Vietnam

08. März 2011 21:50; Akt: 08.03.2011 21:57 Print

Bangen um die «heilige» Schildkröte

von Tran Van Minh, AP - Noch drei Jangtse-Riesenweichschildkröten gibt es weltweit. Die viertletzte ist soeben in Vietnam verstorben.

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Am Hoan-Kiem-See in Hanoi sollte die Riesen-Schildkröte behandelt werden. (Bild: Keystone)

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Unter den Augen tausender Schaulustiger haben Helfer in Hanoi am Dienstag eine sehr seltene, kranke Riesenschildkröte zu retten versucht, die vielen Vietnamesen als heilig gilt. Bis zur Brust im kalten grünen Wasser des Hoan-Kiem-Sees watend, hofften sie, das Tier einzufangen und zur Behandlung aufs Trockene bringen zu können - vergebens.

Die Jangtse-Riesenweichschildkröte (Rafetus swinhoei) ist schon fast ausgestorben. Soweit man weiss, leben nur noch drei weitere Exemplare: eine ebenfalls in einem See in Vietnam, zwei in einem chinesischen Zoo. In Vietnam gehört sie seit je her zur Welt der Sagen. Manche glauben gar, das heute im See lebende Tier sei dasselbe mythische Geschöpf, das vor 600 Jahren einem vietnamesischen König half, die Chinesen abzuwehren.

Tatsächlich schätzen Fachleute das Alter der liebevoll «Urgrossvater» genannten Schildkröte auf 80 bis 100 Jahre. Sie wiegt um die 200 Kilogramm, ihr Rückenpanzer ist 1,80 Meter lang und 1,20 Meter breit.

Mit offenen Wunden im schmutzigen Wasser

Fotos des Tieres mit offenen Wunden in der ledrigen Haut an Hals und Beinen und Verletzungen des weichen Panzers versetzten in den vergangenen Tagen die Öffentlichkeit in Panik. Zeitungen berichteten auf der Titelseite, im Internet überschlugen sich die Kommentare.

Experten befürchten, dass der mit Abwässern und Müll verdreckte See die Schildkröte allmählich umbringt. Hunderte Helfer fischten rund um die Uhr Müll heraus und pumpten frisches Wasser hinein. Als sich das Tier nicht aufs Trockene locken liess, stiegen Dutzende Helfer am Dienstag mit einem grossen Netz ins Wasser, um es einzufangen. Doch obwohl auch das Militär mit Hand anlegte, entwischte der «Urgrossvater». Nun müssen sich die Retter etwas anderes ausdenken.

«Ich bin wirklich froh, dass ich an der Rettungsaktion teilnehmen konnte. Hoffentlich bringt das meiner Familie Glück», sagte der 65-jährige Nguyen Thanh Liem. «Ich wünschte, er wäre unsterblich, damit er unserem Volk Segen bringt.»

Wie viele Landsleute glaubt Liem, dass die Schildkröte dieselbe ist wie in der Geschichte von König Le Loi. Der besiegte der Sage zufolge die Chinesen mithilfe eines Zauberschwerts, das ihm die Götter gegeben hatten. Nach dem Sieg fuhr der König mit einem Boot auf dem See, als eine riesige goldene Schildkröte emporstieg, das Schwert schnappte und damit in die Tiefe tauchte, zurück zu den Göttern. Der Name des Hoan-Kiem-Sees im Herzen der vietnamesischen Hauptstadt bedeutet «See des zurückgegebenen Schwertes».