Zum Welt-Diabetes-Tag

14. November 2012 21:21; Akt: 15.11.2012 11:27 Print

Das traurige Schicksal von Kanadas Nomaden

Einst führten die Innu ein hartes, freies Leben als Nomaden. Seit sie zur Sesshaftigkeit gezwungen wurden, schnellte die Diabetes-Rate hoch – Folge von Fettleibigkeit, Alkoholismus und schlechter Ernährung.

Bildstrecke im Grossformat »
Noch bis vor 50 Jahren lebten die Innu als halbnomadische Jäger und Sammler auf der Labrador-Halbinsel. Während des subarktischen Winters, wenn die Wasserwege ihrer Heimat Nitassinan zu Eis erstarrten, wanderten die Innu mit Schneeschuhen durch das Landesinnere. Doch in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts zwangen die kanadische Regierung und die katholische Kirche die Innu, sich in festen Siedlungen niederzulassen. Die erzwungene Änderung der Lebensweise bekam vielen Innu nicht gut. Depressionen, Alkoholmissbrauch, Arbeitslosigkeit, Benzin-Schnüffeln bei Kindern, Gewalttätigkeiten und eine rekordhohe Suizidrate prägen seither das Leben in den Innu-Dörfern. «Wenn ein Innu vor einigen Jahren den Sozialdienst aufsuchte und nach seinem Beruf gefragt wurde, sagte er ‹Jäger›», erzählt der Innu Jean-Pierre Ashini. «Heute lautet seine Antwort ‹arbeitslos›.» Fettleibigkeit und Bewegungsmangel sorgten zusätzlich dafür, dass die Innu unter einer verheerenden Diabetes-Epidemie leiden. Die Einwohner von Neufundland und Labrador, wo Nitassinan (die Heimat der Innu) liegt, weisen die höchste Diabetes-Rate aller Kanadier auf. Im Winter 2009 hatte der junge Innu Michel Andrew, genannt «Giant», einen Traum, in dem sein Grossvater zu ihm sprach. «Steh auf und hilf deinem Volk», sagte er seinem Enkel. «Steh auf und lauf.» Giant gab das Trinken auf, nahm seinen Schlitten und lief in der Wildnis auf den Pfaden seiner Vorfahren. Im Frühjahr 2012 beendete er seinen 4000 Kilometer langen Fussmarsch durch Nitassinan. Mehrere seiner Stammesgenossen schlossen sich ihm an. Mit der Aktion wollte Giant auf die Diabetes-Epidemie aufmerksam machen, die seinem Volk zu schaffen macht. Sechs Stunden täglich waren die Läufer auf ihren Schneeschuhen unterwegs. Die Innu verfügen über detaillierte Kenntnisse ihrer Pflanzen und Tiere: Den Saft der Fichten beispielsweise nutzen sie als Klebemittel für Kanus, als Salbe gegen Sonnenbrand und als Kaugummi. Die Heimat der Innu ist auch die Heimat der grössten Rentier-Herde der Welt. Früher waren es bis zu 900 000 Rentiere, die in Nordamerika Karibus genannt werden. Heute sind es nur noch 74 000; ihr Weideland wurde durch den Abbau von Eisenerz und den Bau von Strassen beeinträchtigt. Im traditionellen Innu-Zelt glüht ein Ofen aus Metallblättern. Die Federn von Schneehühnern liegen auf dem Eis. Dazwischen Tropfen von Rentierblut und Fussspuren der Schlittenhunde. Kein Teil der Karibus wird verschwendet; das wäre respektlos. Die Geweihe werden in die Bäume gehängt. Innu-Frauen haben tiefe Löcher in das Eis gebohrt, um nach Seeforellen zu fischen. Joel war mit 15 Jahren der jüngste Teilnehmer an Giants Lauf. Zuhause hatte er regelmässig Benzin geschnüffelt, was bei jungen Innu sehr verbreitet ist. In der Wildnis aber gab es weder Drogen noch Alkohol. «Ich mag es, nüchtern zu sein», sagte er. Zwischen den Kisten mit Lebensmitteln und den Dosen für das Heizöl liegt die Jacke eines Läufers. Die Inschrift «In Memory of Justin» («Im Gedenken an Justin») verrät etwas von den Tragödien, wie sie in so vielen Innu-Familien vorkommen: Justin war ein Jugendlicher, der Selbstmord begangen hat. Zum Welt-Diabetes-Tag am 14. November erinnert auch «Survival International» an das Schicksal der Innu und ruft die kanadische Regierung dazu auf, ihre Einstellung zu Verhandlungen mit den Innu und ähnlichen indigenen Völkern neu zu überdenken.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Seit rund 8000 Jahren leben die Innu auf der Labrador-Halbinsel im Osten Kanadas. Früher waren die meisten von ihnen Nomaden oder Halb-Nomaden und durchstreiften auf der Jagd ihre raue Heimat, die sie Nitassinan («Unser Land») nannten. Ihre Lebensgrundlage bildeten Karibu-Herden, die jeweils im Frühjahr und Herbst durch ihr Gebiet wanderten. Vom Karibu bezogen die Innu fast alles, was sie benötigen: Nahrung, Kleidung, Werkzeuge, Waffen.

Die traditionelle Lebensweise der Innu begann sich zu ändern, als im 19. Jahrhundert christliche Missionare ins Land kamen. Auch der Kontakt zu weissen Pelzhändlern trug dazu bei: Nun jagten manche Innu nur noch wegen den Pelzen und wurden von den Handelsstationen abhängig, die ihnen Lebensmittel lieferten. In den Fünfziger und Sechzigerjahren intensivierte sich dieser Prozess. Die kanadische Regierung, unterstützt von der katholischen Kirche, zwang die Innu, sich in festen Siedlungen niederzulassen.

Depressionen und Diabetes

Zugleich wurden in der Innu-Region Bergbau-Minen angelegt und das Zentrum des Gebiets für Wasserkraftwerke überflutet, wie die Menschenrechtsorganisation «Survival International» moniert. 1999 rügte die Menschenrechtskommission der UNO Kanada für die «Auslöschung» der Rechte der Innu und bezeichnete die Situation der indigenen Völker als «die dringendste Frage, der sich die Kanadier gegenübersehen».

Die erzwungene Änderung der Lebensweise bekam vielen Innu nicht gut. Depressionen, Alkoholmissbrauch, Arbeitslosigkeit, Benzin-Schnüffeln bei Kindern, Gewalttätigkeiten und eine rekordhohe Suizidrate prägen seither das Leben in den Innu-Dörfern. Fettleibigkeit und Bewegungsmangel sorgten zusätzlich dafür, dass die Innu unter einer verheerenden Diabetes-Epidemie leiden.

Die Einwohner von Neufundland und Labrador – wo Nitassinan, die Heimat der Innu liegt – weisen die höchste Diabetes-Rate Kanadas auf. Gemäss «Survival International» beträgt der Anteil von Diabetes-Erkrankten im Innu-Hauptort Sheshatshiu 15 Prozent und in Natuashish 9 Prozent. «Wir wissen nicht, ob die höhere Rate darauf beruht, dass es mehr Diabetes gibt oder dass mehr getestet wird», sagt Dee-Dee Voisey vom Mani Ashini Health Centre in Sheshatshiu. «Andererseits sind viele Leute in beiden Siedlungen gar nicht getestet worden, darum vermuten wir, dass die wahre Rate bis zu 30 Prozent betragen könnte.»

«Die Kost der Weissen»

«Früher gab es in unserem Volk keinen einzigen Fall von Diabetes – zu der Zeit, als unsere Grosseltern das Land bewohnten, auf die Jagd gingen und gesunde Nahrung zu sich nahmen», sagt der junge Innu Michel Andrew, genannt «Giant». «Heute aber gehen nur wenige Familien aus meiner Gemeinde über Nutshimit [‹das Land›]. Stattdessen essen sie die Kost der Weissen aus der Konserve und trinken Alkohol», fährt Giant fort, der im Frühjahr 2012 einen 4000 Kilometer langen Fussmarsch durch Nitassinan vollendete, mit dem er auf diese Diabetes-Epidemie aufmerksam machen wollte (siehe Bildstrecke oben).

Zum Welt-Diabetes-Tag am 14. November erinnert auch «Survival International» an das Schicksal der Innu und ruft die kanadische Regierung dazu auf, ihre Einstellung zu Verhandlungen mit den Innu und ähnlichen indigenen Völkern neu zu überdenken.

Video: Ein Auschnitt aus der Dokumentation «Two Worlds of the Innu»

(Quelle: Survival International)

(dhr)