Bedrohtes Urvolk

09. August 2012 15:32; Akt: 10.08.2012 16:16 Print

Mit dem Regenwald soll auch er sterben

Die Welt begeht den Tag der indigenen Völker – Völker wie die Awá, deren Zukunft düster aussieht, weil der Landhunger von Brasiliens Viehzüchtern und Sojabauern ihre Lebensgrundlagen auffrisst.

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Seit hundert Jahren werden die Awá hart durch Viehzüchter, Holzfäller und Siedler bedrängt. Es kommt dabei mitunter sogar zu systematischen Ausrottungsversuchen. Bild: Ein junger Awa. Schon wenn sie jung sind, lernen die Awá das Jagen. Sie sind sehr begabte Schützen. Hemokoma'á steht im schwelenden Wald des Awá-Gebietes. Der Regenwald im Awá-Gebiet ist bereits zu 31 Prozent von illegalen Eindringlingen verbrannt und zerstört worden. Das Unheil rückt immer näher: Verkohlte Überreste von verbranntem Wald im Awá-Gebiet, nur wenige Kilometer von der Awá-Gemeinde entfernt. 1992 wurden Takwarentxia, seine Frau Hakõa'i und ihr kleines Baby kontaktiert. Der Rest seiner Familie wurde von bewaffneten Männern getötet. Es waren von Viehzüchtern, die das Land roden, angeheuerte Banden. Karapiru musste mitansehen, wie seine gesamte Familie von Karai (Weissen) massakriert wurde. Er floh und lebte zehn Jahre lang allein, bevor die FUNAI (die brasilianische Behörde zum Schutz der indigenen Bevölkerung) mit ihm Kontakt aufnahm. Kurz danach fand er seinen Sohn wieder, der den Angriff überlebt hatte. Takwarentxia mit seinem Haustier-Affen. Er, seine Frau und sein Baby wurden 1992 weit entfernt vom Awá-Gebiet kontaktiert. Sie waren auf der Flucht vor bewaffneten Männern, die einen Teil ihrer Familie ermordet hatten. Die Awá haben eine enge Beziehung zu Tieren, besonders zu Affen. Verwaiste Affen werden adoptiert und von Awá-Frauen sogar gestillt. Sie werden als Teil der Familie betrachtet. Baby-Affen verbringen viel Zeit mit den Awá-Frauen und -Kindern. Sie geniessen den Kontakt zu ihnen. Viele Affen sitzen gern auf dem Kopf ihres Besitzers. Dieser Südamerikanische Nasenbär schnüffelt an einem Pekari, das ein Awá-Jäger mitgebracht hat. Der Nasenbär (eine Art Waschbär) ist bei den Awá ein beliebtes Haustier. «Kleiner Schmetterling» badet im Fluss in der Nähe ihrer Gemeinde. Die Awá fischen in den Flüssen ihres Landes; Schildkrötenfleisch schätzen sie ganz besonders. Während des Karawara-Rituals schmücken Awá-Frauen die Männer mit Papageien-Federn und weicher weisser Daune vom Königsgeier. Sie klatschen und singen, damit die Männer in Trance geraten. Die Awá glauben, dass sie in diesem Zustand in den Himmel reisen, wo sie auf die Seelen ihrer Vorfahren treffen. Amerintxa'a ist vermutlich die älteste Awá. Sie lebt allein, zusammen mit ihren vielen Haustieren, in einer kleinen Palmhütte. Sie sammelt immer noch ihre eigene Nahrung. Amerintxa'a sitzt mit einem ihrer Hautier-Affen in einer Hängematte, die die Awá aus Palmfasern herstellen. Ein junger Mann macht während eines Jagd-Ausfluges im Wald eine Pause. Solche Jagd-Ausflüge können mehrere Wochen dauern. In dieser Zeit schlafen die Familien im Wald in Palmblätter-Hütten und machen aus Baumharz Fackeln. Awá-Männer sind ausgesprochen gute Jäger und verbringen viel Zeit damit, Bögen und Pfeile herzustellen – eine Kunst, die sie während ihrer Kindheit erlernt haben. Einige Bögen sind fast zwei Meter lang. Manchmal wird gemeinsam gejagt. Die Awá leben in ausgedehnten Familiengruppen. Familien gehen auf Sammel-Touren, wo jeder Nüsse und Beeren sammelt. Eine Pause im Wald während einer Sammel-Tour. Die Mutter trägt einen Rock, den die aus Tucum – einer Palmfaser – gewebt hat. Diese Familie macht eine Pause im Wald, wo sie Açai-Beeren sammelt. Holzfäller sind tief in das Awá-Gebiet eingedrungen, haben ein Strassennetzwerk gebaut und sehr grosse Mengen Holz herausgeholt. Nur knapp fünf Kilometer ausserhalb des Gebietes sind Sägewerke in Betrieb. Wie der Wald verschwindet, so verschwinden auch die Tiere, die die Awá jagen, um sich zu ernähren. Die Holzfäller haben im Awá-Gebiet illegal Strassen planiert. Der Lärm von Kettensägen und Lastwagen schreckt das Wild ab, auf das die Awá für ihre Ernährung angewiesen sind. Mit dem Wald verschwindet auch die Lebensgrundlage der Awá. Das Schicksal der letzten Awá ist ungewiss. Wenn der Wald weiterhin gerodet wird, werden sie wie eine seltene Tierart aussterben.

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Scheinbar unendlich erstreckt sich der grüne Teppich des Regenwaldes im brasilianischen Amazonasgebiet. Doch besonders im Osten klaffen immer mehr Lücken im Dschungel; es sind von Viehzüchtern und Sojaproduzenten
abgeholzte und brandgerodete Flächen.

Mit dem Wald verschwindet die Lebensgrundlage eines indigenen Volkes, das schon seit hundert Jahren von Holzfällern, Viehzüchtern und Siedlern hart bedrängt wird: Die Awá sind nach Angaben der Organisation Survival International «das bedrohteste Volk der Welt». Nur noch etwa 350 von ihnen leben in verschiedenen Gemeinden; daneben gibt es noch zwischen 60 und 100, die ohne Kontakt zur Aussenwelt die Wälder durchstreifen.

Massaker und Flucht

Doch ihr Rückzugsgebiet schwindet: Schon über 30 Prozent der Waldfläche ist einem Bericht der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten (Funai) zufolge abgeholzt worden. Ihre Heimat wurde 2009 stärker entwaldet als jedes andere indigene Gebiet im Amazonas.

Die nomadischen Awá, die in symbiotischer Einheit mit dem Wald leben (siehe Bildstrecke oben), sind aber nicht nur indirekt durch die Vernichtung ihres Lebensraumes bedroht – sie werden auch ganz direkt physisch verfolgt. Von Viehzüchtern angeheuerte Mörderbanden richten Massaker an, bewaffnete Trupps vertreiben sie. Während die illegalen Holzfäller in ihr Land vordringen, fliehen die Awá, um ihr Leben zu retten.

Kampagne für die Awá

Auf dem Papier schützt der brasilianische Staat das knapp 1200 Quadratkilometer grosse Territorium des Stammes. Doch vor Ort können oder wollen die Behörden dies nicht durchsetzen – das Schicksal der Awá bleibt ungewiss, die Aussichten sind düster. Survival International hat deshalb eine Kampagne gestartet, um auf das Los dieses indigenen Stammes aufmerksam zu machen. Auch der Schauspieler Colin Firth beteiligt sich daran; er ruft im untenstehenden Video dazu auf, dem brasilianischen Justizminister eine Botschaft zukommen zu lassen:


(Quelle: Survival International)

(dhr)