51 Prozent mehr Fälle

17. April 2018 16:26; Akt: 17.04.2018 16:26 Print

Fleischfressender Abszess auf dem Vormarsch

Deutlich mehr Infektionen und heftigere Verläufe: Die Hauterkrankung Buruli-Ulkus entwickelt sich in Australien zur Epidemie. Mediziner sind besorgt.

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Die Gesundheitsbehörden in Australien stehen vor einem Rätsel: Das einst in Australien seltene, fleischfressende Geschwür namens Buruli-Ulkus breitet sich immer mehr aus ... ... und der Verlauf wird schwerwiegender. (Im Bild: Abstrich unter dem Mikroskop) Betroffen ist vor allem der Bundesstaat Victoria im Süden des Landes. Allein im letzten Jahr wurden dort 275 Neuinfektionen gemeldet, was laut BBC einem Anstieg von 51 Prozent gegenüber dem Jahr 2016 entspricht. Dass gerade Victoria betroffen ist, ist laut den Experten merkwürdig. Denn bislang sei die Krankheit vor allem in Sumpfgebieten tropischer Länder aufgetreten. In Australiens südlichstem Bundesstaat sei das Wetter hingegen gemässigt. (Im Bild: Die weltweite Verbreitung von Buruli-Ulkus im Jahr 2015) Der Erreger der Hautkrankheit ist ein Mykobakterium, das Ähnlichkeiten mit den Erregern von Tuberkulose und Lepra aufweist. (Im Bild: Hände eines ehemaligen Lepra-Patienten) An der infizierten Stelle, die zunächst als kleine Schwellung in Erscheinung tritt, werden Hautzellen, Blutgefässe, Unterhautfettgewebe und Muskeln angegriffen. Aus der anfänglichen Schwellung können sich grosse Geschwüre bilden. (Im Bild: Ein frisch infiziertes Bein) Wie die Übertragung vonstatten geht, ist noch nicht völlig geklärt. Auch bei der Behandlung der Patienten braucht es laut Experten noch einiges an Forschung. (Im Bild: Buruli-Ulkus; A: zum Zeitpunkt der Diagnose, B: weitere vier Wochen später, C: nach der Entfernung des abgestorbenen Gewebes und D: fünf Monate nach der Diagnose bzw. einen Monat nach Hauttransplantation) Bis man mehr über die Infektionskrankheit weiss, empfehlen Experten den Menschen vor Ort, entweder die betroffenen Regionen zu meiden oder sich in diesen vor Moskitos zu schützen – auch wenn noch unklar ist, ob diese überhaupt an der Übertragung beteiligt sind. Eine weiterer Rat von Fachleuten lautet, Schwellungen und Wunden im Zweifelsfall untersuchen zu lassen. Schliesslich lässt sich die Buruli-Ulkus umso leichter behandeln, je früher die Infektion erkannt wird. Sind die Geschwüre offen, wird die Behandlung langwierig. Oft bleiben die Betroffenen entstellt. (Im Bild: Erkrankte Person aus Afrika) Im schlimmsten Fall drohen Amputationen. (Im Bild: Betroffene aus Afrika) Doch Mycobacterium ulcerans – so der Name des Erregers – ist nicht der einzige fleischfressende Erreger in Down Under. Diese Erfahrung musste im Jahr 2017 der damals 16-jährige Sam Kanizay machen. Nach einem Besuch am Meer hatte er blutüberströmte Füsse. (Im Bild: Kanizay nach der Behandlung im Spital) Die Übeltäter wurden von der Meeresbiologin Genefor Walker-Smith als Meeresflöhe identifiziert, eine Unterart der Amphipoden. Sie kommen in allen Weltmeeren vor und greifen «eigentlich keine Menschen an». Das sei ein dummer Zufall gewesen, so die Expertin damals. Walker-Smith erklärte die starken Blutungen des 16-Jährigen damit, dass der Junge eine halbe Stunde lang in kaltem Meerwasser stand. Wegen der niedrigen Temperaturen habe er die Bisse vermutlich nicht bemerkt. «Normalerweise spürt man das und reibt die Tiere einfach weg», sagte sie dem Fernsehsender ABC. Kanizay hatte mit zahlreichen Bisswunden ins Spital gebracht werden müssen. Erst nach Stunden gelang es, die Blutungen zu stillen und die Schuldigen zu identifizieren. Gleich mehrere Forscher vermuteten, dass Seeläuse (Caligidae) die Schuldigen sind – auch wenn das ein sehr drastisches Beispiel für den Fleisch-Appetit der Wirbellosen wäre. Doch dann war klar: Es handelte sich um Amphipoden, die normalerweise auf tote Fische oder Seevögel losgehen. Amphipoden sind nur zwischen sechs und 13 Millimeter gross. Die Art, die den Schüler im Jahr 2017 angriff, wird Meeresfloh oder auch Meereslaus genannt. Walker-Smith äusserte die Vermutung, dass der Schüler in der Nähe eines toten Tieres stand und die Amphipoden dann auf ihn wechselten. «Er stand einfach lange Zeit still im kalten Wasser. Das hat ihnen viel Zeit gegeben, um zuzuschnappen.» Sam Kanizay hat Glück gehabt. Obwohl seine Füsse aussahen «wie durch den Fleischwolf gedreht», muss er keine Folgeschäden befürchten. Es hat sich bloss um eine oberflächliche Hautverletzung gehandelt.

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Rätselraten in Down Under: Ein einst in Australien seltenes, fleischfressendes Geschwür namens Buruli-Ulkus (siehe Box) breitet sich immer weiter und immer rascher aus, vor allem im Bundesstaat Victoria.

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Allein im letzten Jahr wurden 275 Neuinfektionen gemeldet, was einem Anstieg von 51 Prozent gegenüber dem Jahr 2016 entspricht, wie die BBC schreibt. Damit sei die Zahl der Infizierten in den letzten vier Jahren um 400 Prozent gestiegen. Experten sprechen bereits von einer Epidemie.

Erschreckende Ausmasse

Doch das ist noch nicht alles: Auch die Verläufe der Infektionen sind schwerer geworden, wie Forscher um Daniel O'Brien vom Universitätsspital Geelong in Victoria im «Medical Journal of Australia» berichten.

Sie fordern staatliche Unterstützung, um die Infektion so rasch wie möglich zu analysieren. Denn ohne zu wissen, wie eine Krankheit übertragen wird, sei es schwierig, weitere Ansteckungen und eine weitere Ausbreitung zu verhindern. «Wir haben nicht die Zeit, herumzusitzen – die Epidemie hat bereits erschreckende Ausmasse angenommen», begründet O'Brien die Dringlichkeit gegenüber der BBC.

Auch warum gerade Victoria betroffen sei, müsse laut Ansicht der Experten dringend geklärt werden, berichtet Theguardian.com. Denn bislang sei die Krankheit vor allem in Sumpfgebieten tropischer Länder aufgetreten. In Australiens südlichstem Bundesstaat sei das Wetter hingegen gemässigt.

Lange unbemerkt im Körper

Das Tückische an Buruli-Ulkus: Die Hauterkrankung beginnt in der Regel mit einer kleinen Schwellung der Haut, die jedoch weder Schmerzen noch Fieber verursacht. Darum wird die Beule meist fälschlicherweise für einen Pickel gehalten, was dazu führt, dass sich die Infektion unbemerkt im Körper ausbreiten kann.

Möglich macht das wohl das Gift, das der Erreger freisetzt und das nach und nach Hautzellen, Blutgefässe, Unterhautfettgewebe und Muskeln zerstört, bis sich offene Geschwüre bilden und ausbreiten (siehe Bildstrecke). Das Toxin scheint laut Experten des Universitätsklinikum Heidelberg auch in der Lage zu sein, die Zellen des Immunsystems zu lähmen (das Pdf kann hier heruntergeladen werden). Das erkläre, warum die Betroffenen keine nennenswerte Immunabwehr zeigten.

Amputationen drohen

Bis die Diagnose Buruli-Ulkus gestellt wird, können Monate, aber auch Jahre vergehen. Denn die Geschwüre sind schwer zu behandeln und wenn, dann auch nur mit langen Antibiotika-Therapien oder operativen Eingriffen. Die Heilung kann bis zu einem Jahr dauern. Oft bleiben die betroffenen Stellen entstellt. Einige müssen amputiert werden. Das hoffen O'Brien und seine Kollegen ändern zu können.

Obwohl unklar ist, ob Mücken bei der Übertragung eine Rolle spielen, raten die Experten den Menschen vor Ort, entweder die betroffenen Regionen zu meiden oder sich in diesen vor Moskitos zu schützen, beispielsweise mit langer, weiter Kleidung und Mückensprays.

Infektiologe Allen Cheng von der Monash University empfiehlt zudem, Schwellungen und Wunden im Zweifelsfall untersuchen zu lassen. Schliesslich lässt sich die Buruli-Ulkus umso leichter behandeln, je früher die Infektion erkannt wird.

(fee)

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Chnoblibrot am 17.04.2018 16:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kontaminiertes Gebiet

    Australien sofort sperren, sowohl für Aus- als auch Einreise.

    einklappen einklappen
  • Thomas am 17.04.2018 16:58 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Nicht mehr zeitgemäß!

    Diese Hauterkrankung sollte mal jemand sagen, dass sie sich heute vegan ernähren sollte.

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  • Arthur Fricker am 17.04.2018 16:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Für wad ins Ausland

    Ein Grund mehr nur Ferien hier in der schönen Schweiz zu machen. Ich brauch das Ausland nicht um mich zu erholen.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • John Connor am 16.05.2018 23:40 Report Diesen Beitrag melden

    Schlimmste Krankheit Mensch

    Die Natur hat Ihren lauf. Aktzeptiert das und hört auf immer Panik zu verbreiten. Es ist schön ein gesundes und langes Leben führen zu dürfen. Aber wenn man keine Freiheit hat und eingeschränk ist, wie soll man da noch Leben. Geniesst jeden Augenblick auf dieser Erde, den die schlimmste Krankheit auf dieser Erde ist der Mensch selbst. ER ZERSTÖRT SOWIESO ALLES. Pray for World

  • Ja am 19.04.2018 14:26 Report Diesen Beitrag melden

    DiniMuetter

    Wenn wir sterben dann sterben wir halt. und jetzt hört auf die leute in Panik zu versetzen

  • Verbieter am 19.04.2018 11:39 Report Diesen Beitrag melden

    Sowas

    sollte man verbieten! Aber wir verbieten den Menschen lieber ihre rechtmässige Freiheit und Mobilität

  • Sandra Schneider am 18.04.2018 16:45 Report Diesen Beitrag melden

    Keine Panik

    Ich war letztes Jahr 6 Monate in Australien und lange in Melbourne, Victoria. Gefahren gibt es überall, würde jedenfalls sofort wieder hinfahren, ein herrliches Reiseland!

  • hugi am 18.04.2018 08:46 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    probleme!?

    die medizin nur noch auf schmerzbehandlung reduzieren, die fölckerwanderung stopen, und unser planet und die menschheit würde wieder in einklang leben!