Alt Bundesrätin

07. Mai 2013 08:27; Akt: 07.05.2013 10:37 Print

Frau Dreifuss, warum probierten Sie Drogen?

von S. Heusser / D. Pomper - Die ehemalige Bundesrätin Ruth Dreifuss erzählt im Interview, warum sie Drogen entkriminalisieren will und warum sie Halluzinogene ausprobiert hat.

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Alt Bundesrätin Ruth Dreifuss hat im Rahmen eines Experimentes das Halluzinogen Psilocybin ausprobiert.

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Frau Dreifuss, Sie wollen den Drogenkonsum entkriminalisieren. Warum?
Ruth Dreifuss: Heute hat das organisierte Verbrechen die ganze Kette von der Drogenproduktion bis zum Strassendeal fest im Griff. Kämpfe um Territorien und Monopole schüren Gewalt und Korruption. Menschen werden systematisch von Substanzen abhängig gemacht, um die Profite zu sichern.

Doch viel schlimmer ist: Weil die Drogen oft im Untergrund konsumiert werden, sind die Gefahren für die Drogenkonsumenten um ein Vielfaches grösser. Der Drogenkonsum muss entkriminalisiert werden, um an die Menschen, die Hilfe brauchen, überhaupt heranzukommen. Die Frage ist, ob es möglich ist, dem internationalen Verbrechen diesen Markt zu entreissen, indem der Staat ihn reguliert. Davor aber müsste man sorgfältig entsprechende Modelle testen.

Was ist der Auslöser für Ihr Engagement?
In den schlimmsten Jahren, in denen Drogensüchtige verelendeten und starben und die Aids-Epidemie um sich griff, war ich verantwortlich für die Schweizer Drogenpolitik. Die offenen Szenen in Zürich und Bern waren unerträglich. Zwanzig Jahre später können wir feststellen, dass die schlimmsten sozialen und gesundheitlichen Folgen zwar stark zurückgegangen sind. Aber das Problem ist nicht gelöst, solange es von seinen kriminellen Nutzniessern unterhalten wird. Die Schweiz ist natürlich nicht das Land, das am schlimmsten darunter leidet. Denken wir nur an die zehntausende Opfer in Mexico, seitdem der Drogenkrieg ausgerufen wurde.

Befürworten Sie auch die Drogen-Legalisierung in der Schweiz?
Ja. Meine Erfahrungen der letzten zwanzig Jahren in der Schweizer Drogenpolitik bestärken mich darin. Wir haben im gesundheitlichen Bereich viel erreicht. Ein grosser Teil der Drogenabhängigen werden medizinisch betreut, es gibt viele verschiedene Therapien, dank denen Epidemien vermieden und Leben gerettet werden. Doch die Präventionsarbeit wird durch die Kriminalisierung erschwert. Die repressiven Massnahmen sollten sich darauf konzentrieren, das organisierte Verbrechen zu bekämpfen.

Es wird befürchtet, dass eine Drogenlegalisierung falsche Signale aussenden könnte und gesundheitliche Schäden für Jugendliche zur Folge hätte.
In den Ländern, in denen Drogen teilweise entkriminalisiert wurden, konnte man solche negativen Entwicklungen nicht feststellen. Neue Lösungsansätze sollten aber sehr sorgfältig geprüft werden.

Sie haben im Rahmen eines Experiments das Halluzinogen Psilocybin ausprobiert. Warum?
Ich war freiwilliges Versuchskaninchen in einem wissenschaftlichen Experiment. Es ging darum, psychiatrisches Leiden besser zu verstehen und es folglich besser zu behandeln. Als Sozialarbeiterin im Kontakt mit Geisteskranken wollte ich ihre Ängste und Kontaktschwierigkeiten besser verstehen lernen.

Hatten Sie keine Angst, abhängig zu werden?
Nein, obwohl mich diese einmalige Erfahrung auf die Verführungskraft der Drogen aufmerksam gemacht hat.

Würden Sie anderen Menschen einen kontrollierten Drogenversuch empfehlen?
Die wissenschaftlichen Versuche mit Psilocybin oder LSD, die in den 60er Jahren gemacht wurden, haben zu keinem der erwarteten Ergebnissen geführt. Die Versuche dagegen, die stattgefunden haben, bevor die kontrollierte Heroin-Verschreibung ins Betäubungsmittelgesetz aufgenommen wurde, waren sehr nützlich. Es hängt also vom Ziel, dem Forschungsprojekt sowie vom eigenen Gesundheitszustand ab, ob jemand als Probant kandidieren sollte oder eben nicht.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Barbara am 08.05.2013 07:12 Report Diesen Beitrag melden

    Therapiepotential

    Als Betroffene mit einem Posttraumatischen Stresssyndrom habe ich lange auf Kosten der Allgemeinheit teure psychiatrische Behandlung inklusive Medikamente erhalten - ohne Fortschritte zu erzielen. Aber das wundert nicht. Gute Patienten kommen ja regelmässig wieder und schlucken brav Pharma, damit Geld reinkommt. Seit ich die Behandlung aufgab, die Pharma absetzte und alle paar Monate hochdosiert Psylo-Pilze nehme, bin ich wieder gesund, arbeite ich wieder und bezahle ich wieder Steuern. Kein Wunder will die Pharma nicht, dass das als Therapie zugelassen wird und Pilze legal werden.

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  • arpagaus am 08.05.2013 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo Frau Dreifuss!

    Respekt Frau Dreifuss! Sie sprechen endlich als Politikerin das aus, was hunderttausende bereits lange wissen! Die Menschheit braucht Drogen, und diese in legale und illegale zu Unterscheiden ist reine Bevormundung. Alle Pflanzen und Stoffe haben ihre daseinsberechtigung und ihren Nutzen. Der Fettleibige wird ja auch nicht kriminalisiert weil er (zu viel) Fett konsumiert.

  • Johnny W. am 07.05.2013 09:44 Report Diesen Beitrag melden

    Heuchlerisch!!

    Herr Stahl: "Mit dem Verbot von Drogen schützen wir unsere Jugend vor gesundheitlichen Schäden!" Ja und warum sind sie und ihre Parteikollegen gegen ein Rauchverbot? Damit wollen wir auch Leute vor gesundheitlichen Schäden schützen! Dieses heuchlerische Gehabe: Einmal heisst es "weniger Verbote, mehr Eigenverwantwortung", dann wieder das Gegenteil wie hier! Warum dieses heuchlerische Gehabe nicht mehr Leuten auffällt ist mir ein Rätsel...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • rene.p am 09.05.2013 10:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    liebe leute

    statt sich von medien und allwissenden politikern was aufschwatzen zu wollen informiert euch doch bitte über dieses heikle thema fakt ist, dass drogen älter sind als die meisten religionen. bei denn meisten personen wisst ihr gar nicht das sie irgend etwas konsumieren, darum urteilt nicht über etwas was ihr weder versteht, noch begreifen wollt.

  • dude am 08.05.2013 23:26 Report Diesen Beitrag melden

    next

    Als nächstes bitte auch das Stehlen legalisieren: Obwohl verboten, wird es immer noch praktiziert. Durch eine Legalisierung werden die Kleptomanen entkriminalisiert.

    • Bobo Takero am 09.05.2013 01:03 Report Diesen Beitrag melden

      Unfug

      Ja genau, weil ich ja beim kiffen ja auch Jemandem Etwas wegnehme..

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  • D. A. Gegen am 08.05.2013 22:16 Report Diesen Beitrag melden

    Was ich nicht verstehe:

    Wieso wird nicht mehr Energie darauf investiert, die Abhängigen von den Drogen wegzubringen? Vielversprechende Ansätze gibt es, googelt mal ANR Interlaken ...

    • M.P.W. am 08.05.2013 23:24 Report Diesen Beitrag melden

      Ihnen ist schon klar

      dass Suchterkrankungen auf einer genetisch bedingten Impulskontrollstörung basieren, welche schon vor Ausbruch der Sucht existierte? Eine Abstinenz erzwingen funktioniert einfach nicht, was man auch schön anhand von Rückfallraten über 95% sehen kann. Schliesslich können Sie einem Depressiven auch nicht mittels Strafandrohung eine gute Stimmung aufzwingen oder einen Schizophrenen zum nicht-halluzinieren bringen. Anstatt mit Prinzipien um sich zu schlagen, sollte man lieber mal die Realität akzeptieren, wie sie ist und die Krankheit in vernünftiger Weise managen.

    • D. A. Gegen am 09.05.2013 01:09 Report Diesen Beitrag melden

      @MPW

      Anstatt gleich lauthals zu intervenieren hätten Sie auch erstmal die Begriffe googeln können -.-

    • Walter R am 09.05.2013 08:57 Report Diesen Beitrag melden

      @MPW...

      Wenn Sie schon vorschlagen, man sollte lieber mal die Realität akzeptieren, sollten Sie selber damit anfangen. Es ist doch total wiedersinnig, sich selbst mit voller Absicht eine Krankheit zuzufügen, um diese anschliessend in vernünftiger Weise managen, anstatt sie zu verhindern. Anstatt die Gefahren von Drogen zu verharmlosen und herunterzuspielen und eine Legalisierung zu fordern, wäre es sinnvoller, eine seriöse, lückenlose Aufklärung über die Gefahren von sämtlichen Drogen zu betreiben und über das Unheil zu reden, das Drogen anrichten. Nur die Drogen, die nicht konsumiert werden, sind harmlos.

    • rene.p am 09.05.2013 10:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @walter

      Inkas und Azteken : ein volk das bis heute ein kult basierend auf alkalodiden pilzen betreibt. ägypter zu zeit der grossen pharaonen: noch heute werden in gräbern, opium beigaben in hoher anzahl gefunden. das sind nur zwei beispiele von dutzenden möglichkeiten. Aber die grossen urvölker und somit auch unsere geschichte in denn letzten 10000 jahren als krank zu bezeichnen ist nicht richtig.

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  • arpagaus am 08.05.2013 18:01 Report Diesen Beitrag melden

    Bravo Frau Dreifuss!

    Respekt Frau Dreifuss! Sie sprechen endlich als Politikerin das aus, was hunderttausende bereits lange wissen! Die Menschheit braucht Drogen, und diese in legale und illegale zu Unterscheiden ist reine Bevormundung. Alle Pflanzen und Stoffe haben ihre daseinsberechtigung und ihren Nutzen. Der Fettleibige wird ja auch nicht kriminalisiert weil er (zu viel) Fett konsumiert.

  • Peter Earl am 08.05.2013 12:35 Report Diesen Beitrag melden

    Absolut dagegen

    Ich bin jetzt 44 habe mehr als 25 Jahre meines Lebens versaut mit Drogen (Legal oder Illegal) Eine Legalisierung aller Drogen ist nicht realisierbar. Wie bitte soll das funktioniert? Wer darf und wie viel darf bezogen werden? Illegaler Handel würde es Trotzdem geben Der bessere Weg wäre wenn man Ehemaligen Abhängigen mehr Hilfe zurück ins echte Leben gäbe. Nicht nur mit Ersatz Drogen abfüllen und warten bis sie Tod sind.

    • D. A. Gegen am 08.05.2013 22:13 Report Diesen Beitrag melden

      HIER! LESEN!

      An alle, die wissen wies läuft und die Weisheit mit Löffeln gefressen haben: Hört auf die Betroffenen (Beitrag oben)! Die wissen, wovon sie sprechen!

    • M.P.W. am 08.05.2013 23:16 Report Diesen Beitrag melden

      @Peter Earl

      Sie gehören leider zu jener Minderheit, die Aufgrund von genetischer Disposition zu Suchterkrankungen neigen. Da konnte offenbar auch ein Paragraph im Strafgesetz den Krankheitsausbruch nicht verhindern. Die Frage ist dann, was Sie sich davon versprechen, Menschen ohne ihre Probleme ebenfalls zu verfolgen? Das nützt weder diesen Leuten, noch den Betroffenen. Ferner möchte ich Sie fragen, warum Sie glauben, dass der Drogenschwarzmarkt weiterbestehen soll? Ich kenne schliesslich auch keinen Kaffe- oder Bananenschwarzmarkt.

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