Tragischer Polarforscher

12. Oktober 2017 21:53; Akt: 12.10.2017 21:53 Print

Entschied Sabotage einst das Rennen zum Südpol?

von Fee Riebeling - Robert Scott war 1911 nicht nur 33 Tage zu spät am Südpol, er kehrte auch nie mehr aus der Antarktis zurück. Schuld war sein eigener Leutnant.

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33 Tage nachdem Roald Amundsen den Südpol erreicht hatte, traf am 17. Januar 1912 der Trupp um Robert Falcon Scott dort ein. (Im Bild: Eine der letzten Aufnahmen zeigt die Expeditionsteilnehmer, von links: Lawrence Oates, Henry Bowers, Robert Falcon Scott, Edward Wilson und Edgar Evans.) Kurze Zeit später waren die fünf Männer tot. (Im Bild: Das Grab von Scott und seinen Mitstreitern auf dem Ross-Schelfeis bei 79° 50' S, 178° E.) «Lange wurde Scott selbst dafür verantwortlich gemacht, dass er und seine Männer bei dieser Expedition starben», sagt der australische Forscher Chris Turney, der die Vorkommnisse neu beleuchtet hat. Seiner Ansicht nach war Scott aber unschuldig. (Im Bild: Scott mit Transportschlitten am 13. April 1911.) Laut Turney zeigen nun erstmals ausgewertete Dokumente, dass Scotts Stellvertreter Edward «Teddy» Evans für das verspätete Eintreffen am Pol und den Tod seiner Mitstreiter verantwortlich war. (Im Bild: Evans während der Terra-Nova-Expedition, 1911.) Dies, weil er heimlich Rationen aus den Nahrungsdepots stahl und Befehle von Scott nicht weitergab. Ob aus Gier oder aus Rache für seinen Ausschluss, ist allerdings unklar. (Im Bild: Evans während der Südpol-Expedition, 1911.) Fest steht nur: Für die eh schon entkräfteten Männer kam das einem Todesstoss gleich. «Im besten Fall sprechen die neuen Informationen für Evans' Unfähigkeit als Leiter, im schlimmsten Fall aber für eine Sabotage, die letztlich im Tod von Scott und seinen vier Begleitern resultierte», kommentiert Turney seine Studie. (Im Bild: Scotts Trupp auf dem Weg zum Südpol.) Der Leiter der Expedition, Robert Falcon Scott. Für Letzteres würde eine weitere Erkenntnis sprechen: Gemäss den Dokumenten wurden die Expeditionsberichte nachträglich verändert. Gut möglich, so Forscher Turney, dass Evans versuchte, seine Rolle bei der tödlichen Expedition zu verschleiern. (Im Bild: Scotts letzter Tagebucheintrag, 1912.)

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Der 17. Januar 1912 dürfte der schwärzeste Tag im Leben von Robert Falcon Scott gewesen sein. Nachdem der britische Polarforscher sich monatelang durchs ewige Eis gekämpft hatte, musste er feststellen, dass er nicht als erster Mensch am Südpol stand. Sein Konkurrent Roald Amundsen war schon vor ihm da gewesen. Und zwar ganze 33 Tage.

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Viel Zeit, diesen Umstand zu beklagen, hatte Scott nicht: Kaum zwei Monate später war er tot, genauso wie der Rest seines Teams.

Captain Scotts tödliche Expedition

Neue Theorie

Bislang gingen Forscher davon aus, schlechtes Wetter und Scott selbst seien für das tragische Ende der Terra-Nova-Expedition verantwortlich gewesen. So hätte Scott die Hundeschlitten bereits vor dem Aufstieg auf das Polplateau zurückgeschickt, weshalb die Männer ihre schweren Schlitten selbst hinaufziehen mussten, was sie Kraft kostete.

Doch kürzlich entdeckte Dokumente deuten in eine andere Richtung, schreiben Forscher um Chris Turney von der University of New South Wales im Fachjournal «Polar Record». Demnach hätten die Männer den Rückweg durchaus überleben können, wäre da nicht Scotts Stellvertreter Edward «Teddy» Evans gewesen.

Frühe Zweifel, späte Reaktion

Wie den Schriften zu entnehmen ist, plagten das Team schon früh Zweifel daran, ob Evans der richtige für diesen Posten war. So heisst es etwa in Scotts Tagebuch: «Obwohl ich dumm genug war, ihn dazu zu ernennen, ist er dafür nicht geeignet. Er scheint unfähig, über die Grenzen seiner erstaunlich beschränkten Erfahrung hinaus zu denken.»

Ein anderes Mitglied der Expedition kritisierte: «Teddy, der verdammte Scheinheilige, legt sich nur dann ins Zeug, wenn er sieht, dass Scotts Schlitten angehalten hat und sie sich nach uns umsehen.»

Bilder eines Polarforschers

Missachtete Befehle und Diebstahl

Am 4. Januar 1912 kam es zum Bruch der Gefährten: Scott schickte Evans zusammen mit einigen Männern zurück zur Basisstation. Sein Befehl: Die Nahrungsvorräte auf das Ross-Schelfeis auffüllen und Scotts Trupp später mit Hundeschlittenteams am Fusse des Beardmore-Gletschers abholen.

Doch das geschah nicht, wie Scotts Tagesbucheintrag vom 10. März zu entnehmen ist: «Die Hunde, die unsere Rettung gewesen wären, werden offenbar nicht mehr kommen», heisst es da.

Weiter gingen dem Expeditionsteam die Vorräte aus, weil Evans auf dem Rückweg zum Basislager offenbar heimlich Rationen stahl. Laut den von Turney ausgewerteten Dokumenten nahm er sich mehrfach mehr als die ihm zustehenden Rationen aus den Nahrungsdepots. Ob aus Gier oder aus Rache für seinen Ausschluss, ist unklar. Fest steht nur: Für die eh schon entkräfteten Männer kam das einem Todesstoss gleich.

Unter Verdacht: Der stellvertretende Expeditionsleiter Edward «Teddy» Evans. (Video: UNSWTV)

Unvermögen oder Sabotage?

«Im besten Fall sprechen die neuen Informationen für Evans' Unfähigkeit als Leiter, im schlimmsten Fall aber für eine Sabotage, die letztlich im Tod von Scott und seinen vier Begleitern resultierte», kommentiert Turney seine Resultate in einem separaten Artikel.

Für Letzteres würde eine weitere Erkenntnis sprechen: Gemäss den Dokumenten wurden die Expeditionsberichte nachträglich verändert und ein Untersuchungsausschuss aufgelöst, bevor er richtig mit seiner Arbeit begonnen hatte. Gut möglich, so Turney, dass Evans versuchte, so seine Rolle bei der tödlichen Expedition zu verschleiern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • nerd am 12.10.2017 22:43 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    brrrrr

    Eine wirkliche schauderlich schaurige Geschichte. Und eigentlich bestätigt sie mich darin, dass ich nicht noch unbedingt arktische Expeditionen machen muss. Die fehlen nämlich in meiner Vita

    einklappen einklappen
  • Fred am 13.10.2017 01:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Poneys

    Na ja... Die Idee, mit Poneys anstatt Hunden den Südpol in Angriff zu nehmen hatte nicht der Leutnant, sondern der etwas zu selbstsichere Scott. Da war das Rennen eigentlich schon gelaufen.

  • Theo F. am 13.10.2017 02:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Expedition mit veganer Ernährung

    Gemäss Archivrecherchen der Universität in Nord-Bergen haben Scotts Mitglieder teilweise versucht, sich vegan zu ernähren, um den Fettenergie-Umsatz umzustellen und mehr Trockenfrüchte zu essen, welche weniger Gewicht pro Kalorie bedeuten. Diese Ernährungsweise hat mit zur Katastrophe beigetragen.

Die neusten Leser-Kommentare

  • Dave74 am 13.10.2017 13:47 Report Diesen Beitrag melden

    Neue Theorie

    Da es zu dieser Expedition schon einige Theorien gibt noch meine: es war zu kalt!

  • Theo F. am 13.10.2017 02:50 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Expedition mit veganer Ernährung

    Gemäss Archivrecherchen der Universität in Nord-Bergen haben Scotts Mitglieder teilweise versucht, sich vegan zu ernähren, um den Fettenergie-Umsatz umzustellen und mehr Trockenfrüchte zu essen, welche weniger Gewicht pro Kalorie bedeuten. Diese Ernährungsweise hat mit zur Katastrophe beigetragen.

  • Peter am 13.10.2017 02:26 Report Diesen Beitrag melden

    Bauernopfer

    Das war ein Misserfolg von A-Z. Da spielt ein unfähiger Offizier mehr oder weniger auch keine Rolle mehr.

  • Fred am 13.10.2017 01:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Poneys

    Na ja... Die Idee, mit Poneys anstatt Hunden den Südpol in Angriff zu nehmen hatte nicht der Leutnant, sondern der etwas zu selbstsichere Scott. Da war das Rennen eigentlich schon gelaufen.

  • Christoph M am 13.10.2017 00:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Sicher keine Sabotage

    Die Mannen hatten damals einzig und allein die Zeit bei ihrer Planung im Sinn. Es war schlicht zu wenig Nahrung auf dem Weg im Vorfeld gelagert worden. Von wegen Sabotage. Man hatte sich sogar an den eigenen Toten vergangen. Nahrung stand daher mehr als geplant zur Verfügung so makaber das auch tönen mag.