Jubiläum des Taschenrechners

27. März 2017 20:05; Akt: 27.03.2017 20:58 Print

Die Erfindung, die niemand haben wollte

Der Taschenrechner wird 50-jährig. Es brauchte lange, bis die Bedeutung der Erfindung überhaupt erkannt wurde.

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Es muss den US-Physiker Jack Kilby vor über 50 Jahren fast in den Wahnsinn getrieben haben, dass sein damaliger Arbeitgeber Texas Instruments den Wert seiner bahnbrechenden Erfindung nicht richtig zur Kenntnis nahm.

Im Sommer 1958, während seine Laborkollegen in den Sommerferien weilten, hatte er mit improvisierter Ausrüstung den integrierten Schaltkreis entwickelt, den ersten Mikrochip der Welt. Es sollte noch einmal fast zehn Jahre dauern, bis er mit dem Prototyp eines ersten Taschenrechners eine Perspektive für den Mikrochip aufzeigen konnte.

Im Tribunal wurde gestritten

Kilby kam auf die Idee, Transistoren, Widerstände und Kondensatoren in einer einzigen Schaltung auf Basis eines Halbleiters zu vereinen. Er montierte 1958 den ersten «Integrierten Schaltkreis» auf einem Glasplättchen mit einem Stück Germanium und mit Drähten dran.

1959 fertigte der Physiker Robert Noyce in der kalifornischen Firma Fairchild ebenfalls einen Mikrochip, er wählte eine Schaltung aus Silizium. Kilby liess seinen Schaltkreis mit dem Patent 3.138.743 schützen, darum wurde dann vor Gericht gestritten. Erst nach zehn Jahren wurde ein Vergleich erzielt.

Ruhmeshalle der US-Erfinder

Für seine Erfindung des Integrierten Schaltkreises wurde Kilby 1982 in die Ruhmeshalle der amerikanischen Erfinder aufgenommen und fand seinen Platz neben Thomas Edison und den Brüdern Wright. Im Jahr 2000 erhielt er den Physik-Nobelpreis.

Doch Ende der fünfziger Jahre taten sich nicht nur die TI-Bosse damit schwer, das Potenzial der Erfindung konkret zu erkennen. Die ICs seien auf Fachkongressen eher als Kuriosität gehandelt worden, erinnerte sich Kilby später.

Um ein konkretes Anwendungsbeispiel für den Mikrochip vorlegen zu können, machte sich Kilby 1966 mit seinen Kollegen Jerry Merryman und James Van Tessel daran, den ersten Taschenrechner der Welt zu konstruieren. Vor 50 Jahren, am 29. März 1967, stellte Kilby seinen «Cal Tech» dem Direktor von Texas Instruments vor.

Schwer und dick wie ein Wörterbuch

Der schwarze Aluminiumkasten war fast so dick wie ein Wörterbuch und wog mehr als ein Kilo. Auch damals hätte er eigentlich in keine Hosentasche gepasst. Doch er konnte immerhin mit Batterien unabhängig vom Stromnetz betrieben werden.

Der «Cal Tech», der nichts mit der gleichnamigen Universität in Kalifornien zu tun hat, konnte sechsstellige Zahlen addieren, subtrahieren, multiplizieren und dividieren. Komplexere Funktionen beherrschte der Kasten allerdings nicht. Und so zeigte sich die TI-Führungsriege zunächst nur mässig beeindruckt. Kilby musste zum zweiten Mal hinnehmen, dass eine grosse Erfindung von ihm quasi ignoriert wurde.

Immerhin ermöglichte die TI-Führung, dass der japanische Konzern Canon den «Cal Tech» in eine Serienproduktion überführte. Canon brachte im April 1970 in Japan den «Pocketronic» heraus, bei dem die Zahlen ebenfalls nicht elektronisch angezeigt, sondern auf einem kleinen Streifen Thermopapier ausgedruckt wurden. Auf den US-Markt kam der Rechner Anfang 1971 und kostete knapp 400 Dollar.

Teuer, wie ein Occasionauto

Im «Handy-LE» des japanischen Herstellers Busicom leuchteten 1971 dann erstmals LED-Ziffern. In Japan kamen beinahe zeitgleich der Sanyo ICC-82D und der Sharp EL-8 auf den Markt. In Deutschland kosteten sie jeweils rund 2000 DM - so viel kostete damals ein Occasionauto.

Doch die hohen Preise verfielen schnell: «1974 gab es die ersten Geräte für unter 100 DM», sagt Andreas Stolte vom Heinz Nixdorf MuseumsForum in Paderborn. Der HP 35 von Hewlett Packard ermöglichte bereits die Berechnung von Winkel- und Exponentialfunktionen.

Dieser erste technisch-wissenschaftliche Rechner erschien 1972. Im selben Jahr setzte schliesslich auch Texas Instruments die eigene Erfindung kommerziell um und bot den TI-2500 Datamath zum Kauf an. Auch der Siegeszug der Personal Computer in den achtziger und neunziger Jahren konnte den Taschenrechner-Boom nicht bremsen: 1999 wurden nach Berechnungen der Marktforscher der GfK 4,4 Millionen Taschenrechner in Deutschland abgesetzt.

Schul-Taschenrechner haben noch nicht ausgedient

Mit der Allgegenwart von Smartphones lassen aber immer mehr Menschen den Taschenrechner in der Schublade liegen. Schliesslich gibt es sowohl für das iPhone als auch für Android unzählige Taschenrechner-Apps.

Da Smartphones und Tablet Computer in den meisten Schulklassen aber tabu sind, müssen die Eltern ihren Kindern von den wenigen zugelassenen Modellen ein Gerät anschaffen. «Schultaschenrechner sind nicht auf dem Stand der Technik und vor allem überteuert», ärgerte sich daher unlängst ein Technikjournalist.

(fal/sda)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Zufriedene am 27.03.2017 20:21 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Danke!

    Bin ich froh, dass sich die Erfindung doch noch durchgesetzt hat

  • marko 32 am 27.03.2017 20:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Rechner

    Diese Erfindung ist super Ein hoch auf Rechner!!!

  • RELO am 27.03.2017 21:10 Report Diesen Beitrag melden

    TI-30

    War mein erster Rechner in der Schule. Tolles Teil, aber ich hab die meisten Funktionen nie gebraucht, weil auch nicht begriffen :-). Dafür hab ich noch heute eine Rechenmaschine auf dem Pult, Blind rechnen musste ich lernen und bin noch heute einer der schnellsten bzw. einzigen der das noch kann bzw. macht :-)

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Poketrainer am 28.03.2017 22:05 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Pokemon auf TR

    Ich kann auf meinem Taschenrechner Pokemon Gold spielen. War vielleicht mit ein Grund für meine 3.5 Mathematura... Also er ist von TexasInstruments, 10 Jahre alt, könnte Funktionen zeigen (wenn man das richtig eintippen würde) und vieles vieles mehr. Habe ihr immernoch und Pokemon läuft auch noch ;)

  • Josh am 28.03.2017 13:09 Report Diesen Beitrag melden

    1975 SR50A

    1975 stand in der Gewerbeschule der Texas SR50A zur Auswahl. Er konnte neben den 4 Grundrechenarten bereits Potenzieren, Wurzelziehen und Trigonometrie, kostete aber 1000Fr. Ich musste mich wohl oder übel für das "Billigmodell" zu knapp 100Fr. entscheiden

  • Peter Leupin am 28.03.2017 03:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kopfrechnen

    Damit haben die meisten Leute ab Generation Taschenrechner Mühe und haben Schwirigkeiten, einfachste Rechenaufgaben mündlich, geschweige denn schriflich zu lösen. Der Taschrechner stellt ein Paradebeispiel dar, wie die geistigen Fähigkeiten verkümmern , wenn Maschinen eingesetzt werden.

    • Ueli am 28.03.2017 06:23 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Leupin, so ist es

      Deswegen waren die Menschen der Steinzeit und davor auch geistig viel regsamer. Und im Mittelalter, als die Technik der Antike stark in Vergessenheit geraten war, waren die Menschen auf dem Zenit ihrer geistigen Reife.

    • Daniel am 28.03.2017 07:53 Report Diesen Beitrag melden

      Kopfrechnen ist nicht alles

      Das ist natürlich Quatsch! Die geistigen Fähigkeiten beruhen nicht darauf ob man im Kopf rechnet oder nicht. Die Aktivität hat sich ganz einfach verlagert. Die Menschen von heute wissen und beschäftigen sich mit viel mehr und teilweise viel komplexeren Themen als das Kopfrechnen.

    • Rolf Gysling am 28.03.2017 08:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Daniel

      Ja genau. Vor allem die, welche bei 7+5 das Smartphone rausziehen weil man das im Kopf nicht schafft. Kopfrechnen hilft viel auch wenn man abschätzen kann ob gewisse Angaben unterschiedlichster Quellen zumindest etwa plausibel sind. Ich bin froh kann ich das noch.

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  • Alpöhi am 28.03.2017 00:39 Report Diesen Beitrag melden

    TI-30 solar von 1982

    rechnet immer noch wie am ersten Tag - und die neuen Schulrechner können auch nicht mehr. Aber der Alte ist praktisch unkaputtbar

    • Markus.L am 28.03.2017 03:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Alpöhi

      Den TI Solar hab ich auch noch von den 80 igern benutzt wird er heute noch. Das war noch Qualität

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  • Roman us Züri am 27.03.2017 22:31 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Taschenrechner

    Mein erster Taschenrechner gewann ich 5-jähriger Junge bei Eschenmoser. Höchst persönlich überreichte mir Herr Eschenmoser den Rechner mit roten LED's :-D Das waren noch Zeiten.