Kriminalistik

02. Januar 2012 22:05; Akt: 02.01.2012 23:36 Print

«CSI-Serien sind nicht Realität»

von Stephan Pruss - Peter W. Pfefferli vom Forensischen Institut Zürich über die Zukunft seines Fachs, was bei CSI real ist und warum er stolz auf die Zürcher Forensik ist.

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Tempo und Qualität bei der Verbrechensaufklärung: Künftig wird es wichtige Ergebnisse kriminaltechnischer Untersuchungen direkt am Tatort geben, ist Forensic Senior Consultant Dr. Peter Pfefferli überzeugt.

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Es heisst, das Verbrechen sei der Polizei einen Schritt voraus. Haben Sie dank der Technik aufgeholt?
Peter W. Pfefferli:Es ist eine Frage der Sichtweise. Auch wir sind den Verbrechern einen Schritt voraus. Die Frage heisst: Was sind die verfügbaren technischen Möglichkeiten und was allfällige wissenschaftliche Grenzen? Was die CSI-Technik in der Fiktion hergibt, darüber kann man sich ja jeden Abend im Fernsehen «weiterbilden».

Zur TV-Forensik werden Sie sicher ständig gefragt.
Das ist so.

Was ist denn real in den CSI-Serien?
Was man uns da jeden Abend zeigt, ist von der Tatortarbeit nicht Realität. Von der Technik her ist es zum Teil Realität und wird auch zum Teil von uns genutzt. Was wir nicht nutzen, das gibt es noch nicht.

Sie arbeiten unter anderem mit einem Visualisierungsgerät, das vom Tatort ein 3D-Abbild erzeugt. Werden Tatorte bald nur noch virtuell bearbeitet?
Die 3D-Methode ist ein wichtiges Instrument und sie wird sich noch stark entwickeln. Da stehen wir erst am Anfang. Aber die Vorstellung, dass wir uns jemals über einen Tatort nur noch virtuell informieren, gibt es nur in der CSI-Fernsehwelt.

Sie haben also keine Angst, von der Technik ersetzt zu werden.
Überhaupt nicht. Die Technik wird uns nie ersetzen. Genau dieses falsche Bild, dass die Technik alles leiste, wird ja in den TV-Serien vermittelt. Es braucht die Erfahrung, das persönliche Flair, um zu sehen, was bei einem Tatort speziell ist, und wie ich vorgehen muss. Das zeichnet die Komponente Mensch aus. Und dass wir diese in Zürich haben, macht mich stolz.

Nehmen wir eines Ihrer Spezialgebiete, die Analyse von Handschriften. Da braucht es die Komponente Mensch weniger, weil wir kaum noch handschriftlich schreiben, oder?
Sie sprechen zwei Aspekte an. Zum einen: Welche Verschiebung hat es im Bereich einzelner Spurenbereiche gegeben? Weil die traditionelle Schreibmaschine verschwindet und kaum jemand mehr mit Füllfederhalter und Flüssigtinte schreibt. Das wirkt sich auf die Untersuchung von Urkunden und Schriften aus. Druckerschriften lassen sich forensisch nicht so gut auswerten und zwischen den unzähligen Kugelschreibern gibt es kaum noch Unterschiede. Gleiches gilt auch für die Spuren anderer Massenprodukte, mit denen wir täglich zu tun haben, wie Schuhe, Fahrzeuge und Werkzeuge.

Und der zweite Aspekt?
Das ist die Spurenwerthaltigkeit. Die DNA beispielsweise ist beweiskräftiger als andere Spuren. Doch nicht nur die DNA ist wichtig.

Sie sprechen aber von der DNA als das «Nummer-eins-Beweismittel».
Wir sprechen dann vom Nummer-eins-Beweismittel, wenn wir direkt personenidentifizierende Spuren finden. Von denen gibt es ja nicht viele: die DNA, den Fingerabdruck, und mit Einschränkungen die Handschrift, die Stimme und die Sprache.

Stimme, Sprache, Handschrift. Was machen Sie in diesen Bereichen?
Auch diese Spuren sind sehr relevant für die Praxis. Allerdings weisen die DNA und der Fingerabdruck Muster auf, die nicht veränderbar sind. Bei den anderen personenidentifizierenden Spuren ist die Beweiskraft eingeschränkt, da sie bewusst oder unbewusst verändert werden können?

Täter fälschen Spuren, um Sie auf eine falsche Fährte zu locken?
Von fingierten Spuren hört und spricht man so gerne. Doch in der Praxis kommen sie nur ganz selten vor.

Weil diese nur von den Profis gelegt werden?
Nein, das hat nichts mit Profi oder Amateur zu tun. Die Realität ist, dass auch so genannte clevere Täter Spuren hinterlassen. Die DNA zeigt das ganz eindeutig.

Was erwartet die Forensik in Zukunft?
Die Anforderungen an Qualität und Qualitätssicherung werden steigen.

Was bedeutet das genau?
Der umstrittene Fall der amerikanischen Studentin Amanda Knox in Italien als Beispiel: Dort gab es im Zusammenhang mit DNA-Spuren ein Problem mit der Qualitätssicherung. Im Prozess war nicht klar, welches richtige, falsche oder kontaminierte Spuren waren.

In Zukunft ist also der Mensch gefordert, nicht die Maschine.
Das habe ich nicht gesagt. Qualitätssicherung ist nur der eine Punkt. Der andere ist: Die heute verfügbare Technik muss nach draussen gebracht werden. Mit multimedialen, mobilen, fronttauglichen Technologien werden wir dann schon am Tatort direkt auswertbare Resultate erhalten. Das ist keine Vision. Das wird so kommen.