FreeTheBees

04. März 2013 17:03; Akt: 05.03.2013 08:04 Print

Guerilla-Imker wollen Bienen wieder auswildern

von Gaudenz Looser - Ein Verein von Bienenfreunden will für die Rettung der Honigbiene in der Schweiz wieder wilde Völker ansiedeln. Der Bund und Imkerverbände lehnen das ab - aus Angst vor Krankheiten.

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Eine Gruppe von Bienenfreunden will, dass die Behörden und Imkerverbände wilde Bienen in der Schweiz wieder zulassen. Die Varroa-Milbe und verschiedene Krankheiten raffen immer mehr Bienenvölker dahin. Die Bekämpfung der Krankheiten sei aber nicht der richtige Weg, sagt FreeTheBees. Denn die heutige Honigbiene sei übernutzt und überzüchtet. Eine Auswilderung soll den Genpool zugunsten widerstandsfähigerer Stämme wieder erweitern. Der , dass wilde Bienenschwärme in der Schweiz sich zu Krankheits- und Parasitenschleudern entwickeln würden, die behandelte Völker wieder infizieren würden. «Wenn man uns liesse, würden wir in der ganzen Schweiz Nistkästen für wilde Bienenschwärme aufstellen», sagt (auf dem Bild mit einem geschwollenen Auge nach einem Bienenstich). Nun will er poltisch dafür kämpfen. Die . «Die Forschung hat sich stark auf die Varroa-Bekämpfung fokussiert und blendet die übrigen Problemfelder der Bienen weitgehend aus. Der Verein schliesst eine Lücke, indem er sich um die Haltungsbedingungen kümmert», sagt Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik. Der geht mit seinem Dokumentationsfilm «More than Honey» dem weltweiten Bienensterben nach. Er zeigt auf, dass mehr als ein Drittel unserer Nahrungsmittel ohne das Zutun (Bestäubung) der Bienen nicht gedeihen würde. Wenn die Bienen aussterben, stirbt der Mensch vier Jahre später aus, soll Albert Einstein gesagt haben. Im Film zeigt Imhoof verschiedene bei ihrer Arbeit und beleuchtet ihre Beziehung zu ihren Bienenvölkern. Fred Jaggi lebt mit seinen Bienenvölkern in einer wunderschönen Berglandschaft der Innerschweiz. Seine reinrassigen Ur-Bienen will er gegen alle fremden Einflüsse bewahren und ist darauf bedacht, seine Königinnen nicht zu fremden Drohnen fliegen zu lassen. Trotzdem sterben sie – an Inzuchtschwäche. In Amerika traf Imhoof auf den Imker John Miller. Hier werden die gigantischen Ausmasse sichtbar: Tausende Hektar Mandelbäume überziehen die Landschaft und müssen befruchtet werden. Wenn die Arbeit getan ist, werden seine «dancing ladies» auf Trucks geladen und von einer pestizidverseuchten Plantage zur anderen quer durch Amerika gefahren. Danach geht es zurück auf die Farm, wo die Bienen überwintern und der Honig gewonnen wird. John Miller ist sich bewusst, dass er im industriellen Massstab arbeitet. Mit Antibiotika versucht er seine 15.000 Völker am Leben zu erhalten. In ganz Europa, Nordamerika und China kann heute keine Honigbiene mehr ohne Medikamente überleben. In China gibt es in einigen Regionen vor lauter Chemie bereits keine Bienen mehr. Die Menschen haben die Aufgabe der Bestäubung übernommen. Händler kaufen den Bauern die Blüten ab und verarbeiten sie zu Pollenpulver. Dieses wird dann wieder verkauft und in Handarbeit auf die Blüten aufgetragen. Markus Imhoof und sein Team beim Dreh mit «Killerbienen» an der mexikanischen Grenze Hat die Natur mit den sogenannten Killerbienen schon einen unerwarteten Ausweg gefunden? Sie sind eine Kreuzung von europäischen und afrikanischen Bienen. 26 Schwärme sind ehemals aus einem Versuchs-Labor der Universität Sao Paolo entkommen. In Arizona hat sich Fred Terry mit ihnen angefreundet. «Killerbienen» haben zwar einen schwierigen Charakter und sind sehr aggressiv, machen aber mehr Honig und vor allem werden sie nicht krank. Die Bilder dieser Diashow stammen aus Markus Imhoofs Film «More Than Honey».

Der Verein FreeTheBees fordert eine Abkehr vom Kampf gegen das Bienensterben mit Chemie - er sei aussischtslos.

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Wilde Honigbienen sind in der Schweiz praktisch ausgestorben. Und wenn mal ein Volk entwischt und sich irgendwo in der Natur einnistet, wird es in der Regel eingefangen oder notfalls vernichtet. Grund: Die Imker befürchten, dass wilde Bienenvölker die Verbreitung von Krankheiten wie Faul- und Sauerbrut und die Weitergabe von Parasiten wie der Varroa-Milbe noch mehr beschleunigen.

Umfrage
Sollen in der Schweiz wieder wilde Bienenvölker leben, die bewusst nicht gegen Krankheiten behandelt werden?
85 %
15 %
Insgesamt 1455 Teilnehmer

Doch eine Gruppe von politisch engagierten Bienenfreunden fordert eine radikale Abkehr von dieser Praxis. Stattdessen fordern sie eine gezielte Auswilderung von Bienenvölkern, in der Hoffnung, dass sich durch natürliche Auslese Völker entwickeln, die trotz eines Befalls mit der Varroa-Milbe in einem Gleichgewicht leben können.

«Überzüchtet und übernutzt»

Um ihrer Forderung nach einer nachhaltigen Bienenevolution in der aktuellen Debatte ums Bienensterben Nachdruck zu verleihen, gründeten die Imker diese Woche den Verein FreeTheBees. Die Biene sei nicht nur Nutztier und Honiglieferant, sondern auch ein wichtiges Element für die Erhaltung der vom Bundesamt für Umwelt angestrebten Biodiversität, sagt Gründungspräsident André Wermelinger: «Wenn man uns liesse, würden wir in der ganzen Schweiz Nistkästen für wilde Bienenschwärme aufstellen. Doch das ist leider zurzeit noch verboten.»

Zumindest mitschuldig am weltweiten Bienensterben ist aus Sicht von FreeTheBees die starke und unnatürliche Übernutzung der Tiere: «Die Honigbiene wird heute in einem extrem engen Korsett von Ertragsoptimierung, Zuchtziel und Krankheitsbekämpfung gehalten. Die Summe der Eingriffe macht die moderne Bienenhaltung vergleichbar mit der Batteriehaltung von Legehennen. Dass unter solchen Umständen die Bienen immer weniger in der Lage sind, Krankheiten zu widerstehen, liegt auf der Hand.»

Auf Friedfertigkeit gezüchtet

Konkret kritisiert «Free the Bees», dass in der gängigen Praxis Königinnen gezielt auf Friedfertigkeit und Ertrag gezüchtet und künstlich in bestehende Völker eingesetzt werden. Die natürliche Vermehrung von Bienen, bei der sich bestehende Völker in mehrere Schwärme teilen, wird nach Möglichkeit verhindert.

«Durch die Unterdrückung der natürlichen Instinkte werden die Völker geschwächt und eine natürliche Auslese, die die Chance auf neue, krankheitsresistentere Völker mit sich brächte, komplett unterbunden», so Wermelinger.

Am schärfsten kritisiert FreeTheBees aber die offizielle Strategie zur Bekämpfung der existenzbedrohenden Krankheiten: «Die Behandlung der Bienenstöcke mit Medikamenten, Ameisen- oder Oxalsäure eignet sich offensichtlich nicht dazu, die Krankheiten wirksam einzudämmen. Im Gegenteil: Die Chemikalien, die zum Teil die gesamte Bienenbrut auslöschen, schwächen die Völker und machen sie damit noch anfälliger für die nächste Infektion.» Das Ziel müsse deshalb sein, dass die Bienen mit den Krankheiten leben können, so Wermelinger. Sein Verein fordert vom Bund, eine naturnahe Bienenhaltung und autonom lebende Bienenvölker zuzulassen, um so Stämme herauszubilden, die kräftig genug seien, um es mit den Krankheiten und Parasiten aufzunehmen.

Wilde Völker wären klein und aggressiv

Doch beim Bund und bei den Imkerverbänden stösst FreeTheBees mit seinen Ideen auf Skepsis. Hans-Ulrich Thomas, Mitautor des «Schweizerischen Bienenvaters», eines Standardwerks für Imker, bezeichnet den Forderungskatalog von FreeTheBees als unausgegoren und ignorant. Versuche im Ausland mit der Auswilderung von Bienenvölkern hätten zu «keinen verwertbaren Ergebnissen» geführt: «Die überlebenden Völker sind klein, schwärmen viel und sind aggressiv.» Ausserdem seien solche Völker Varroa- und Bakterienschleudern. «Zudem züchten nur zirka 2 bis 3 Prozent aller ImkerInnen aktiv ihre eigenen Königinnen. Die meisten folgen also bereits dem 'Ratschlag' von FreeTheBees und arbeiten mit Schwärmen und natürlich nachgezogenen Königinnen.»

Unterstützung von Pro Natura

Marcel Liner, Projektleiter Landwirtschaftspolitik von Pro Natura, begrüsst die Gründung des Vereins: «Die Forschung hat sich stark fokussiert auf die Varroa-Bekämpfung und blendet die übrigen Problemfelder der Bienen weitgehend aus. Der Verein FreeTheBees schliesst eine Lücke, indem er sich um die Haltungsbedingungen der Bienen kümmert.»

Zumindest teilweise Unterstützung erhält FreeTheBees auch von Markus Imhoof, Regisseur des preisgekrönten Bienen-Films «More than Honey»: «Bienen wurden zu lange auf Sanftmut und Ertrag gezüchtet statt auf Widerstandsfähigkeit», sagt er im Interview (siehe Box). Doch Auswilderung in der Schweiz sieht er zwiespältig: «Wild lebende Honigbienen wären sehr kostbar als Genpool, aber in der dicht besiedelten Schweiz sind sie auch ein Problem, weil sie Krankheitsträger sein können. Ich verstehe beide Seiten. Man muss zur Lösung international zusammenarbeiten.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Jürg G. am 05.03.2013 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Als Imker kenne ich das Problem!

    Nicht die Bienen oder die Wildbienen sind das Problem, sondern der Mensch. - Ich hatte ein Volk auf meiner Terrasse und jemand im Quartier wurde gestochen. Nicht von einer Biene sondern von einer Wespe. - Trotzdem musste ich die Bienen entfernen. - Kranke Welt!!!

  • Frank am 04.03.2013 17:26 Report Diesen Beitrag melden

    Hallo Evolution?

    Millionen von Jahren kam das Volk der Bienen ohne den Menschen aus, künstliche Evolution, sprich Zucht ist eben nicht im Sinne der Natur und so soll man sich nicht wundern dass es auf einmal ein Bienensterben gibt. Wir Menschen züchten uns unsere tödlichsten Krankheitserreger auch mittlerweile selbst im Krankenhaus. Natürliche Auslese mag ab und an hart erscheinen aber so ist eben der Lauf des Lebens und da hat der Mensch nicht einzugreifen wenn er sich selbst auch weiter entwickeln will bevor er sich selbst ausgerottet hat in hoffentlich ferner Zukunft.

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  • Angel Heart am 04.03.2013 18:16 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Mensch

    Der Mensch hat immer das Gefühl, er müsse überall die Finger drin haben und seine Zucht-Ergebnisse seien die allerbesten. Setzt wieder Wildbienen aus, nur so werden die Bestände eine Zukunft haben!

Die neusten Leser-Kommentare

  • Erika am 05.03.2013 15:03 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Ich freue mich über die Bienen

    Ich liebe dieses Völklein und ich werde ein Bienenhotel aufstellen.habt ihr schon bemerkt, dass wieder Blumenwiesen angesägt werden. Mischwiesen wie es sie früher gab! Bei uns im Garten wimmelt es jeweils von Bienen.Uch Hummeln sind viele vertreten. Einfach herrlich.

    • Bienenfreund am 07.03.2013 14:40 Report Diesen Beitrag melden

      Blumenwiesen

      Erika.Der Bauer braucht nur das Spritzen einstellen . Dann gibts auch wieder Blumenwiesen und die brauchen nicht angesät werden.

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  • Nicole am 05.03.2013 13:57 Report Diesen Beitrag melden

    Schön

    Es ist doch schön wenn Bienen wieder in Freiheit leben können.

  • eugen fischer am 05.03.2013 13:00 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Verständnis

    Denke ich an die desolate Gesellschaft, dann habe ich bereits heute kein Verständnis.

  • Frau am 05.03.2013 12:42 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Das kommt mir bekannt vor

    Das ist wie bei der Massentierhaltung. Anstatt diese Tiere besser zu halten und so Seuchen zu reduzieren pumpt man sie mit Medikamenten (Schmerzmittel, Antibiotika) voll. Wann werden wir endlich vernünftig und bekämpfen das Problem an der Wurzel?

  • Jürg G. am 05.03.2013 10:57 Report Diesen Beitrag melden

    Als Imker kenne ich das Problem!

    Nicht die Bienen oder die Wildbienen sind das Problem, sondern der Mensch. - Ich hatte ein Volk auf meiner Terrasse und jemand im Quartier wurde gestochen. Nicht von einer Biene sondern von einer Wespe. - Trotzdem musste ich die Bienen entfernen. - Kranke Welt!!!