Forschung zeigt

27. November 2013 11:57; Akt: 27.11.2013 11:57 Print

Fliegensprache ähnelt dem Schwiizerdütsch

Die Überlegenheit des Menschen gegenüber den Tieren basiert nicht auf der Sprache, haben Forscher herausgefunden. Einen Unterschied gibt es trotzdem.

storybild

Die Sprache der Fruchtfliege sei mindestens so komplex wie Schweizerdeutsch, behaupten Forscher. (Bild: Keystone)

Zum Thema
Fehler gesehen?

Die Fruchtfliege, die im Sommer ums Obst schwirrt, ist zwar lästig, aber alles andere als simpel: Die «Sprache» ihres Paarungstanzes ist mindestens so komplex wie die komplexesten menschlichen Sprachen. Dazu zählen, nach Ansicht von Forschern um den Mathematiker und Physiker Ruedi Stoop aus Zürich, auch Niederländisch und Schweizerdeutsch. «Nicht wenige Menschen argumentieren, dass es die Sprache des Menschen ist, die diesen über das Tier erhebt», sagte Stoop, der am Institut für Neuroinformatik der ETH und Uni Zürich lehrt, der Nachrichtenagentur SDA. Denn mithilfe der Grammatik liessen sich die gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen den Objekten der Welt beschreiben, verstehen und nutzbar machen.

Dieses Argument würde sich aber in Luft auflösen, wenn die Fliegen gleich komplexe Kommunikationsmuster einsetzen, schreiben die Forscher im Fachblatt «PLOS ONE». Um das zu überprüfen, filmten sie die Paarungstänze von Fruchtfliegen (Drosophila melanogaster) - einem beliebten Forschungsobjekt der Genetiker - mit Hochgeschwindigkeitskameras. Darin identifizierten die Forscher 37 verschiedene Verhaltenselemente, die beliebig kombiniert werden können, und analysierten deren Abfolgen. Für die Einteilung benützten sie die sogenannte Chomsky/Schützenberger-Klassifikation. Damit lassen sich natürliche und Computersprachen hierarchisch nach ihrer Stärke einordnen, komplexe Zusammenhänge ausdrücken zu können.

Überlegenheit rührt nicht von der Sprache her

Niederländisch und Schweizerdeutsch rangieren in dieser Einteilung unter den besonders komplexen, sogenannt kontextabhängigen Sprachen. Im Schweizerdeutschen gibt es bestimmte Satzkonstruktionen, die im Hochdeutschen nicht vorkämen und die sich direkt auf andere Satzteile bezögen, wie Stoop erklärte.

Ein solcher Satz könnte beispielsweise lauten: «Jan säit das mer d'Chind em Hans es Huus händ wele laa hälfe aastriiche.» Er erscheint zwar umständlich, aber grammatisch korrekt. Besonders reich an solchen Konstruktionen sei der berndeutsche Dialekt, wie amerikanische Forscher herausgefunden hätten.

Aber die Fliegentänze, so das Fazit von Stoop und seinen Kollegen, übertreffen in ihrer Komplexität sogar das Schweizerdeutsche. Somit könne die Grammatik nicht der Ursprung der menschlichen «Überlegenheit» sein - da schon die Drosophila über eine mindestens gleich starke (Körper-)Sprache verfüge, sagte Stoop.

Es isch emal en Maa gsi...

Bleibt die Frage, worin sich Mensch und Tier dann unterscheiden. Stoop hat eine Theorie: Aus den Elementen der Fliegentänze lassen sich ebensolche Endlosschleifen bilden wie in dem altbekannten Sprüchlein vom Mann mit dem hohlen Zahn, in dem es ein Chäschtli hat mit einem Zettel drin, auf dem steht: «Es isch emal en Maa gsi ...»

Der Unterschied ist laut Stoop die Fähigkeit des Menschen, diese Schleife als solche zu erkennen. Dies zeige sich besonders darin, wie sich Kinder davon begeistern lassen. «Es ist schwer, sich ein Tier vorzustellen, das so eine Konstruktion ebenso faszinierend findet wie wir Menschen», schreiben die Autoren.

(sda)