Abfallwirtschaft

29. Januar 2018 22:12; Akt: 29.01.2018 22:12 Print

Der harte Weg zum Recycling-Weltmeister

von J.-C. Gerber - Die Schweiz gilt heute weltweit als Vorbild bei der Wiederverwertung von Abfällen. Doch das war nicht immer so.

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Der Weg zum Recycling-Weltmeister war lang. Bis in die 1980er-Jahre pflegte die Schweiz einen eher sorglosen Umgang mit Abfällen. So wurden Industrie- und Siedlungsabfälle auf unsicheren Deponien entsorgt, von wo allerlei Schadstoffe ungehindert in die Umwelt gelangten. (Im Bild: Die Abfalldeponie Valle della Motta in Novazzano, TI). Auch Pneus waren alles andere als unbedenkliches Deponiegut. Chemieabwässer wurden oft nicht oder nur mangelhaft gereinigt abgeleitet. (Im Bild: Das Absatzbecken beim Chemiewerk in Monthey VS, in das von 1934 bis 1972 die Abwässer des Werkes geleitet wurden. Ab 2008 musste es aufwendig saniert werden) Auch nicht gerade zimperlich ging das Militär mit seinen Altlasten um. Von 1945 bis 1964 versenkte es im Thuner- und Brienzersee 8000 Tonnen Fliegerbomben, Granaten, gewöhnliche Patronen und Sprengstoffrückstände. Das VBS betonte stets, dass davon keine Gefahr ausgehe, zuletzt 2017. Die Munition wird nicht geborgen, saniert werden mussten dagegen Dutzende zivile Deponien aus früheren Zeiten, was Milliardenkosten zur Folge hatte. (Im Bild: Die Sanierungsarbeiten der 1985 geschlossenen Sondermülldeponie Kölliken im Jahr 2015) Auch die Kehrichtverbrennungsanlagen waren lange Zeit wenig umweltverträglich. Ihre Abgase wurden unzureichend gereinigt und die Verbrennungsrückstände landeten unbehandelt in der Landschaft. (Im Bild: Die erste Kehrichtverbrennungsanlage der Schweiz an der Josefstrasse in Zürich. Eröffnet wurde sie 1904.) Erst in den 1970er-Jahren wurden auf Bundesebene erste ernst zu nehmende Gesetze zum Umweltschutz verfasst und ab Mitte der 1980er-Jahren traten griffige Verordnungen zur Abfallwirtschaft in Kraft. (Im Bild: Das Klärwerk Werdhölzli in Zürich) Daraufhin mussten Altlasten saniert und Abfälle umweltverträglicher entsorgt werden. Nach wie vor braucht es für nicht brennbare Restabfälle Deponien. Doch diese müssen nun strengen Richtlinien entsprechen. (Im Bild: Die Fertigstellung der Deponie 4 im Cholwald in Ennetmoos im Kanton Nidwalden, 2013) Mit dem erwachenden Umweltbewusstsein der Bevölkerung und der daraus resultierenden Gesetzgebung wurde auch die Wiederverwertung von Ressourcen erneut zum Thema. Der Recycling-Gedanke war mit dem Wirtschaftsaufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg in Vergessenheit geraten. (Im Bild: Eine Altglassammlung im Quartier Milchbuck in Zürich im April 1975) 1978 wurde der Altkleidersammler Texaid von Hilfswerken gegründet. Zusammen mit den Recyclingorganisationen Igora (Alu), Ferro Recycling (Konservendosen), PET-Recycling Schweiz (PET-Flaschen) und Vetrorecycling (Glas) gründete Texaid 1992 die Swiss Recyling. 1996 stiess Inobat als sechstes Mitgleid zu Swiss Recycling. (Im Bild: Bundesrat Kaspar Villiger eröffnet 1992 die weltweit erste im industriellen Massstab arbeitende Batterierecycling-Anlage in Wimmis) Später traten Swico Recycling (1998) und Sens E-Recycling (2012), die beiden Rücknahmesysteme für Elektro- und Elektronikgeräte, bei. 2012 kam auch die Stiftung Licht Recycling Schweiz (SLRS) dazu. Der Kleidersammler Tell-Tex ist seit 2013 dabei. Seit 2015 ist auch die luzernische Perlen Papier AG Mitglied. Sie rezykliert jährlich gegen 500'000 Tonnen Papier.

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Das Recycling wird oft als Errungenschaft der letzten Jahrzehnte angesehen. Doch der Gedanke, Abfall möglichst zu vermeiden und Ressourcen wiederzuverwerten, ist viel älter. Denn bis zur Industrialisierung und der damit einsetzenden Massenproduktion von Gütern konnten es sich die Menschen schlicht nicht leisten, Dinge einfach wegzuwerfen. Zu knapp und damit wertvoll waren zum Beispiel Gegenstände aus Metall oder Baumaterialien.

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Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war die Wiederverwendung von Wertstoffen eine Selbstverständlichkeit. In den beiden Weltkriegen war die Ressourcenknappheit ausschlaggebend, während es in der Weltwirtschaftskrise der 1930er-Jahre finanzielle Knappheit war, die die Menschen zum Recycling trieb.

Recycling nach dem Krieg kein Thema

Als sich nach dem Zweiten Weltkrieg die Wirtschaft erholte, trat der Recycling-Gedanke in den Hintergrund. Geld und Güter waren im Überfluss vorhanden, was man nicht mehr brauchte, warf man fort. Die Abfallmenge nahm massiv zu. Unter anderem sorgte die Selbstbedienung in den Läden dafür, dass der Verpackungsmüll langsam, aber sicher zum Problem wurde. Aber auch die Industrie produzierte immer mehr und teilweise hochgiftigen Müll.

Da es aber bis in die 1980er-Jahre kaum griffige Gesetze zur Abfallbewirtschaftung und zum Umweltschutz gab, galt die Devise, den Abfall nach dem Motto «aus den Augen, aus dem Sinn» möglichst billig loszuwerden. Das Militär kippte Munitionsrückstände in den Thunersee, die chemische Industrie leitete unbehandelte Abwässer in den Rhein und der Haushaltsmüll landete auf ungeordneten Deponien, von wo aus Schadstoffe ungehindert ins Grundwasser oder in die Luft gelangen konnten.

Es gab zwar bereits Kehrichtverbrennungsanlagen – die erste entstand 1904 an der Josefstrasse in Zürich –, doch wurden deren Abgase ungenügend gefiltert, während mit Schwermetallen belastete Verbrennungsrückstände auf unsicheren Deponien landeten oder wie im Fall der Filterasche auf Waldwege gestreut wurden. Hunderttausende Tonnen Müll landeten aber nach wie vor auf Deponien. Es waren unhaltbare Zustände, die ab den 1970er-Jahren den Ruf nach vernünftigen Abfall- und Umweltschutzgesetzen laut werden liessen.

Erste griffige Gesetze

Das Gewässerschutzgesetz von 1971 machte den Anfang, 1979 folgte das Bundesgesetz über den Umweltschutz. Doch erst die Erstellung des Leitbildes für die schweizerische Abfallwirtschaft ab Mitte der 1980er-Jahre sorgte für eine grundsätzliche Neuorientierung. Auch die Wirtschaft war schliesslich bereit, die Kosten für eine umweltverträgliche Entsorgung zu akzeptieren, nicht zuletzt darum, weil die günstige Entsorgung im Ausland oder auf hoher See zunehmend unmöglich wurde.

Gestützt auf das Umweltschutzgesetz von 1983 traten in den folgenden Jahren verschiedene Verordnungen in Kraft, die den Umgang mit Sondermüll regelten, neue Richtlinien zur Luftreinhaltung einführten, das Deponiewesen in umweltverträgliche Bahnen lenkten und Leitplanken für die Wiederverwertung von Getränkeverpackungen und Elektrogeräten setzte. Diese und weitere staatliche Vorschriften sorgten nicht nur dafür, dass das gesamte Abfallwesen umweltverträglicher wurde, sie schufen auch die entscheidenden Anreize für das schweizerische Recyclingsystem.

Recycling beginnt sich zu lohnen

So setzte die Verordnung für Getränkeverpackungen 1990 Grenzen für die maximal im Abfall erlaubte Menge an Einweggetränkeverpackungen. Wird diese überschritten, wird ein Zwangspfand fällig. Dies sorgte dafür, dass Handel und Industrie ein Recyclingsystem für Alu-Dosen, PET-Flaschen und Glas aufbauten, um die geforderten Recyclingquoten zu erreichen.

1992 gründeten die Recycling-Organisationen der Getränkebranche zusammen mit der 1978 gegründeten Texaid den Verein Schweizerischer Recycling-Organisationen, die heutige Swiss Recycling. Die Menge separat gesammelter Wertstoffe nahm seither kontinuierlich zu, 2005 wurden erstmals mehr Siedlungsabfälle wiederverwertet als verbrannt.

Allerdings verharrt die Recycling-Quote seither bei etwa 50 Prozent. Und so braucht es für die Zukunft weitere Anstrengungen in den Bereichen neuer Sammlungen (zum Beispiel Getränkekartons oder Kunststofffolien), Kreislaufwirtschaft, Sekundärmärkte und der Recycling-freundlichen Gestaltung von Produkten. Nur so werden sich die Schweizer auch in Zukunft ohne schlechtes Gewissen als Recycling-Weltmeister bezeichnen können.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • H. K. am 29.01.2018 22:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zurück zur Natur

    Wenn Flaschen, Dosen, Karton, Plastic usw. am Strassenrand liegt, ist das auch eine Art " Zurück zu Natur " ? Viele Leute denken das, ansonsten würde nicht so viel solcher Müll unsere Strassenränder zieren.

  • Brummbär am 29.01.2018 23:22 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Potential

    Recycling-Weltmeister? Ich finde, in Sachen Recycling von Verpackungsmaterial könnte die Schweiz noch zulegen... Es fehlen vielerorts die Sammelstellen!

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  • Claudia am 29.01.2018 22:51 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Suche neue Lösung

    Zu Mietwohnungen hat man selten bis nie einen Komposthaufen. Wo soll ich mit Rüstabfall hin?

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Die neusten Leser-Kommentare

  • ReMarkt am 31.01.2018 19:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Wie Geld zu verdienen mit Abfall.

    So lange Institutionen wie SWICO und SENS der Recycling von Elektrogeräte als Monopol in der Hand haben, so lange ist die Schweiz kein Weltmeister. Denn Reparatur kommt irgendwie nie in Frage.

  • käsefresser am 31.01.2018 19:30 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Abfallsack in Holland ist fast leer

    Während unsere Ferien in Holland haben wir bemerkt wie fast alles bereits zuHause getrennt gesammelt wird. Zum Beispiel alle Plastik. Der Abfallsack bleibt am Schluss fast leer. Tschüüüs Abfallsackgebühr? Klar ist, hier in der Schweiz sind wir nicht Top.

  • Ernesto am 30.01.2018 20:27 Report Diesen Beitrag melden

    Scharfes Litering Gesetz

    mit exorbitanten Bussen (minimum 1000Fr oder mithilfe im Bauamt) Analog zu Via Secura. Das würde viel mehr bringen wie die doofe Plastiksackgebühr.

    • Skywalker99 am 30.01.2018 23:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Ernesto

      was hat Littering mit Recycling zu tun? Ich finde die verursachergerechten Abfallsackgebühren übrigens genau den richtigen Ansatz.

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  • M.Niebisch am 30.01.2018 19:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Studie verfälscht wäre Resultate

    Die Studie verfälscht sehr viel, Länder wie Deutschland die wesentlich mehr Müll Recycling betreiben landen auf den hinter Plätzen weil die recycelte Menge wesentlich auf das Resultat wirkt und zwar negativ. Länder die wenig sammeln liegen weiter vorne. Was für eine Hirnlosigkeit. Verbrannter Müll taucht nicht mal auf weil er ja weg ist nur die Schlacke zählt. Diese Studio mit diesen Kriterien ist nicht mal das Papier wert auf dem sie gedruckt wurde. Man sollte diese Studio überarbeiten nach moderne und ökologischen Gesichtspunkten neu gestalten.

  • sc am 30.01.2018 18:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    ernsthaftes Problem

    das mit den Plastikverpackungen haben wir immer noch nicht im Griff