Giftige Hinterlassenschaft

02. November 2016 19:54; Akt: 02.11.2016 20:11 Print

Eisschmelze droht US-Militärbasis freizulegen

65 Meter tief im Grönlandeis liegt ein vergessenes US-Nuklearprojekt. Bald könnte es zum Vorschein kommen. Und mit ihm jede Menge Giftmüll.

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Der Rückgang von Eis und Schnee in Grönland könnte ein grosses Problem zu Tage fördern. Denn auf der zu Dänemark gehörenden Insel gibt es mehr als 30 zurückgelassene US-Militärstationen. Eine davon ist das Camp Century. Wie die anderen auch sollte es unter anderem als Abschussbasis für Atomraketen dienen. Von Grönland aus, so die Überlegung, würden diese den Feind schneller erreichen. (Im Bild: Grundriss des Camps) Der Grundstein für die geheime Anlage - noch nicht einmal Dänemark, zu dem Grönland gehört, wusste, was die Amerikaner dort trieben - wurde 1959 ... ... in acht Metern Tiefe ... ... und rund 150 Kilometer vom Flugstützpunkt Thule entfernt gelegt. Doch schon nach drei Jahren beschlossen die Verantwortlichen, das mit Atomenergie betriebene Camp wieder stillzulegen: Das Eis drumherum bewegte sich zu stark. 1967 war schliesslich endgültig Schluss. (Im Bild: das US-Militär stützt die Schneemassen) Die einstigen Erbauer liessen alles stehen und liegen - weil sie davon ausgingen, dass die stetig wachsende Eisdecke die Hinterlassenschaften konservieren würde. Nur den Kernreaktor baute man ab. Die Nachlässigkeit von damals könnten künftige Generationen teuer bezahlen, befürchten Forscher. Laut ihrer Studie könnte die verlassene Militärbasis aufgrund der Erderwärmung wieder an die Oberfläche kommen. Und mit ihr rund 9200 Tonnen Abfall, 200'000 Liter Diesel und Polychlorierte Benzole (PCB) sowie 24 Millionen Liter Abwasser und leicht radioaktives Kühlwasser aus dem Kernreaktor. (Im Bild: US-Militärs montieren einen Tank für nuklearen Abfall) Das ist jedoch nicht das einzige Problem: Trotz der teils hochgiftigen Hinterlassenschaften, ist nicht klar, wer die nächsten Schritte unternehmen soll. Das grönländische Parlament will im November Dänemark und die USA offiziell auffordern, die Entsorgung der Militärstationen in die Wege zu leiten.

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Grönland – das tönt nach unberührter Natur. Doch dem ist nicht überall so: Weit unter dem scheinbar endlosen Weiss lagern zum Teil hochgiftige Abfälle, die die Amerikaner dort zu Zeiten des Kalten Krieges in den Untergrund gebracht haben.

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Damals, als sich die USA und die Sowjetunion ein Wettrüsten lieferten, errichteten die Amerikaner unter dem Eis militärische Anlagen, darunter Camp Century. Wie die anderen auch sollte es unter anderem als Abschussbasis für Atomraketen dienen. Von Grönland aus, so die Überlegung, würden diese den Feind schneller erreichen. Das Ganze trug den Namen «Iceworm» (Eiswurm).

Kurzer Einsatz, ...

Der Grundstein für die geheime Anlage – nicht einmal Dänemark, zu dem Grönland gehört, wusste, was die Amerikaner dort trieben – wurde 1959 in acht Metern Tiefe gelegt. Doch schon nach drei Jahren beschlossen die Verantwortlichen, das mit Atomenergie betriebene Camp wieder stillzulegen: Das Eis drumherum bewegte sich zu stark. 1967 war dann endgültig Schluss.

Die einstigen Bewohner liessen alles stehen und liegen – weil sie davon ausgingen, dass die stetig wachsende Eisdecke die Hinterlassenschaften konservieren würde. Nur den Kernreaktor baute man ab.


Camp Century: Die USA bauten in den 60ern einen Stützpunkt, um 600 Atombomben zu lagern. (Video: PD)

... langfristige Folgen

Die Nachlässigkeit von damals könnten künftige Generationen teuer bezahlen. Das legt eine in den «Geophysical Research Letters» veröffentlichte Studie nahe, an der auch Horst Machguth, Glaziologe an der Universität Zürich, beteiligt ist.

Demnach könnte die verlassene Militärbasis aufgrund der Erderwärmung wieder an die Oberfläche kommen. Und mit ihr rund 9200 Tonnen Abfall, 200'000 Liter Diesel und Polychlorierte Benzole (PCB) sowie 24 Millionen Liter Abwasser und leicht radioaktives Kühlwasser aus dem Kernreaktor.

Die Klimamodelle von Machguth und seinen Kollegen zeigen, dass – sofern die Erderwärmung weiter so ansteigt wie bisher – in 70 Jahren im Gebiet um das Camp die Eisschmelze stärker sein wird als der Schneefall.

Es ist Zeit zu handeln

Zwar handelt es sich um einen verhältnismässig langen Zeitraum, der Möglichkeit zum Handeln zulässt, dennoch sind die Grönländer besorgt. Denn Camp Century ist nicht die einzige Station der Amerikaner in ihrem Eis. Die grönländische Regierung weiss von mehr als 30 vom US-Militär aufgegebenen Anlagen, bei denen weder die ökologischen noch gesundheitlichen Auswirkungen von zurückgelassenem Abfall ermittelt wurden.

Das ist jedoch nicht das einzige Problem: Trotz der teils hochgiftigen Hinterlassenschaften, ist nicht klar, wer die nächsten Schritte unternehmen soll: Der dänische Minister Vittus Qujaukitsoq sieht die Verursacher «oder in diesem Fall diejenigen, die die Verschmutzung akzeptiert und genehmigt haben» in der Verantwortung. Das sagte er der dänischen Zeitung «Belingske». Weil die US-Regierung die Militäranlagen damals offiziell an Dänemark übergeben hätte, wäre das sein Heimatland.

Wie es weitergeht, will das Parlament im November beschliessen. Es ist geplant, dass Dänemark und die USA offiziell aufgefordert werden, die Entsorgung der Militärstationen in die Wege zu leiten. Die Forscher begrüssen das. Sie hoffen, dass ihre Arbeit dazu beiträgt, dass das Thema endlich ernst genommen wird.


Nicht nur die Grönländer, auch die Forscher sind besorgt. (Video: Youtube/York University)

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • CapMen am 02.11.2016 20:06 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Paradebeispiel

    nicht einmal Dänemark, zu dem Grönland gehört, wusste, was die Amerikaner dort trieben Naja Irgendwie auch selber schuld wenn man die Amerikaner einfach gewähren lässt. Aber überlegt mal was für ein Theater es gegeben hätte wäre das Russland gewesen.

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  • Al Bundy am 02.11.2016 20:09 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    nicht besser oder schlechter

    ..sieht man was für ein Respekt die USA vor der Suveränität anderer Staaten hält..

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  • Marc am 02.11.2016 22:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die USA würde

    Europa bei einem solchen Fall auf 100 Milliarden verklagen.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Giorgio P. am 04.11.2016 14:02 Report Diesen Beitrag melden

    So en Seich!

    Die Stationen sind schon seit langem bekannt. Kann man ja nachlesen. Und gefährlich ist dort auch nichts mehr - ausser der Presse die wieder einmal Sachen aufbauscht.

  • Geissenpeter am 03.11.2016 18:15 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    gut dass Obama nie bei uns war

    unser BR hätte ihm bestimmt das Matterhorn als Militärbasis geschenkt.

  • pete am 03.11.2016 17:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    sünden

    Wir sind ja nicht besser gewesen... Siehe Kölliken.

  • von heute am 03.11.2016 14:44 Report Diesen Beitrag melden

    50 Jahre

    sind eine lange Zeit. Umweltschutz war damals noch kaum ein Thema. In der Arktis liegt alles Mögliche, was dort nicht hingehört. Kein Grund für billigen Antiamerikanismus, sondern eher für Aufräumaktionen...

    • Aufgeth´s am 04.11.2016 09:39 Report Diesen Beitrag melden

      Nicht reden handeln

      Ja sagen Sie es dem Ami das er da mal aufräumen soll und natürlich 15Mia in ein Umweltschutzprogramm zusätzlich einzahlt. Mal schauen was passiert....

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  • Kläger am 03.11.2016 13:27 Report Diesen Beitrag melden

    Verklagt die Amis auf 100Mia $

    Lasst uns eine Sammelklage über 100Mia $ einreichen! Die Amis nehmen unser Geld ja auch immer gerne. Drehen wir das mal um!