Pädophilie

03. März 2017 20:51; Akt: 03.03.2017 20:51 Print

Missbrauch ist im Netz gleich schlimm wie in echt

Auch wenn Kinder einem Pädophilen nicht persönlich begegnen, hat der Kontakt schwerwiegende Folgen. Das zeigt eine schwedische Studie.

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Sexueller Missbrauch ist immer schlimm – und zwar unabhängig davon, ob er online oder offline stattfindet. Das zeigt eine Studie von schwedischen Forschern. Insbesondere die Möglichkeit, dass der Täter den Missbrauch mit Fotos und Videos dokumentiert haben könnte, hat negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Jugend. Die Ergebnisse können laut den Forschern für die Justiz wichtig sein und zur Diskussion über die Bewertung von Online-Sexualmissbrauch beitragen: «Weiter sind es wertvolle Informationen für all jene, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten.» Wie schnell Pädophile im Netz zuschlagen und wie gezielt sie zur Sache gehen, zeigte übrigens ein Selbstversuch von 20 Minuten aus dem Jahr 2016, der in der Online-Community Knuddels.de durchgeführt wurde. Knuddels.de ist offiziell ab 14 Jahren zugänglich und bietet zig unterschiedliche Foren, in denen gemeinsam gespielt und gechattet werden kann. Offenbar macht sie aber genau das auch zur perfekten Kontaktbörse für Menschen mit illegalen Vorlieben. Die Registrierung ist schnell gemacht, es braucht nur eine aktive Mail-Adresse. Nach dem Alter wird nur pro Forma gefragt. Im Test gab 20 Minuten zuerst 12, dann die verlangten 14 Jahre an. Der erstellte Lockvogel hiess letztendlich Crazy Prinzessin Julia und war offiziell 14 Jahre alt. Auf ein Profilbild wurde verzichtet. Trotzdem dauerte es keine Minute, bis die ersten eindeutigen Nachrichten über dem vermeintlichen Teenager hereinbrachen. Dieser Nutzer gab an, 17 Jahre alt zu sein. Er startete die Konversation mit «Bist du ein offenes Mädchen?». Auf die Frage ob er wirklich 17 sei, antwortete er: «Nee. 32. Stört dich das?» Julia machte sich nochmals jünger: «Ich bin aber erst 13. Stört dich das?». Er verneinte und drängte darauf, die Unterhaltung auf Skype zu verschieben. Kaum verbunden, wollte er wissen, wo Julia herkommt, ob sie single ist und wie sie aussieht. Er legte die Karten zügig auf den Tisch: Er sei zwar vergeben, aber auf der Suche nach einer Affäre. Julia noch mal: «Ich bin aber 13. Stört dich das nicht?» Nein. Es störe ihn nicht. Julia sollte entweder ein Foto schicken oder ihre Webcam anmachen. Sie zierte sich. «Soll ich mal Cam anmachen?», fragte er. Und tatsächlich - er zeigte sich. Dumm war er dabei nicht: Er filmte gegen die Sonne. Ausserdem war die Verbindung so schlecht, dass er nur ein Berg aus Pixeln war. Kurz darauf die Frage aller Fragen: «Wollen wir uns treffen?» Am besten noch am gleichen Abend. Er wolle quatschen und Glace essen gehen, schrieb er. Wenn sie sich gut verstehen würden, könnten sie sich auch küssen. «Ich hab das noch nie gemacht», schrieb Julia. Ob er schon mal jemandem beigebracht habe, wie man küsse, fragte sie. Ja, das habe er, und ... ... «Sie fand es sehr gut», schrieb er. Der Frage, was genau er beruflich mache, wich er aus. Nach kurzer Bedenkzeit sagte Julia zu: «Ich würde gern mit dir Eis essen». Um 18 Uhr verabredeten sie sich am Zürcher Stadelhofen. «Wie erkenne ich dich?», wollte er wissen. Er werde blaue Hosen und ein weisses Hemd tragen. Ausserdem sei er 1,95 m, dunkelblond und relativ sportlich. Er wollte sie vorher aber noch mal via Webcam auf Skype sehen. Julia wich erneut aus. Er liess jedoch nicht locker, bis sie ihm ein Bild schickte. Dann wollte er telefonieren. Sie nicht. Trotzdem versprach er zu kommen. Obwohl Kollegen aus der 20-Minuten-Redaktion vor Ort waren, scheiterte das erste Treffen. Sie konnten ihn am belebten Treffpunkt nicht ausmachen. Um 18.15 Uhr schrieb er: «Wo warst?» Er gab jedoch nicht auf. Er sei wieder im Büro. Sie solle mit dem ÖV Richtung Uni kommen, schrieb er. Immer wieder fragte er, was genau Julia anhabe. Doch sie drehte den Spiess um und verlangte ein Foto von ihm. Mit Erfolg. Der Mann darauf ist oben ohne und trägt eine Sonnenbrille, ausserdem ist das Foto ziemlich pixelig. Es folgte ein Katz-und-Maus-Spiel via Chat. «Bist du da?»; «Wo genau?»; «Wo bist du?» Er fahre einen silbernen Opel, verriet er. Den Kollegen fiel ein solcher Wagen auf, der die Strasse mehrmals auf und ab fuhr. Der Fahrer stieg aber nicht aus. Irgendwann gab Julia auf: «Dein Versteck-Spiel ist mir zu blöd. Ich bin weg.» Er schickte einen traurigen Smiley und ein «dann fahr ich jetzt auch», dann war er offline.

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Erwachsene, die im Internet Kinder kontaktieren und sie sexuell belästigen, richten einen ähnlich grossen Schaden an wie jene, die in der Realität übergriffig werden. Zu diesem Schluss kommen Forscher des Barnafrid Centers der Universität Linköping in Schweden.

Umfrage
Kennen Sie jemanden, der schon einmal Opfer von Grooming geworden ist?
17 %
8 %
75 %
Insgesamt 224 Teilnehmer

In der Studie hatte das Team um Linda Jonsson die Angaben von mehr als 5800 Schülern ausgewertet, die in einem Fragebogen Auskunft zu ihren Erfahrungen mit Grooming (wenn Erwachsene mit eindeutigen Absichten mit Kindern chatten), sexuellen Missbrauch und Bildern von einem solchen gegeben hatten.

Wertvolle Erkenntnisse

«Unser Bericht zeigt, dass Online-Missbrauch, bei dem das junge Opfer keinen direkten Kontakt zum Täter hat, genauso ernsthafte Konsequenzen haben kann wie sexuelle Übergriffe im echten Leben», fasst Jonsson die Studie in einer Mitteilung der Hochschule zusammen.

Insbesondere die Möglichkeit, dass der Täter den Missbrauch mit Fotos und Videos dokumentiert haben könnte, hat negative Auswirkungen auf die psychische Gesundheit der Jugend.

Die Ergebnisse können laut Jonsson für die Justiz wichtig sein und zur Diskussion über die Bewertung von Online-Sexualmissbrauch beitragen: «Weiter sind es wertvolle Informationen für all jene, die mit Kindern und Jugendlichen zusammenarbeiten.»

(fee)