Verseuchtes Wasser

30. August 2013 22:36; Akt: 31.08.2013 00:43 Print

Fukushima-Störfall zerstört Fischer-Träume

von M. Toda und K. Ueda, ap - Die Fukushima-Katastrophe hat die Fischer in der Region arbeitslos gemacht. Der jüngste Störfall in der Atomruine hat ihre Hoffnung zerstört, dass sich dies bald ändern könnte.

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Alle sieben Wochen geht der Fischer Fumio Suzuki auf Fang - aber nicht, um die Fische zu verkaufen, sondern um sie auf radioaktive Strahlung untersuchen zu lassen: Suzuki, dessen Familie seit drei Generationen in der Fischerei arbeitet, lebt in Yotsukura in der Nähe des japanischen Kernkraftwerks Fukushima.

Seit der Atomkatastrophe im Frühjahr 2011 ist er quasi arbeitslos: Kontaminiertes Wasser strömte in den Pazifischen Ozean und verseuchte auch die Fische. Der Störfall in der vergangenen Woche - verstrahltes Kühlwasser aus der Atomruine lief aus - hat die Hoffnung der Fischer in Yotsukura zunichtegemacht, dass sie bald wieder ihrer Arbeit nachgehen können.

«Wir können ihnen nicht vertrauen»

«Die Betreiber der Atomanlage reagieren immer zu spät, was immer sie auch tun», schimpft der 47-jährige Suzuki, der die Fischerei gemeinsam mit seinem 79 Jahre alten Vater betreibt. «Wir sagen: ‹Passt auf, dass das kontaminierte Wasser nicht ausläuft›, und sie lassen es auslaufen. Sie hinken immer einen Schritt hinterher. Wir können ihnen nicht vertrauen.»

An diesem Morgen sind Suzuki und sein Vater mit ihrem Schiff «Ebisu Maru» etwa 45 Kilometer vor der Küste Fukushimas unterwegs. Bei ihrem Testfang geht es darum, möglichst viele unterschiedliche Fischarten zu fangen. Nachdem sie die Netze eingeholt haben, beginnen die beiden Fischer, ihre Ausbeute zu sortieren: Sardinen, Seezunge, Seesterne, Brassen usw. Die Fische werden dann in Plastiktüten unterschiedlicher Farbe verpackt.

Im Hafen von Yotsukura werden die beiden Stunden später schon erwartet: Andere Fischer helfen ihnen dabei, die Fischproben in Kühlboxen umzuladen und sie in ein Labor zu bringen, wo sie auf Verstrahlung untersucht werden. In Japan wird sehr viel Wert auf möglichst naturbelassene Lebensmittel gelegt: Solange auch nur der geringste Verdacht besteht, dass in der Nähe von Fukushima gefangener Fisch radioaktiv belastet sein könnte, ist er auf dem Markt unverkäuflich.

Kontaminiertes Kühlwasser

Seit der Reaktorkatastrophe leben Suzuki und seine Kollegen von Zuwendungen der Regierung sowie des Betreibers des Atomkraftwerks, dem Energiekonzern Tepco. Viele haben bereits aufgegeben und den Beruf gewechselt. Auch Suzukis Sohn arbeitet inzwischen auf dem Bau.

Die Fischerei-Kooperative, so berichtet Suzuki, hatte für kommenden Monat einen Grossfang geplant, der nach umfangreichen Tests möglicherweise als für den Verzehr geeignet auf den Markt gebracht werden sollte. Nach dem jüngsten Vorfall in Fukushima wurden diese Pläne auf Eis gelegt. Die Behörden gaben bekannt, dass in der Atomruine eine grössere Menge kontaminiertes Kühlwasser aus einem Tank ausgelaufen sei.

Die Katastrophe vor zweieinhalb Jahren hatte zu Kernschmelzen geführt. Seitdem muss ständig Wasser zur Kühlung in drei Reaktoren gepumpt werden. Dieses Wasser wird in Auffangtanks aufbewahrt, und dort gab es ein Leck. Zwar soll das meiste Wasser in den Boden gesickert sein, ein Teil gelangte aber auch ins Meer. Die Atomaufsicht bewertete das Leck als «ernsten Störfall» und stufte es auf Stufe 3 der internationalen Bewertungsskala für nukleare Ereignisse ein.

Hoher Strontium-Gehalt in Meerwasser-Proben

Zunächst bleibt unklar, welche Folgen der Zwischenfall auf die Meereswelt hat. Der Direktor des Fischerei-Forschungszentrums der Präfektur Fukushima, Nobuyuki Hatta, zeigte sich zuversichtlich, dass Testfänge bereits im September wiederaufgenommen würden. Die Untersuchungsergebnisse vor dem jüngsten Störfall seien vielversprechend gewesen. Die Regierung, so erklärt er, schreibe vor, dass ein Kilogramm Fisch höchstens 100 Becquerel (Einheit der Radioaktivität) enthalten dürfe. Vor Ort sei man strenger und lasse höchstens 50 Becquerel zu. Wie hoch die Kontaminierung sei, hänge von der Fischart ab, dem Lebensraum und den Ernährungsvorlieben. Von den 170 Arten, die in den vergangenen Jahren getestet worden seien, hätten 15 so gut wie keine Kontaminierung gezeigt. 42 Arten seien so stark verseucht, dass ihr Verzehr nicht infrage komme.

Cäsium wurde nach seinen Worten nur in wenigen Arten nachgewiesen. Allerdings kann das Vorkommen anderer Elemente wie Strontium oder Tritium zumindest in Labors im Umkreis von Fukushima nicht untersucht werden. Und gerade Strontium kann eine Gefahr darstellen: Es sammelt sich nach Angaben von Wissenschaftlern in Knochen. Tepco-Testergebnisse ergaben in den vergangenen Wochen einen hohen Strontium-Gehalt in Meerwasserproben.

All das stimmt Suzuki nicht gerade zuversichtlich. «Die Leute in der Fischereiindustrie haben keine Wahl als aufzugeben», bedauert er. «Viele haben es auch schon getan.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • chipsy am 31.08.2013 00:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    meere 

    die meere gehen zu grunde, man sollte diese betreiber anzeigen, den die weltmeere gehören allen menschen auf dieser erde! aber wie immer schaut jeder einzelne nur zu!

  • R. Bender am 31.08.2013 05:48 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was heisst hier "STÖRFALL"!?

    Was heisst hier "STÖRFALL"? Fukushima ist der" SUPERGAU"! Daran werden, in einem sehr grossen Umkreis, noch etliche Generationen zu leiden haben...

  • S. Cooper am 30.08.2013 23:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Supergau, kein einfacher Störfall

    Kleiner Denkanstoss, für alle die es noch nicht kapiert haben. Fukushima war kein "STÖRFALL" sondern es ist der SUPERGAU. Das ganze Gebiet und wer weiss, wie gross dieses schon jetzt ist, wird für die nächsten Jahrhunderte radioaktiv verseucht sein. Während die Reaktoren unaufhaltsam weiter brennen, versucht die Atomlobby weiterhin, das wahre Ausmass der Katastrophe zu verheimlichen und auch der Rest der Welt hat seine anfängliche Panik vergessen. Nur hilft dies alles nichts, denn dem Katastrophenreaktor ist vollkommen egal, ob wir handeln oder nicht, er wird seine todbringende Strahlung weiterhin an die Umwelt abgeben...

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Michael Jakob am 01.09.2013 19:34 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    erst vor der eigenen Tür kehren

    Wie schnell der Mensch doch vergisst und der Witz ist was er nicht weiß braucht er noch nicht einmal vergessen.Ich will darauf hinaus das die Schweiz ihr eigenes fukuschima schon lange vorher hatte!!! Wer es nicht weiß kann mal googeln versuchsreaktor Lucens.Von der schwere des Unglücks in einer Reihe mit Tschernobyl oder fukuschima.Ein Gau.Also liebe Schweizer erst an die eigene Nase fassen.

  • Sandra am 01.09.2013 16:59 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Energie schweiz

    Alle welt schaut nach japan. Aber auch hier kann es zu einem super-gau kommen! Ich arbeite bei einem energieversorger und diese branche ist total krank! Statt sich lieber um die sicherheit zu sorgen, wird fleissig reorganisiert!

    • Michael Jakob am 01.09.2013 19:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      erst vor der eigenen Tür kehren

      Wie schnell der Mensch doch vergisst und der Witz ist was er nicht weiß braucht er noch nicht einmal vergessen.Ich will darauf hinaus das die Schweiz ihr eigenes fukuschima schon lange vorher hatte!!! Wer es nicht weiß kann mal googeln versuchsreaktor Lucens.Von der schwere des Unglücks in einer Reihe mit Tschernobyl oder fukuschima.Ein Gau.Also liebe Schweizer erst an die eigene Nase fassen.

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  • Michelle am 31.08.2013 16:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Störfall?

    Was heisst hier störfall? Das ist eine katastrophe die jahre andauern wird bis es die radioaktivität nicht mehr ist. Das sieht man ja bei tschernobil darf ja heute auch noch nicht betreten werden. Irgendwan wird sich die natur alles zurück holen, was die menschen zerstören

    • Michael Jakob am 01.09.2013 20:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      vor der Haustür

      Schon vergessen die Schweiz hatte ihren eigenen Gau schon vor einiger Zeit.Versuchsreaktor Lucens durchgebrannte brennstäbe und radioaktive Verseuchung mit toten.

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  • Berni M. am 31.08.2013 11:25 Report Diesen Beitrag melden

    Wie würde die Welt reagieren?

    Wenn es nicht Japan sondern Iran gewesen wäre... oder vielleicht Nordkorea, oder noch besser Syrien? Was würde die Weltgemeinschaft dann schreiben? Warum werden die Japaner so bevorzugt und mit Samthandschuhen behandelt? Im 2. Weltkrieg hat man Japan niedergebombt, warum also diese Sympatie vom Westen? Man müsste die Japaner mal bloss stellen, ihres Gesicht hat dieses Volk längst verloren und doch kuscheln alle und sind so lieb, wenn es um das grösste Verbrechen der Menschheit geht! Tschernobyl ist dagegen ein Furz in der kalten Küchen!

    • Reality Check am 31.08.2013 13:05 Report Diesen Beitrag melden

      Richtigstellung

      Informieren Sie sich zuerst, bevor Sie solchen Stuss rauslassen. In Tschernobyl wurde fast die doppelte Menge Cäsium freigesetzt, die anschliessend auf ganz Europa niederging. Etwa 60 Ersthelfer starben kurz nach dem Unfall, da sie Strahlendosen von weit mehr als 1000 mSv ausgesetzt waren. Niemand in Fukushima wurde auch nur annähernd der selben Dosis ausgesetzt. Und obwohl der Austritt von kontaminiertem Wasser unglücklich und so schnell wie möglich zu unterbinden ist, kann man den Japanern nicht sehr viele Vorwürfe machen. Kein Land könnte das besser.

    • paula am 31.08.2013 15:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      ???

      @reality check... woher wissen sie das denn so genau? ich glaube da wird so viel vertuscht und unter denn tisch gekehrt, dass ihnen wohl ganz übel werden würde wenn sie die die ganze wahrheit wüssten. jede atom katastrophe ist eine zuviel. ob tschernobyl oder fukushima beides hat die welt versäucht. ob mit mehr oder weniger cäsium spielt dabei überhaupt keine rolle, es ändert nichts an der tatsache, dass solch eine tragödie passiert ist.

    • Birgit M am 31.08.2013 17:49 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Mit der Wahrheit anfangen

      Danke für die Replik und die Korrektur. Leider trägt auch Presse dazu bei, dass Menschen Unwahrheiten weiterverbreiten, indem sie dauern die Angst-Masche spielt. Wenn verseuchtes Kühlwasser austritt, wird dieses Aufgrund der Strömung weiträumig im Meer verteilt und bleibt nicht lokal liegen. Darum bitte liebe Medienschaffenden, zuerst denken, dann schreiben, so kommt auch von Eurer Seite mehr Wahrheit zu den Lesern.

    • Hene Pesche am 01.09.2013 08:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Vor der Türe

      Wenn ich unsere Schrottreaktoren anschaue, da nehmen wir ähnliche Risiken in kauf. Also, den Zeigefinger eingepackt und vor der eigenen Tür kehren. Ich vertraue in die ENSI etwa so viel wie in TEPCO... gar nicht!

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  • Fabienne am 31.08.2013 10:31 Report Diesen Beitrag melden

    Störfall?!?

    Ich bin schockiert... hier wird von "Störfall" gesprochen... Es ist der SUPERGAU und die Politiker weltweit verschliessen ihre Augen... traurig, dass man heutzutags immernoch auf Akw's setzen will...

    • flori am 01.09.2013 08:33 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @ fabienne

      politiker sind keine experten, die checken sowas gar nicht. die sind beschäftigt mit sitzungen, medien, events und aperos. wo bleibt da zeit zum überlegen und selbst denken, statt denken lassen? und wer berät die politiker? bingo.

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