Leben im Unterwasser-Labor

29. Mai 2012 15:09; Akt: 29.05.2012 15:41 Print

«Wir tauchen neun Stunden am Tag»

von Philipp Dahm - Die Aquarius Reef Base vor Florida ist für die Ozeane, was die ISS für das All ist. Der US-Biologe Joseph Pawlik über die Arbeit im einzigen Unterwasser-Labor der Welt.

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Das Unterwasser-Labor «Aquarius Reef Base» liegt etwa 14 Kilometer von der Küste entfernt im Nationalpark Florida Keys. Es ist durch eine Lebenserhaltungsboje mit der Oberfläche verbunden, durch die Luft in die Station in gut 18 Metern Tiefe gepumpt wird. Die Hülle der Aquarius besteht aus 1,9 Zentimeter dickem Stahl. Sie ist durch vier 25 Tonnen schwere Bleiplatten im Boden verankert: Die Station wiegt insgesamt rund 300 Tonnen. Das Labor selbst hat eine Nutzfläche von circa 37 Quadratmeter. Taucher können durch den Nassbereich direkt in die Stahlwurst hineinschwimmen: Luftdruck verhindert, dass das Wasser von unten in die Station drückt. Im Nassbereich stehen die Duschen. Eine luftdichte Luke trennt den Nassbereich von der Einstiegsschleuse, wo Toiletten, Versorgungssysteme und ein Arbeitsplatz untergebracht sind. Der Blick aus dem Fenster gleicht nicht wirklich dem gewohnten Ausblick an Land. Im Arbeitsbereich können vier Wissenschaftler und zwei Techniker stationiert werden. Sie müssen sich auf engem Raum zusammenraufen: Die Kojen sind 190 Zentimeter lang und 60 Zentimeter breit. Für Notfälle steht an der Station eine Tauchglocke bereit, in der sechs Menschen stehen können. Auch bei Tauchausflügen wird vorgesorgt: Unter Wasser liegen stets Sauerstofflaschen bereit. Die Forscher bei der Vorbereitung eines Experiments: Bis zu neun Stunden können sie täglich tauchen. Ein Thermistor-Durchflusszähler misst die Förderraten von braunen Röhrenschwämmen. Neben Biologen nutzt auch NASA die Aquarius Reef Base. Regelmässig ... ... trainiert die US-Raumfahrtbehörde hier ihre Astronauten. Selbst das Mond- beziehungsweise Mars-Fahrzeug ... ... wird zum Training etwa von Bergungseinsätzen mit zum Meeresgrund genommen. Dr. Joseph Pawlik von der Uversity of North Carolina untersucht im Mai 2012 auf der Aquarius Schwämme, die am Korallenriff leben. Anders als Korallen bilden Schwämme keinen Kalk - und somit kein Riff. Einige der Schwämme sind mehr als 200 Jahre alt, fand der Biologe heraus. Impressionen: Mal «fliegt» eine Wasserschildkröte durchs Meer, ... ... mal ein Taucher. Ein Zackenbarsch neben einer Blumenkoralle.

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20 Minuten Online: Herr Pawlik, Sie sind Biologe auf der Aquarius Reef Base. Was genau ist Ihre Mission?
Dr. Joseph Pawlik:
Wir studieren Schwämme an Korallenriffen. Dabei untersuchen wir verschiedene Komponenten wie Demographie, Sterblichkeit, Reproduktionsrate, Erkrankungen und grundsätzliche biologische Fragen. In einem grösseren ökologischen Zusammenhang fragen wir: Was macht die biologische Vielfalt von Korallenriffen aus?

Wie wichtig ist die Station für Ihre Arbeit?
Sie ist äusserst wichtig. Wenn du von einem Boot aus in 30 Metern Tiefe arbeitest, hast du drei Stunden Tauchzeit am Tag. Du musst Sauerstoff mitnehmen und selbst mit einem Luftgemisch kannst du nur eine gewisse Zeit bleiben. Um der Tauchkrankheit vorzubeugen, musst du pausieren, bis du wieder ins Wasser kannst. In der Aquarius lebst du praktisch in der Tiefe: Dein erster Tauchgang dauert sechs Stunden, du machst drei Stunden Pause und tauchst wieder für drei Stunden. Das sind neun Stunden Arbeitszeit täglich – und für unsere Experimente brauchen wir viel Zeit.

Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis?
Der aufregendste Moment war, als wir Daten auslesen wollten und einer meiner Studenten sich umdrehte, weil er einen Schatten über sich sah. Ein gut neun Meter langer Walhai schwamm genau über uns und blieb eine Weile. Lustig ist: Das Gebiet von Key Largo ist ein weltweites Tauch-Mekka. Leute, die ihr ganzes Leben dort verbracht haben, haben noch nie einen Walhai gesehen. Sie wollten uns anfangs nicht glauben, aber wir hatten Kameras dabei und konnten es beweisen.

Warum ist das Unterwasserlabor vor Florida stationiert?
Das «Conch Reef» («Muschelriff») ist ein Schutzgebiet im «Florida Keys National Marine Sanctuary»: Niemand darf es betreten und dort einfach tauchen oder fischen. Das Riff liegt an einem Abhang und ist fast wie eine Klippe. Es wurde schon oft untersucht, ist gut bekannt und deshalb ein guter Ausgangspunkt für weitere Studien: Wenn man über die physische und chemische Ozeanographie Bescheid weiss, kann man besser weitere biologische Fragen klären. Ausserdem liegt der Standort in der Nähe des Hafens, von dem aus wir die Station versorgen.

Das heisst, Sie kennen das Gebiet schon wie Ihre Westentasche?
Weil die Aquarius schon seit zwei Jahrzehnten dort ist, gibt es viele Langzeitstudien über das Gebiet. Wir haben neun Areale abgesteckt, in denen wir individuelle Schwämme seit 1997 beobachten. Wir kennen diese Schwämme beim Namen, haben Fotos von ihnen und umfangreiche Datenbanken angelegt.

Wie nützen Sie diese Daten?
Wer in seinen Garten geht und seinen Rosenbusch betrachtet, weiss, seit wann er da ist, wie schnell er wächst, wann er blüht und wann er stirbt. Wir können Organismen wie Schwämme erst untersuchen, seit Mitte des letzten Jahrhunderts mit dem Tauchen begonnen wurde. Wir haben also nicht dieselben Informationen über die Schwämme wie über Roschenbüsche. Dank der Aquarius konnten wir beispielsweise das Alter der Schwämme ermitteln.

Und, wie alt sind sie?
Wir haben herausgefunden, dass einige von ihnen über 200 Jahre alt sind. Bis dato wusste das niemand.

Sie erforschen seit mehr als zwei Jahrzehnten das Meer. Was denken Sie über den Klimawandel?
Die Zahl der Leute, die am Klimawandel zweifelt, wird mit jedem Monat kleiner. In der Forscher-Gemeinschaft ist diese Zahl ohnehin klein. Jeder, der Feldstudien macht, weiss, dass derzeit ein vom Menschen verursachter Klimawandel im Gang ist.

Sind Schwämme ein guter Indikator für Umweltverschmutzung?
Der Golfstrom fliesst an den Florida Keys vorbei. Es gibt Anzeichen, dass Schwämme Probleme im Wasser anzeigen, aber nicht unbedingt Verschmutzung. Schwämme sterben, wenn die Wassertemperatur fällt. Korallen reagieren sensibler, weshalb die Schwämme Überhand nehmen.

Was ist das Problem mit den Korallen?
Vor allem Krankheiten und eine Serie von Wärmeschüben sind schuld an der Abnahme der Korallenbestände der letzten 30 Jahre. Hinzu kommen Schäden am Riff durch Stürme. Es gab in der Karibik früher auch viele schwarze Seeigel, die die Algen gefressen haben. 1982 starben alle innert sechs Monaten – womöglich durch eine aus dem Pazifischen Ozean eingeschleppte Krankheit. Seither geht es den Algen sehr gut, was wiederum den Korallen zu schaffen macht.

Spüren Sie auch Auswirkungen durch Fischerei?
Wir beginnen gerade erst, sie zu verstehen. Wenn man die Fische wegnimmt, entfernt man die Fressfeinde der Algen und Schwämme. Dadurch geht es den Korallen schlechter. In der Ökologie nennt man das einen indirekten Effekt. Wir machen gerade eine Karibik-weite Untersuchung der Riffe und haben bisher herausgefunden, dass dort, wo die Bevölkerung Fisch fängt – wie auf Jamaika oder Martinique – die Schwämme und Algen wild wuchern. In geschützten Gebieten werden sie im Zaum gehalten.

Dabei sind Schwämme kein Ersatz für Korallen, weil sie keine Riffe bilden, wenn sie sterben …
Das stimmt, aber sie tun etwas, was Algen nicht machen: Weil sie so lange leben und so gross werden können, bieten sie anderen Tieren einen Lebensraum: Fischen, Krabben, Hummern.


So taucht man in die Aquarius. Quelle: YouTube


Ein ansehnliches Video über nächtliche Tauchgänge von der Aquarius. Quelle: YouTube

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Asiadiver am 29.05.2012 23:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wow aber hart

    Schon cool, ich liebe tauchen. Mein Tauchkollege und ich haben auf den Philippinen 1 Woche auf einer Insel mit 700 Bewohnern und 2 Meeresbiologen die Korallen und Thunfischschwärme analysierten verbracht. Wir haben viel mit den Wissenschaftlern gesprochen und wir bekamen einen Eindruck wie anstrengend der Job ist, auch wenn er einem jeden Tag im Paradis unter Wasser führt.

  • Mtz am 29.05.2012 21:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Tauch

    9 stunde onhe stop es ist schon ok, danach aber lange im deskomprekamara bleiben mussen. Ich finde dass, nicht so schon, arbeiten 9 st protag unterwasser. Wacala!

  • r.domenig am 29.05.2012 20:07 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    das ist wieder mal sehr interessant.

    coole bilder , sehr lehrreich, ich würde sehr gern so einen job übernehmen! wenn ich könnte :-)

  • hobbytaucher am 29.05.2012 16:13 Report Diesen Beitrag melden

    9h tauchen /tag ???

    Wie ist es möglich 9h am tag zu tauchen und die ganze zeit bei diesem luftdruck zu leben? gibt das nicht üble probleme? (Beim sporttauchen darf man das ja auch nicht?!)

    • D.Menzi am 29.05.2012 16:55 Report Diesen Beitrag melden

      Kein Problem

      Weil man immer demselben Druck ausgesetzt ist das Problem beim Sorttauchen sind die Druckveränderungen Untergleichbleibendem druck ist die Stckstoffsättigung im Blut nicht entscheidend dafür müssen die Stunden bis Tage danach in der Dekokammer sitzen

    • Marc am 29.05.2012 16:55 Report Diesen Beitrag melden

      Luftdruck

      Das ist möglich weil diese personen nach dem tauchen eben NICHT nach oben müssen.

    • Tauch-Noob am 29.05.2012 16:56 Report Diesen Beitrag melden

      Kaum Druckunterschied

      Die Forscher haben kaum einen Druckunterschied wenn sie von der Tauchstation in das umgebende Wasser wechseln, weil der Druck in der Kapsel dem Umgebungsdruck entspricht. Durch das eingasparte ab und wieder Auftauchen wird zusätzlich Zeit gespart: Es ist keine Anpassung an den Druckunterschied nötig.

    • Tekki am 30.05.2012 07:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Sättigungstauchgang

      Ist eigentlich ein ganz normaler sättigungstauchgang. Der Körper kann nur eine bestimmte Menge an stickstoff aufnehmen. Ist dies erreicht spielt es keine Rolle wie lange man dann noch taucht unter gleichen Druckverhtnissen. Danach bedeutet dies aber bis zu 2 Wochen Dekokammer bis der Körper entsättigt ist.

    einklappen einklappen
  • Gast am 29.05.2012 15:54 Report Diesen Beitrag melden

    Gast

    Der Beweis des vom Menschen gemachten Klimawandels ist erbracht. Dank dem Autor wissen wir es nun endgütlig. Super, danke sehr!