Ernüchternde Erkenntnis

02. Dezember 2017 20:00; Akt: 02.12.2017 20:00 Print

Betonpoller schützen nicht vor Terror

Seit den Anschlägen von Nizza und Berlin setzen Veranstalter vielerorts auf Betonelemente. Dumm nur: Vor LKW-Anschlägen schützen diese nicht.

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Um die Besucher von Events auf öffentlichen Plätzen vor Terrorangriffen mit Lastwagen zu schützen, setzen viele Veranstalter auf Betonblöcke. Sie sollen herannahende Fahrzeuge bremsen. Doch die Anti-Terror-Barrieren aus Beton halten nicht, was sie versprechen. Das zeigen vom deutschen Sender MDR in Auftrag gegebene Tests durch die deutsche Prüfgesellschaft Dekra aus dem Sommer. Demnach kann kein Hindernis ein Fahrzeug auf der Stelle stoppen, selbst die mit 2,4 Tonnen schwersten auf dem Markt angebotenen Betonblöcke nicht. Sie wurden von dem herannahenden Test-LKW zur Seite geschleudert, zum Teil bis zu 25 Meter weit. Auch die Kombi aus mit Ketten verbundenen Betonblöcken und Metallkreuzen überzeugte nicht: Statt das Fahrzeug zu bremsen, zogen die Ketten die Blöcke mit und die Kreuze wurden vom LKW zur Seite gedrängt. Effektiver wären die Betonpoller laut Versuchsleiter Marcus Gärtner, wenn sie im Erdreich verankert wären. Zuversichtlicher stimmen die Experten auch neuartige Barrieren, die sich noch in der Entwicklung befinden, wie der TruckBloc. Ihr attestiert Eckhard Scholz von der HTWK Leipzig eine «ausgesprochen hohe Bremswirkung». Auch miteinander verzahnte Betonblöcke stoppen LKW schneller als einzelne. Dabei gilt: Je länger die zusammengesetzte Blockade ist, desto grösser die Bremswirkung. Am besten bewertet Scholz einen dreizackigen Stern aus Stahl und Beton (die sogenannte Nizza-Sperre) ... ... der sich im Untergrund verhakt und das Fahrzeug anhebt. Dadurch wird die nach vorn gerichtete Energie nach oben umgelenkt und der LKW schneller gestoppt. Das Problem hierbei: Die Nizza-Sperre ist teurer als Betonbarrieren. Dass sich ihr Einsatz lohnen würde, zeigt ein Blick auf die letzten anderthalb Jahre: ... Im Süden von Manhattan steuert ein 29-jähriger Mann seinen Pick-up-Truck auf einen Veloweg und überfährt dort zahlreiche Radfahrer und Fussgänger. Hintergrund der Täterschaft: islamistisch Tote: 8, Verletzte: 11 Auf der Promenade Las Ramblas rammt ein Attentäter mit einem Lieferwagen dutzende Passanten. Ihm gelingt zunächst die Flucht. In der Kleinstadt Cambrils werden in der gleichen Nacht fünf Terroristen erschossen, als sie mit einem Auto in eine Menschenmenge fahren. Hintergrund der Täterschaft: islamistisch Tote: 15, Verletzte: 130 Mit einem Minivan rast ein Mann in eine Gruppe Gläubiger vor einer Moschee. Hintergrund der Täterschaft: islamfeindlich Tote: 1, Verletzte: 10 Drei Terroristen töten mit einem Lieferwagen drei Fussgänger auf der London Bridge. Anschliessend erstechen sie fünf Menschen und verletzen insgesamt 48. Hintergrund der Täterschaft: islamistisch Tote: 11, Verletzte: 48 Ein 39-jähriger Usbeke rast mit einem Lastwagen durch eine Fussgängerzone in der Stockholmer Innenstadt. Der Täter wird verhaftet. Hintergrund der Täterschaft: islamistisch Tote: 4, Verletzte: 15 Ein 52-jähriger Attentäter rast mit einem Mietauto über das Trottoir auf der Westminster-Brücke. Anschliessend ersticht er einen Polizisten vor dem Parlamentsgebäude, worauf er getötet wird. Hintergrund der Täterschaft: islamistisch Tote: 6, Verletzte: 41 Ein Angreifer steuert einen Lastwagen auf einen Weihnachtsmarkt. Hintergrund der Täterschaft: unklar Tote: 12, Verletzte: 45 Ein Attentäter fährt am Nationalfeiertag durch eine Menschenmenge. Die Polizei tötet ihn. Hintergrund der Täterschaft: islamistisch Tote: 86, Verletzte: 300

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Nizza, Berlin, London, Stockholm, London, Barcelona, New York: Wiederholt setzten Terroristen schwere Fahrzeuge als Waffe ein. Deshalb kommen bei Grossveranstaltungen unter freiem Himmel zunehmend mobile Betonblöcke zum Einsatz. Diese sollen die Besucher schützen.

Das Problem: Die Mehrheit der Anti-Terror-Sperren hält nicht, was sie verspricht. Das zeigen vom deutschen Sender MDR in Auftrag gegebene Tests durch die deutsche Prüfgesellschaft Dekra aus dem Sommer.

Poller werden selbst zur Gefahr

Demnach kann kein Hindernis ein Fahrzeug auf der Stelle stoppen, selbst die mit 2,4 Tonnen schwersten auf dem Markt angebotenen Betonblöcke nicht. Sie wurden von dem herannahenden Test-LKW zur Seite geschleudert, zum Teil bis zu 25 Meter weit.

Auch die Kombination aus mit Ketten verbundenen Betonblöcken und Metallkreuzen überzeugte nicht: Statt das Fahrzeug zu bremsen, zogen die Ketten die Blöcke mit. Und anders als geplant bockten die Kreuze den LKW auch nicht auf, sondern wurden von ihm zur Seite gedrängt.

Effektiver wären die Betonpoller laut Versuchsleiter Marcus Gärtner, wenn sie im Erdreich verankert wären.

Mobil heisst: beweglich

Ebenfalls wirkungsvoller als die klassischen Betonblöcke dürften laut Eckhard Scholz von der HTWK Leipzig neuartige Barrieren sein, die sich noch in der Entwicklung befinden.

Gegenüber dem MDR attestiert er dem TruckBloc (eine mobile Rampe, in die senkrecht stehende Metallpoller eingelassen sind, siehe Bildstrecke) eine «ausgesprochen hohe Bremswirkung». Soll heissen: «Bei einem beladenen Zehntönner mit Tempo 50 wird sich die Rampe mit dem Fahrzeug rund zehn Meter bewegen können.»

Auch miteinander verzahnte Betonblöcke stoppen LKW schneller als einzelne. Dabei gilt: Je länger die zusammengesetzte Blockade ist, desto grösser die Bremswirkung.

Effektiver Schutz ist teurer

Am besten bewertet Scholz einen dreizackigen Stern aus Stahl (die sogenannte Nizza-Sperre), der sich im Untergrund verhakt und das Fahrzeug anhebt. Dadurch wird die nach vorn gerichtete Energie nach oben umgelenkt und der LKW schneller gestoppt (siehe Video). Das Problem hierbei: Sie ist teurer als Betonbarrieren.

Ob und welche Art von Anti-Terror-Barrieren zum Einsatz kommen, ist hierzulande Sache der Gemeinden, teilt Ramona Mock von der Polizei Bern mit.


In einem privaten Crashtest wurde die Barriere auf die Probe gestellt. (Video: Youtube/HNA)

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • W. Meier am 02.12.2017 21:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Irgend etwas läuft da falsch

    Eingezäunte Weihnachtsmärkte und offene Grenzen, leuchtet nicht ganz ein.

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  • Maler50 am 02.12.2017 20:20 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Öffentlich/ falsch

    Wäre ich ein möglicher Attentäter so müsste ich beinahe dankbar sein für die Veröffentlichung des Testest.Die Ergebnisse hätten nicht der Öffentlichkeit präsentiert werden müssen!!

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  • Susi Sorglos am 02.12.2017 20:19 Report Diesen Beitrag melden

    Pfff

    Was man doch nicht alles macht, nur damit viele Tagträumer nicht auch noch merken was hier falsch läuft. Dumm nur, jetzt bringen diese Erkenntnisse etwas Verzögerung. Und die Nagelbombe in Potsdamm....määh, määh... Natürlich, hat nichts mit nichts zu tun!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurde am 03.12.2017 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Lol

    Statt einfach mal die Grenzen zu schliessen investiert man Millionen in solches Zeug. Und bei der Bildung wird natürlich gespart.

  • THINK am 03.12.2017 17:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht jeden ungeprüft

    ins Land lassen so wie in D geschehen würde besser helfen.... Der Anschlag vor einem Jahr in Berlin war mehrfaches Behördenversagen.

  • Dusty am 03.12.2017 16:16 Report Diesen Beitrag melden

    Humor

    Wir entfernen die Zäune an den Grenzen um sie um die Weihnachtsmärkte wieder aufzustellen - genau mein Humor. Effektiver Schutz ist nicht teuer - im Gegenteil.

  • René B. am 03.12.2017 14:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schutzschild

    Stellt doch die hin, die diesen ganzen Schlamassel zu verantworten haben, das nützt sicher.

  • yannick am 03.12.2017 14:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Toll

    Also wer ich ein Terrorist wäre ich (bis jetzt) nicht auf die idee gekommen mit einem lkw da durchzubrettern. Manche Dinge müssen nicht alle wissen