Masdar City

02. Januar 2018 08:16; Akt: 02.01.2018 08:16 Print

Eine grüne Vision in der Wüste

von J.-C. Gerber - Im ölreichen Emirat Abu Dhabi entsteht eine Stadt, die sich ganz der Nachhaltigkeit verschrieben hat. Nach holprigem Start geht es nun voran.

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So sollte die Öko-Stadt Masdar City nach den ursprünglichen Plänen heute schon aussehen. Allerdings steht erst ein kleiner Teil der Gebäude, wie das Siemens-Hauptquartier für die Region Naher und Mittlerer Osten. Rundherum wird entweder gebaut oder es dominiert gar noch das Brachland. Das Siemens Hauptgebäude ist das erste Gebäude in Abu Dhabi, das den strengen Standards der LEED-Platinum-Zertifizierung für energieeffiziente Gebäude genügt. Auch das Masdar Institute of Science and Technology ist bereits fertiggestellt. Das Gebäude rechts ist die Bibliothek, Knowledge Center genannt. Die Glasfront ist nach Norden ausgerichtet, was zusammen mit der Auskragung dafür sorgt, dass die Sonne nicht direkt darauf scheint. So heizt sich das Gebäude weniger auf. Die Mehrzweckhalle rechts im Bild erfüllt eines der drei Nachhaltigkeitsziele von Masdar City: Es bietet den Arbeitern und Anwohnern einen Treffpunkt und Sportmöglichkeiten und stärkt so die Gemeinschaft der Stadt. Die anderen zwei Ziele, die Masdar City erfüllen muss: Die Stadt muss wirtschaftlich sein und ökologisch nachhaltig. Die niedrigen Gebäude in Masdar City sind nach Möglichkeit nahe aneinander gebaut, so dass die Wege dazwischen möglichst immer im Schatten liegen. Ein Windturm überragt die Gebäude und leitet den Wind hinunter in die Gassen. Dabei wird die Luft mit Wasser gekühlt, was dazu beiträgt, dass die Aussentemperatur in der Stadt rund 10 Grad tiefer ist als in der umgebenden Wüste. Auf den Dächern und vor den Toren der Stadt wird mit Sonnenkollektoren Energie erzeugt. Dereinst soll Masdar City mehr erneuerbare Energie produzieren, als die Stadt verbraucht. Ein Ziel wird Masdar City vorerst nicht erreichen: Die Stadt wird nicht autofrei sein. Ursprünglich war geplant, dass in der Stadt nur selbstfahrende Elektrotaxis und Trams verkehren sollen. Doch die Menschen wollen ihre Autos nicht vor den Toren der Stadt stehen lassen. Und so bleiben die Elektrotaxis, die zurzeit nur zwei Stationen auf einem kleinen Rundkurs bedienen, oft ungenutzt. Auch die Leihvelos vor der Siemens-Zentrale stehen eher etwas verloren in der Gegend. Dennoch sind die Verantwortlichen überzeugt, dass Masdar City zum Erfolg wird. Auch wenn die Smart-City für 50'000 Menschen und 1500 Unternehmen nun statt 2018 erst 2030 fertiggestellt sein soll.

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Das weltweite Medienecho war gross, als im Februar 2008 der Spatenstich für Masdar City erfolgte. Für 22 Milliarden Dollar sollte in der Wüste Abu Dhabis eine Stadt für 50'000 Einwohner und 1500 Unternehmen aus dem Umweltsektor entstehen, die eine neutrale CO2-Bilanz aufweist. Das Projekt sollte 2018 vollendet sein und der Welt als Vorbild dienen.

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Doch die Finanzkrise, die im gleichen Jahr einen ersten Höhepunkt erreichte, machte dem Projekt einen Strich durch die Rechnung. Auch das Emirat Abu Dhabi wurde von der Krise stark in Mitleidenschaft gezogen. Da zudem auswärtige Investoren mehrheitlich ausblieben, geriet die Vision Masdar City vorübergehend ins Stocken.

2017 als bestes Jahr

Inzwischen blicken die Verantwortlichen wieder optimistischer in die Zukunft. Chris Wan, Architekt und Planungsleiter von Masdar City sagt, dass man 2017 die bisher grösste Wachstumsrate habe verzeichnen können und in den nächsten fünf Jahren deutlich mehr gebaut werden solle als in den Jahren zuvor. Inzwischen seien 90 Prozent der ersten Bauphase, was einer Fläche von 1 Quadratkilometer entspricht, gebaut oder fertig geplant. Unter anderem werden zurzeit etwa 500 neue Wohnungen bezogen, zudem ist eine Shopping Mall im Entstehen begriffen. Bis allerdings die ganzen 6 Quadratkilometer des Projekts fertiggestellt sind, dürfte es mindestens 2030 werden.

Wie Masdar City seine hochgesteckten Umweltziele erreichen will, zeigen die bereits fertiggestellten Gebäude. Zum Beispiel das Nahost-Hauptquartier von Siemens. Es ist neben dem Masdar Institute of Science and Technology und der Zentrale der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (Irena) das bisher markanteste Gebäude der Planstadt. 800 Siemens-Angestelle arbeiten seit 2014 hier. In der ganzen Region Naher und Mittlerer Osten beschäftigt der Konzern 6000 Menschen.

Das Siemens-Gebäude wurde unter der Vorgabe geplant, dass es auch ohne Klimaanlage ein Optimum an Komfort bieten würde. Natürlich bekam das Gebäude in einer Gegend, in der es im Sommer bis zu 50 Grad heiss werden kann, schliesslich doch eine Klimaanlage. Dank der Vorgabe und intelligenter Gebäudetechnologie von Siemens konnte der Energieverbrauch aber gegenüber einem ortsüblichen Gebäude um 50 Prozent gesenkt werden.


Siemens-Manager Manuel Kuehn über Masdar City (Video: 20M/jcg)

Ein kühler Treffpunkt

Eine wichtige Funktion nimmt auch die grosszügige Plaza unter dem Siemens-Gebäude ein. Sie ist zum beliebtesten Treffpunkt der noch kleinen Stadt geworden. Hier ist es nicht nur schattig, es weht auch immer ein kühlender Wind. Das liegt daran, dass sich der Platz nach Nordwesten dem Meereswind öffnet. Auf der gegenüberliegenden Seite ist die Austrittsöffnung dagegen deutlich kleiner. Das beschleunigt den Luftzug deutlich und sorgt für eine vergleichsweise kühle Brise.

Die Bauweise der gesamten Stadt soll diesen Effekt unterstützen. Ausserdem werden die niedrigen Gebäude nach Möglichkeit nahe aneinander gebaut, so dass die Wege dazwischen möglichst immer im Schatten liegen. Das sorgt dafür, dass es in der Stadt bis zu 10 Grad kühler ist als draussen in der Wüste.

Die Energie für die Stadt sollen fast vollständig Sonnenkollektoren liefern, die auf den Dächern und vor den Toren der Stadt angeordnet werden. Auch mit dem Wasser wird sparsam umgegangen. Ohne Verzicht auf Komfort sollen mittels intelligenter Technologien 40 Prozent weniger Wasser verbraucht werden als in Abu Dhabi üblich. Ein ausgeklügeltes Recycling-Konzept soll die Abfallmenge beinahe auf null bringen.

Nicht autofrei

Ob diese hochgesteckten Pläne realisiert werden können, muss sich noch zeigen. Ein Ziel werden die Verantwortlichen zumindest mittelfristig nicht erreichen: Die Öko-Stadt wird nicht autofrei sein. Das hat mehrere Gründe. Die autonomen Elektroautos , die in Masdar für ein Vorankommen sorgen sollen, bedienen bisher lediglich zwei Stationen. Zudem ist eine Schnellbahn, die Masdar mit der 30 Kilometer entfernten Stadt Abu Dhabi verbinden soll, in weite Ferne gerückt. Und der wohl wichtigste Grund: Die Menschen wollen ihr Auto schlicht nicht vor den Toren der Stadt stehen lassen. Sie wollen bis ins Haus fahren und dort parkieren.

Als Konsequenz bleiben nicht nur die Leihvelos vor dem Siemens-Gebäude mehrheitlich ungenutzt. Viel schwerer wiegt: Nachträglich müssen nun breitere Strassen und Parkgaragen eingeplant werden. Das wurmt die Verantwortlichen und Planungsleiter Wan hält fest, dass Fussgänger weiter Vortritt hätten und die Strassen nur so breit wie nötig gebaut würden. Die Garagen in den Häusern würden zudem so konstruiert, dass sie mit wenig Aufwand umgenutzt werden könnten, sollten die Bewohner irgendwann doch aufs Auto verzichten.

Vorbildfunktion angestrebt

Wann das so weit sein wird, ist schwer vorauszusagen. Noch ist Masdar City ein Fremdkörper in einer Gegend, in der statt energiegünstig flach und verdichtet lieber weitläufig und protzig in die Höhe gebaut wird, in der nicht Züge, sondern bis zu zwölfspurige Autobahnen und grosse Allradautos das Bild prägen und in der trotz Wüstenlage pro Kopf deutlich mehr Wasser verbraucht wird als in den meisten westlichen Ländern.

Trotzdem hofft Wan, dass Masdar City und die dort entwickelten Technologien weltweit Nachahmer finden. Und so empfindet er Neom, die geplante 500-Milliarden-Dollar-Smart-City in Saudi Arabien, weniger als Kokurrenz denn als Beweis, dass der mit Masdar City eingeschlagene Weg der richtige ist.

20 Minuten besuchte Masdar City auf Einladung von Siemens Schweiz.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Franco am 02.01.2018 08:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schade in Dubai

    Innovationen und wirklich mutige Projekte erfolgen leider nur noch im Ausland. Liebe Schweizer seit Mal etwas mutig!!

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  • Papa Bär am 02.01.2018 09:02 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Der Ansatz...

    ...liest sich ja schon verlockend, aber dürfen dort auch alle Menschen jeglichen Ranges oder ohne Grades wohnen? Ich wage es zu bezweifeln. Rein optisch grandios. Einmal mehr abwarten.

  • Roberto am 02.01.2018 09:29 Report Diesen Beitrag melden

    Vorzeigeprojekte

    Qatar und AbuDhabi investieren Multi-Milliarden in das fossile Gasgeschäft, Dubai ebenso in eine (nicht nachhaltige) Wirtschafts-Metropole, da wundert es nicht, dass Masdar in die Zukunft (2030) verschoben wird, interessiert niemand wirklich. Braucht es Vorzeige-Projekte oder nachhaltige Entwicklungen in Schwellen-Länder ? Die Frage erübrigt sich. Die Welt braucht kein Masdar, aber Indien, China, Afrika enorme Entwicklungen für die Zukunft !

Die neusten Leser-Kommentare

  • leser am 04.01.2018 21:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Die Wahrheit

    Super Land! Super Leute! Super Projekte! Wunderschön und modern ist das Emirat. Sehr Fortgeschritten. Die Welt soll sich daran ein Beispiel nehmen! Alle die etwas anderes sagen, können es sich nicht leisten dorthin zugehen oder sind nur neidisch!

  • soriana am 04.01.2018 18:20 Report Diesen Beitrag melden

    Im Kleinen beginnt das Grosse

    Jemand muss beginnen. Auch wenn es am Anfang nicht 100 % ig klappt. Irgendwann schaffen die das. Super

  • John Doe am 03.01.2018 20:06 Report Diesen Beitrag melden

    Denkt mal nach!

    Eine moderne Stadt in der Wüste kann per Definition nicht nachhaltig sein. Die grauen Energien sind immens.

    • O. B. am 04.01.2018 13:47 Report Diesen Beitrag melden

      Besser als...

      ... wie bei uns, wo wir doch bestes Agrarland mit Einfamilienhäuser zupflastern...

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  • Theres am 02.01.2018 13:43 Report Diesen Beitrag melden

    Traumland für Grüne

    Das wäre ja ein grünes Paradies. Liebe Grüne wandert doch in Globo dorthin aus, dort wärt ihr wunschlos glücklich oder doch nicht...

  • Moni am 02.01.2018 11:13 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Schwachsinn

    Für das Ganze kann man einfach nur sagen: Schwachsinn Nächstens bauen sie am Südpol Hotels mit Sandstrand, Palmen und Heizstrahlern die die Sonne machen.

    • Eid Gen. Osse am 02.01.2018 11:57 Report Diesen Beitrag melden

      Schweizer Scharfsinn

      Rechtfertig 6.000 Franken Löhne - die höchsten der Welt. Liesst man hier Leserkommentare ist von der Schweizer Fähigkeit, ausgewogen zu urteilen, folgendes zu sehen: Nichts.

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