Meeresforschung

05. August 2009 14:27; Akt: 05.08.2009 15:21 Print

Ein «Müll-Teppich», so gross wie Europa

von Olaf Kunz - Im Nordpazifik treiben geschätzte drei Millionen Tonnen Plastikmüll. Was das für das Meer und das gesamte Ökosystem bedeutet, ist immer noch unklar. Eine Forschungsreise soll jetzt dem Weg des Mülls folgen.

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Vor 12 Jahren steuert der Segelschiff-Kapitän und Meeresforscher Charles Moore zum ersten Mal die nahezu windstillen Rossbreiten im Nordpazifik an. Das Team der «Alguita» ist auf dem Heimweg von einer Regatta vor Hawaii. Sie sind abenteuerlustig und probieren kurzerhand eine neue Route aus. Was sie dabei entdecken, hat die Welt trotz modernster Technologie bis dato noch nicht gesehen, und bis heute steht die Wissenschaft vor einem Rätsel. Moore und seine Mannschaft segeln direkt in einen gigantischen Müllteppich, dessen Ausmass die Grösse Mitteleuropas übersteigt.

Plastik so weit das Auge reicht

«Da waren Shampoo-Verschlüsse, Seifenbehälter, Plastiktüten und Angel-Schwimmer soweit ich schauen konnte. Ich befand mich mitten im Ozean, aber es gab keine einzige Stelle ohne Plastik», erinnert sich Moore nach diesem Horrortrip, der zu einem Schlüsselerlebnis für seine berufliche Karriere wurde. Eine Woche lang durchqueren sie dieses scheinbar so stille Meer aus Kunststoffmüll. Das Team kann nicht fassen, was es da sieht. Zwar haben Fischer schon früher von dem schwimmenden Müllberg berichtet, doch das Ausmass der Katastrophe wird erst durch diese Zufalls-Expedition deutlich.

Es dauert lange Zeit, die Dimensionen dieser Umweltkatastrophe zu erfassen. Expertenschätzungen gehen davon aus, dass sich das Gesamtgewicht des gigantischen Plastikmüll-Teppichs auf etwa drei Millionen Tonnen beläuft. Das ist das Sechsfache des dort vorhandenen Meeresplanktons. Der Koloss aus CD-Hüllen, Eimern, Kabeltrommeln und Feuerzeugen treibt in einer ozeanischen Ringströmung um ein Zentrum, dass rund 2000 Kilometer nordöstlich von Hawaii entfernt liegt. In einem gigantischen Wirbel dreht sich der Müll sehr langsam im Uhrzeigersinn.

Von Meeresboden keine Spur

Die Meeresschutzorganisation Oceana geht davon aus, dass weltweit jede Stunde rund 675 Tonnen Müll direkt ins Meer geworfen werden, die Hälfte davon ist aus Plastik. Der an der Oberfläche schwimmende Kunststoffabfall ist lediglich ein kleiner Teil des gesamten Aufkommens. Etwa 70 Prozent sinkt auf den Meeresgrund. Und sammelt sich dort kontinuierlich an. An manchen Stellen des Meeres ist der Grund nicht mehr sichtbar. Laut dem Magazin «Geo» dauert es bis zu 500 Jahre, bevor sich das Plastik zersetzt und in seine chemische und meist giftige Bestandteile auflöst.

Vom Meer direkt auf den Teller

Der Meeresbiologe Richard Thompson von der University of Plymouth hat untersucht, wie Plastikstücke im Wasser zu immer kleineren Teilchen zerfallen. Das Ergebnis war, dass die Kunststoffpartikel wie ein Schwamm auf andere Giftstoffe im Meer wirken. Wenn Fische nach dem Verzehr solcher Teile nicht unmittelbar sterben, sammeln sich die Toxine in ihrem Organismus an und gelangen nach Thompsons Beobachtungen so in die Nahrungskette des Menschen. Dabei muss nicht unbedingt Fisch auf dem Teller landen. So wird beispielsweise Fischmehl zu Hühnerfutter verarbeitet.

Der Weg des Plastiks

Um mehr über den Kreislauf und die Auswirkungen des Plastikmülls auf die Umwelt zu erfahren, ist jetzt ein Team der University of California in San Diego in den Nordpazifik aufgebrochen. Mit dem Forschungsschiff «New Horizon» wollen die Forscher bis ins Auge des Müllteppichs vordringen. «Wir werden versuchen, besonders stark verschmutzte Gebiete zu erreichen, um das Ausmass des Problems zu bestimmen», sagte Expeditionsleiterin Miriam Goldstein.

Das hört sich einfacher an, als es ist. Der Müllteppich lässt sich nämlich nicht immer gleich einfach finden. Je nach Saison pendelt der Strudel bis zu 1600 Kilometer mal nach Norden, mal nach Süden. Hinzu kommt: Ein Grossteil des Mülls befindet sich zeitweise unter der Wasseroberfläche. Er ist dadurch selbst für Flugzeuge und Satelliten nur schwer zu orten.