Skyfood-Tagung

28. Juni 2014 14:57; Akt: 29.06.2014 08:47 Print

Insekten zum Essen rasch legalisieren

Einstimmiges Ergebnis einer Tagung zum Thema essbare Insekten: Wenn zwei Milliarden Menschen Insekten essen, kann das für die Schweizer nicht zu gefährlich sein. Der Bund sieht das anders.

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Die Forscher an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) wollen sich mit der defensiven Haltung des Bundes gegenüber Insekten als Nahrungs- und Futtermittel nicht zufriedengeben. Unter dem sinnigen Namen Beetlejuice haben sie eine interdiziplinäre Arbeitsgruppe gegründet, die dem Insekt als umweltverträgliche Eiweissquelle zum Durchbruch verhelfen soll. Am Freitag luden sie an der ersten Skyfood-Tagung interessierte Kreise ein, um gemeinsam entsprechende Strategien zu entwickeln.

Umfrage
Soll der Bund Insekten als mögliches Nahrungs- und Futtermittel fördern?
55 %
33 %
12 %
Insgesamt 7284 Teilnehmer

100-mal weniger Treibhausgase als Rinderzucht

Die Argumente, die Prof. Dr. Jürg Grunder und Käferzüchter Daniel Ambühl liefern, sind bestechend: Die Insektenzucht produziert 100-mal weniger Treibhausgase als die Zucht von Rindern. Mit zehn 10 Kilogramm Futter lassen sich entweder 8 Kilogramm Mehlwürmer züchten oder ca. 3 Kilogramm Schweinefleisch. Oder anders: Insekten sind bei der Umsetzung von Futtermitteln 12-mal effizienter als Rinder, 4-mal effizienter als Schafe und 2-mal effizienter als Hühner.

Dabei benötigen Insekten viel weniger Land und können erst noch mit billigen organischen Abfällen dezentral gezüchtet werden. Als proteinreiches, fettarmes Nahrungsmittel gelten Insekten zudem als gesund, enthalten ähnlich viele Omega-3-Fettsäuren wie Fisch und liefern auch Spurenelemente wie Eisen und Zink. Zahlreiche wertvolle Moleküle wären für die Lebensmittelindustrie von Interesse.

«Die Nachfrage ist da»

Die Entomos AG, der grösste Schweizer Züchter von Insekten für die Wundbehandlung und die Herstellung von biologischen Pflanzenschutzmitteln, steht denn auch längst in den Startlöchern: «Die Nachfrage nach Insekten als Lebens- und Futtermittel ist jetzt da, wir haben interessierte Investoren und verfügen über das Know-how – aber wir dürfen nicht, weil der Bund die Hindernisse nicht aus dem Weg räumt», sagt Geschäftsführer Urs Fanger.

Weil er nicht darauf vertraut, dass sich der Schweizer Gesetzgeber innert nützlicher Frist bewegt, lobbyiert die Entomos AG auch in Brüssel: Immerhin in Belgien ist der gewerbliche Vertrieb von Insekten als Lebensmittel im Sinne einer Übergangslösung erlaubt.

Unverhältnismässiger Sicherheitsnachweis?

Der Vertreter des Bundes, Louis Tamborini vom Bundesamt für Landwirtschaft, hatte einen schweren Stand. Rein theoretisch wäre es potentiellen Skyfood-Herstellern ab 2016 laut Gesetz zwar möglich, eine Bewilligung zu beantragen – wenn bewiesen wird, dass die Gesundheit von Konsumenten nicht gefährdet wird, die Insekten keine krank machenden Keime enthalten, die Produkte keine Allergien verursachen und die zu bewilligende Insektenspezies genau definiert wird.

Doch diese Vorgaben sind den interessierten Unternehmern viel zu hoch: Es sei unverhältnismässig, für jede einzelne Spezies, die womöglich in anderen Erdteilen seit Jahrhunderten problemlos gegessen werde, einen derart aufwändigen Nachweis zu liefern. Praktisch jedes Lebensmittel verursache bei einzelnen Menschen Allergien und kein Unternehmer opfere sich, für eine solche Zulassung zu bezahlen, von der dann jeder Mitbewerber gratis profitieren könne. Warum nicht der Bund diese Prüfungen übernehme, wurde gefragt. Doch Tamborini winkte ab: Das sei nicht Sache des Bundes. Es brauche einfach noch mehr Forschung.

Jürg Grunders Fazit aus der Tagung ist, dass es mehr Netzwerk- und Lobbyarbeit braucht. Man wolle die Kräfte bündeln und die Politik mehr einbinden. Gleichzeitig gelte es, die Bedürfnisse des Bundes zu berücksichtigen und mittels Forschungsergebnissen zu befriedigen.

(loo)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Volkan Aydin am 28.06.2014 19:57 Report Diesen Beitrag melden

    Tragisch aber war

    Erst wenn Nestle und andere Grosskonzerne Patente auf KäferDNA besitzen sagt der Bundes-, national- und ständerat Ja

    einklappen einklappen
  • Albert Bänziger am 28.06.2014 15:46 Report Diesen Beitrag melden

    Egal

    Macht doch nichts Essen muss die Käfer nur wer will.

  • Heino am 28.06.2014 18:17 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Also...!!

    Seit sich meine Frau Leuchtkäfer so quasi kulinarisch einverleibt, hat sie noch strahlendere, wunderschöne Augen und isst man die Viecher regelmässig, findet man aber jedes Schräubchen unter dem Bett ganz ohne Taschenlampe... also ich kann's empfehlen!!

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dominik Erbsland am 30.06.2014 16:20 Report Diesen Beitrag melden

    käuflich, käuflich...

    Der Bund hat ja auch bei Stevia "Bedenken", obwohl es millionen von Leute bereits seit Jahrtausenden konsumieren. Ob da vielleicht die Zucker-Lobby einen Einfluss gehabt hat....?

  • David Walther am 30.06.2014 14:00 Report Diesen Beitrag melden

    Was ich nicht sehe...

    Ich denke die meisten hier würden kein Fleisch essen, wenn sie ihm vorher bei der Schlachtung zusehen würden. Es gäbe viel weniger Fleischesser. Aber wir verdecken lieber die Augen davor...

  • Tanja B-G am 30.06.2014 08:57 Report Diesen Beitrag melden

    Massentierhaltung

    Wenn wir, Insekten essen,läuft es auch auf Massentierhaltung hinaus.

  • Emilia am 30.06.2014 01:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Traurig ist eigentlich, dass man lobbyieren muss, um in der Politik etwas zu bewegen. Denn eigentlich sollte die Politik immer im Sinne des Volkes und nicht im Sinne der Lobbyisten entscheiden. Diese 'Hürden' schützen denn auch nur die Lobbyisten vor Konkurrenz und nicht den Bürger. Und überhaupt, bezüglich Allergien, es gibt viele Menschen die hoch allergisch auf Erdnüsse reagieren. Manch einer ist daran gestorben, aber Niemand käme auf die Idee Erdnüsse zu verbieten. Wieso muss man dann abklären ob evt. Jemand auf Insekten allergisch sein könnte?

  • King Tomas Dario am 29.06.2014 18:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Hakuna matata

    Igitt....! normalerweise würde ich schreiben: Ja ne, is' klar, soweit....aber unter gegebenem Anlass: Igitt!!