltsensibilisiert» einstuften oder nicht.

«Die Bedeutung einer vernetzten Landschaft ist vielen Menschen nicht bewusst», schliesst Bolliger. Die Forschenden wollen deshalb vor allem Gemeinden und Naturschutzorganisationen gezielt informieren, da diese letztlich die Naturschutzmassnahmen umsetzen müssen.