«Wie ein fremder Planet»

07. Februar 2012 16:49; Akt: 07.02.2012 17:07 Print

Die Geheimnisse des WostokseesDie Geheimnisse des Wostoksees

von P. Dahm - Skeptiker sprechen von einer Büchse der Pandora, Russland hat sie geöffnet: Forscher haben in der Antarktis einen See angebohrt, der unter einer 3753 Meter dicken Eisschicht liegt.

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Das Forscherteam bohrte bis zur letzten Sekunde. Es stand fest, dass der letzte Rückflug in wärmere Gefilde am 6. Februar über die Bühne geht. In der Antarktis ist der Sommer jetzt zu Ende und ein weiteres Vordringen unmöglich. Aber die Wissenschaftler haben es geschafft: Sie haben den unterirdischen Wostoksee in 3753 Meter Tiefe angestochen, der 20 Mal grösser als der Bodensee ist und seit rund 15 Millionen Jahren unter Eis liegt (siehe Infobox rechts). Die Arbeit sei «wie einen fremden Planeten zu erforschen, wo noch nie jemand zuvor gewesen ist», freute sich Expeditionsleiter Valeri Lukin gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters. «Wir wissen nicht, was wir finden werden.»

Blick in die Erdvergangenheit

Seit den 70er Jahren versuchen die Russen, bis zu dem See vorzudringen, der 1000 Kilometer vom Südpol entfernt im ewigen Eis liegt. Vor 30 Millionen Jahren herrschte in der Antarktis noch gemässigtes Klima. Das Wasser ist wie ein Reagenzglas aus längst vergangenen Tagen: Während Pflanzen und Tiere bei dem extrem hohen Druck und Sauerstoffgehalt verendeten, erhielten sich Mikroben aus der Urzeit: Die Russen hoffen, hier völlig neue Erkenntnisse über das Klima, die Erdentstehung und die biologische Entwicklung zu gewinnen. Selbst für den Weltraum könnte die Arbeit relevant sein, seit die NASA auf den Jupiter- und Saturn-Monden Eis gefunden hat. Das All-Eis liegt wie sein Südpol-Pendant auf Wasser und bietet möglicherweise ähnliche Lebensbedingungen.

In allen drei Fällen halten die Hitze der Mond- und Planetenkerne die Flüssigkeit trotz Minusgrade flüssig. Das Problem für die Russen war dabei nicht das Durchstechen von knapp vier Kilometer Eis bei rund minus 65 Grad, sondern die Gefahr einer Kontaminierung des jungfräulichen Sees mit Kerosin und Frostschutzmitteln. Eine Art Thermal-Lanze war die Lösung: Das Gerät schmilzt sich mit drei bis vier Metern pro Tag in den Untergrund, ohne Fremdstoffe in den jungfräulichen See einzubringen. John Priscu von der Universität Montana hatte dennoch die Befürchtung, dass der See nach dem Anbohren wie eine Cola-Dose nach dem Schütteln reagiert und ein Viertel seines Wassers in einem Geysir verliert.

Chemosynthese in dauernder Dunkelheit

Dieser Gefahr begegneten die Russen mit einfacher Logik: Sie liessen nach dem Durchbruch Wasser ins Bohrloch aufsteigen und gefrieren, um es als Korken zu verwenden. Daraus können Sie in der neuen Bohrsaison im Dezember Proben nehmen. Dass sie dabei Mikroben finden dürften, ist anzunehmen: Schon in den bisherigen Bohrkernen hatten Wissenschaftler welche entdeckt, doch die Funde sind umstritten. Sie könnten bei der Arbeit kontaminiert worden sein, monieren Kritiker. Dass Mikroben überhaupt ohne Licht leben können, liegt am Schwefelwasserstoff, den sie durch Chemosynthese in Energie verwandeln.

Tatsächlich gibt es sogar einen Wasseraustausch im Wostoksee, wie Robin Bell von der Universität Columbia gegenüber der «Washington Post» verdeutlichte. Der See lässt nach ihrer Aussage Eis tauen und transportiert es durch seine Fluss- und Seenlandschaft weiter. Obwohl die Topografie schon 30 Millionen Jahre alt ist und seit 15 Millionen Jahren kein Licht den See erreicht hat, ist das Wasser also «nur» 100 000 Jahre bis einem kleinen, einstelligen Millionalter alt. Was aus der Zeit stammen könnte, als der Kontinent noch grün war, ist laut Fachmagazin «Nature» das Sediment des Wostoksees. Vielleicht werden die Forscher auch bis dorthin vordringen: In Zukunft wollen sie einen Tauchroboter in den See hinabschicken. Im Mai fällt hier die nächste Entscheidung.

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  • Rolf S. am 11.02.2012 01:39 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kontamination

    Ich hoffe bloss, dass die russen vor lauter zeitdruck auch wirklich den see nicht kontaminier haben. Wär jammerschade, aber ich trau's ihnen durchaus zu.

  • sirion am 08.02.2012 14:36 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    unglaublich

    hui,da sind aber viele hier die sowas von null ahnung von dem ganzen haben..

  • Thom am 08.02.2012 14:22 Report Diesen Beitrag melden

    H.P. Lovecraft war ein Visionär ;-)

    Wer weis was noch alles auf uns in der Antarktis wartet. Lasst es uns entdecken und überraschen. Wenn wir dabei vorsichtig vorgehen sollte dem Forscherdrang nichts im wege stehen. Und wer weis vielleicht bewahrheiten sich die "Berge des Wahnsinns" am ende auch noch, wer weis das schon. Lovecraft hatte da ein paar faszienierende Ideen auch wenn sie nur Fantasie waren.