Studie

01. Oktober 2008 10:00; Akt: 01.10.2008 12:27 Print

Die logische Wahl hiess Adolf Hitler

In freien Wahlen schwangen sich die Nazis 1932 zur grössten Partei der Weimarer Republik auf - für viele Historiker ein einzigartiger Vorgang. Eine Studie der Universität Zürich zeigt nun aber, dass sich die Wähler aus ökonomischer Sicht ganz normal verhielten - das wirft Fragen auf, wie sicher es ist, dass nie mehr eine NSDAP an die Macht kommt.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Ein knappes Jahrzehnt benötigte Adolf Hitlers NSDAP, um von einer Randgruppe zur grössten Partei der damaligen Weimarer Republik zu werden: Im Jahr 1924 erhielten die Nazis noch rund 3 Prozent der Wählerstimmen, im Juli 1932 satte 37,4 Prozent.

In der Forschung gilt dieses Wahlverhalten der damaligen Bevölkerung als einzigartig. Viele Historiker weisen Vergleiche mit anderen Wahlen als irrelevant zurück und betrachten die Weimarer Wahlen als ein Paradox: Wie konnte eine antidemokratische Partei wie die Nazis aus freien, fairen Wahlen als Sieger hervorgehen?

Eigeninteresse herrscht vor

Nun zeigt eine neue Studie, dass sich die Wähler damals nicht ganz so aussergewöhnlich verhielten. Alexander Wagner vom Institut für schweizerisches Bankwesen der Universität Zürich untersuchte gemeinsam mit Forschern aus den USA, welche Bevölkerungsgruppen von 1924 bis 1933 am stärksten zur NSDAP schwenkten - und was ihre ökonomischen Interessen waren.

«Wir fanden heraus, dass jene Gruppen sich am stärksten den Nazis zuwandten, die ökonomisch am meisten von der Nazi-Politik profitierten», erklärte Wagner auf Anfrage.

In einem ersten Schritt nahmen die Forscher Parteiprogramme, Ansprachen und Analysen zeitgenössischer Beobachter unter die Lupe. Sie prognostizierten, dass selbständige Kleinunternehmer sowie Haushalts- und Bauernhofangestellte besonders anfällig sein würden auf Nazi-Propaganda: Diesen Gruppen boten die Nazis die grössten Anreize.

Kirche gab Gegensteuer

Statistische Auswertungen der verschiedenen Urnengänge zeigten danach tatsächlich, dass Kleinunternehmer überdurchschnittlich stark zur NSDAP rutschten. Arbeitslose, Industriearbeiter und Handwerker hingegen weigerten sich überproportional häufig, die Nazis zu wählen - sie gaben ihre Stimme eher den Kommunisten.

Auch dies können ökonomische Überlegungen erklären: Für einen Arbeitslosen waren von den Nazis propagierte Werte wie Autonomie und Unternehmertum nicht sehr attraktiv. Schwerer hatten es die Nazis zudem in katholischen Gebieten: Über wohltätige Organisationen unterstützte die katholische Kirche nämlich in beträchtlichem Umfang ihr treue Parteien wie das «Zentrum» und die «BVP».

Wie es zum Aufschwung der Nazis in Deutschland kommen konnte, können die Forscher mit ihrer Studie nicht abschliessend erklären, wie Wagner einräumt. «Selbst ein eingefleischter Ökonom würde nicht behaupten, dass nur das Eigeninteresse beim Wahlverhalten eine Rolle spielt.»

Lehren für die Gegenwart

Doch das ökonomische Motiv sei immer latent präsent. Und in der Weimarer Republik - nach dem Börsencrash von 1929 - sei es sicher besonders stark angesprochen worden. «Und auch heute werden Wahlen oft praktisch ausschliesslich von ökonomischen Themen dominiert», sagt Wagner.

Die Studie wirft auch die Frage auf, wie sicher es ist, dass nie mehr eine Partei wie die NSDAP in einem europäischen Land an die Macht kommt. Der Aufstieg von rechtsextremen Parteien in verschiedenen Ländern zeige, dass man sich nicht zu sicher sein sollte, sagt Wagner.

Es dürfe nicht vergessen werden, dass die NSDAP in den Jahren bis 1933 nie die absolute Mehrheit erlangte. «Aber selbst ein Stimmenanteil von etwas über 30 Prozent genügte, um ein System völlig aus den Angeln zu heben», sagt Wagner.

(sda)