«Autonome Nationalisten»

15. November 2012 15:10; Akt: 15.11.2012 16:24 Print

Rechtsextreme geben sich als Linke

von Daniel Huber - Immer mehr Neonazis treten in Kleidern auf, die bisher klar den radikalen Linken zugeordnet wurden. Und die Rechtsextremisten kopieren nicht nur das Outfit, sondern auch Aktionsformen.

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Kaum jemand kommt beim Anblick dieses Pullis auf die Idee, es könnte sich dabei um rechtsextremes Outfit handeln. Doch das Modelabel Thor Steinar, das ein «nordisch-heidnisches» Image pflegt, ist bei Rechtsradikalen beliebt. Der Marke ist es gelungen, die rechte Schmuddelecke zu verlassen. Das ursprüngliche Logo zeigte eine Kombination von germanischen Runen, die auch im Dritten Reich verwendet wurden. Das Logo wurde von mehreren deutschen Gerichten beanstandet. Thor Steinar entwarf darauf ein neues, unverfänglicheres Logo, das ebenfalls eine germanische Rune enthält. Die Marke assoziiert sich selber stark mit Norwegen. Dessen Flagge (zu Beginn mit Logo, zunehmend aber im Original) erscheint auf den Kleidern und den Läden des Labels - sehr zum Missfallen des skandinavischen Staates. Thor Steinar ist nicht das einzige Modelabel, das im rechten Spektrum nach Kunden fischt. Auch die Kleidermarke Erik & Sons ist in diversen rechten Versanden anzutreffen. Erik & Sons verwendet ebenfalls eine Rune (die Naudiz-Rune) als Logo. Und wie bei Thor Steinar handelt es sich bei Erik & Sons um ein Label, das von Rechtsextremen für Rechtsextreme betrieben wird. Das ist auch bei der Marke Consdaple der Fall, die von dem rechtsextremen Patria-Versand aus Landshut vertrieben wird. Consdaple lehnt sich mit seinem Schriftzug an das englische Label Lonsdale an. Trägt man Lonsdale-Shirts unter geöffneter Jacke, ist die Buchstabengruppe NSDA oft der einzig erkennbare Namensbestandteil. Consdaple ermöglicht sogar die gesamte Kombination NSDAP (Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei). Lonsdale, eine alte britische Boxer-Marke, erfreute sich vor allem früher grosser Beliebthheit in der rechten Szene. Das Schriftdesign des Labels hat stilbildend gewirkt und wird von zahlreichen Marken nachgeahmt. Lonsdale hat sich allerdings von seinem neonazistischen Kundenkreis distanziert und unterstützt heute antirassistische Kampagnen. Auch setzt die Firma bewusst farbige Models ein. Auch Fred Perry wurde unfreiwillig zur Nazi-Kultmarke. Vor allem der Lorbeerkranz spricht die Nazis an, die allerdings oft nicht wissen, dass Fred Perry ein jüdischer Tennisspieler war. Der Lorbeerkranz wird hier mit dem Zahlencode 88 kombiniert. Mittlerweile wissen viele Leute, dass diese Zahlenkombination für «HH» steht (H ist der achte Buchstabe im Alphabet), also für «Heil Hitler». Alpha Industries ist eine US-Firma, die auch die amerikanische Armee ausstattet. Das Unternehmen selber hat keine Verbindung zu rechtsextremen Kreisen. Bei Nazis ist die Marke beliebt, weil das Logo dem verbotenen Zivilabzeichen der SA (unten) ähnelt. Das Logo von New Balance ist ein aufgenähtes N. In der rechten Szene deutet man dies als Abkürzung für Nationalsozialist oder Nationalist. New Balance hat sich entschieden vom Nazi-Kundenkreis distanziert. Ben Sherman, in den Sechzigern ein Kultlabel für die «Mods», gilt als traditionelle Skinhead-Marke (bevor Rechtsextreme zunehmend diese Jugendbewegung prägten) ohne politische Hintergründe und Aussagen. Nomen est omen: «Masterrace Europe» bedeutet «Herrenrasse Europa». Die Marke ist in allen Neonazi-Spektren sehr beliebt und wird nur in einschlägigen Läden und Versänden verkauft. Rizist, das im rechten Umfeld produziert und vertrieben wird, versucht diesen Hintergrund mit Graffiti-Schriftzügen zu verschleiern. Das eher preiswerte Label ist vor allem in ostdeutschen Städten beliebt. Troublemaker erfreut sich bei Rechtsextremen und vor allem Hooligans grosser Beliebtheit und wird entsprechend auch über neonazistische Vertriebskanäle verkauft. Patriot wird einzig in rechtsextremen Geschäften angeboten und über den gleichnamigen, rechtsradikalen Versand vertrieben. Doberman Streetwear ist ein kommerzielles Label, das seit einiger Zeit in der rechten Szene zunehmend populär ist und deren Bedürfnisse mit rechter Symbolik bedient. Hatecrime, zu deutsch Hassverbrechen, ist ein US-Label, das in Deutschland über rechtsextreme Kanäle vertrieben wird. Die rechte Szene versucht damit den Begriff zu kapern und für ihre Zwecke umzudeuten. Pitbull spielt wie Doberman mit dem Image einer aggressiven Hunderasse. Die Firma aus Frankfurt am Main wird dem Rocker- und Hooligan-Milieu zugerechnet. Doc Martens sind ursprünglich schwere englische Arbeiterschuhe mit Stahlkappen. Sie sind in der gesamten Skinhead-Szene Kult, werden aber auch getragen, weil sie als Waffen eingesetzt werden können. Bomberjacken sind seit langem ein beliebtes Kleidungsstück in Neonazi-Kreisen. In Kombination mit Glatze und schwerem Schuhwerk signalisieren sie nahezu immer rechtsradikales Gedankengut. Auch hier ist alles klar: Shirt-Aufdruck, Haarschnitt und die Farbkombination schwarz-weiss-rot (die Farben der Reichskriegsflagge und der Nazifahne) verraten den Nazi. Auch ursprünglich linke Mode-Elemente haben in der rechten Szene Eingang gefunden. Das «Pali-Tuch» dient weniger dem Ausdruck der Solidarität mit Palästina, sondern ist eindeutig antisemitisch gemeint. Sogenannte Autonome Nationalisten sehen links aus, sind aber nach wie vor extrem rechts. Sie haben Stil-Elemente aus dem Fundus der radikalen Linken übernommen: Sie tragen Palästinensertücher, schwarze Hoodies und sogar Che-Guevara-Shirts, sie hören Hip-Hop und Hardcore und sprayen Graffitis. Die Rechten kupfern auch eindeutig links besetzte Logos und Buttons ab; beispielsweise den Schriftzug «Kein Bock auf Nazis». Auch das Antifa-Logo wird einfach übernommen und leicht abgewandelt. Neben der 88 ist auch die 18 ein beliebter Nazi-Code. «Combat 18» steht so, frei übersetzt, für «Kampfgruppe Adolf Hitler». Diese Terrorgruppe aus dem «Blood & Honor»-Umfeld ist in Grossbritannien aktiv. «ZOG» ist ein Kürzel, das «Zionist Occupied Government» («zionistisch besetzte Regierung») bedeutet und auf die «jüdische Weltverschwörung» anspielt, die bekanntlich in rechtsextremen Hirnen beheimatet ist. Die 14 steht für die «14 Words» des US-Nazis David Lane: «We must secure the existence of our people and a future for white children.» (Wir müssen die Existenz unseres Volkes und auch die Zukunft unserer weissen Kinder sichern). Das Symbol der Hammerskins, die auch in der Schweiz aktiv sind. Die Triskele, ein dreiarmiges Hakenkreuz, weist oft (wie auch die Zahlenkombination 28) auf das verbotene Netzwerk «Blood and Honour» hin. Rechtsextreme Symbolik ist nicht nur auf das Hakenkreuz beschränkt. Auch die Schwarze Sonne ist ein solches Symbol. Das Zeichen soll altgermanischer Herkunft sein. Fachleute sagen, dass diese Sonne eine Schöpfung der SS war. Als Ersatz für das in Deutschland verbotene Hakenkreuz (unten) wird oft das aus Irland stammende Keltenkreuz verwendet. In der abgebildeten Form, die stark an die Nazi-Flagge erinnert, ist es in Deutschland verboten. Neben dem Hakenkreuz das klarste Nazi-Symbol ist wohl die doppelte Sig-Rune, die von der SS verwendet wurde. Wer sich dieses Symbol ins Haar schneiden lässt, ist wohl ein unverbesserlicher Nazi. Doch der Trend geht vom Provokativ-Eindeutigen zum Unauffällig-Versteckten: Thor-Steinar-Läden nisten sich in ganz normale Ladenpassagen ein und verleugnen ihr rechtsextremes Umfeld. Das Völkische soll salonfähig werden.

Eine Übersicht über den Nazi-Dresscode

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1966 dichtete der österreichische Lyriker Ernst Jandl: «manche meinen / lechts und rinks / kann man nicht velwechsern / werch ein illtum». In der Tat lassen sich links und rechts leichter als auch schon verwechseln – zumindest wenn es um das Erscheinungsbild militanter Gruppen an den Rändern des politischen Spektrums geht.

Dass sich linksgerichtete Autonome und Neonazis äusserlich immer weniger unterscheiden lassen, liegt an einem bemerkenswerten Wandel im Outfit eines Teils der rechten Szene. Sogenannte «Autonome Nationalisten» (AN) sehen links aus, sind aber nach wie vor extrem rechts. Sie tragen Palästinensertücher, Che-Guevara-Shirts und schwarze Hoodies, hören Hip-Hop und Hardcore und sprayen Graffitis. Diese meist jüngeren Neonazis verstehen sich als revolutionäre Elite und als Trendsetter in der rechtsradikalen Szene. Warum sich diese neuen Rechtsextremen an Stil und Aktionsformen der radikalen Linken orientieren, erforscht der deutsche Politikwissenschaftler Jan Schedler.

Altbackene Nazi-Ästhetik

In der rechtsradikalen Szene in Deutschland haben sich laut Schedler zu Beginn der Neunzigerjahre zwei Strömungen entwickelt. Während sich die einen der NPD anschlossen, bildeten die anderen sogenannte «Freie Kameradschaften», die nur lose organisiert waren. Aus ihnen seien dann ab 2002 die Autonomen Nationalisten hervorgegangen.

Diese jungen Neonazis wandten sich von der als altbacken empfundenen traditionellen Nazi-Ästhetik ab. Stattdessen hätten sie Stil-Elemente aus dem Fundus der radikalen Linken übernommen, erklärt Schedler, der 2011 den Sammelband «Autonome Nationalisten. Neonazismus in Bewegung» herausgegeben hat.

«Symbole und Outfits in unserem Sinne interpretiert»

Mit der modischen Mimikry versuchen die Rechtsextremen, gezielt erlebnisorientierte Jugendliche anzusprechen. Dafür gehen die Autonomen Nationalisten sogar so weit, als cool empfundene englische Slogans zu verwenden («Smash Capitalism!», «Fight the system!»), was bei herkömmlich denkenden Nazis, die hartnäckig «Weltnetz» statt «Internet» schreiben, streng verpönt ist.

Axel Reitz beschrieb die Strategie der Autonomen Nationalisten vor seinem Ausstieg 2012 aus der rechtsradikalen Szene so: «Diese ‹Autonomen› kopieren den Stil und die Aufmachung der linken Strukturen und von linken bisher agitierten Jugendkulturen, dabei werden die bekannten Symbole und Outfits mit unseren Inhalten besetzt und in unserem Sinne interpretiert.»

Schwarzer Block von rechts

Rechtsextreme im klassischen Erscheinungsbild – Glatze, Springerstiefel, Bomberjacke – schrecken dagegen viele Jugendliche durch ihr martialisches Auftreten ab. Sie sind denn auch nur noch ein Teil der gesamten rechten Szene. Ohnehin gibt es auch unter jenen Rechtsradikalen, die nicht linke Stil-Elemente übernehmen, eine Tendenz zur Aufgabe dieses klar erkennbar rechtsextremen Outfits. Sie tragen dann Kleider der Marke Thor Steinar, die auf den ersten Blick nichts mit dem herkömmlichen rechtsextremen Outfit zu tun haben, Eingeweihten aber die Zugehörigkeit zur rechten Szene dennoch signalisieren (siehe Video unten).

Die Rechten kupfern bei den Linken aber nicht nur das Outfit ab, wie Schedler betont. Sie übernahmen auch zunehmend deren Aktionsformen. Ein Beispiel dafür ist das Auftreten in einem «Schwarzen Block», der bei Demonstrationen die Staatsmacht herausfordert und sich aufregende Strassenschlachten mit der Polizei liefert. Diese ursprünglich von linken Autonomen verfolgte Taktik ist mittlerweile von den Autonomen Nationalisten kopiert worden.

Die menschenverachtende Ideologie bleibt

Schedler konstatiert allerdings seit 2010 einen Rückgang der Gruppen, die sich selber als Autonome Nationalisten bezeichnen. Dafür sei deren Stil «auf breiter Front in der Szene angekommen». Dadurch habe sich die rechte Szene insgesamt modernisiert. Allerdings gilt das nur für das Outfit – die menschenverachtende Ideologie bleibt stets dieselbe.

Video: NPD-Abgeordnete werden wegen Thor-Steinar-Kleidung aus dem sächsischen Landtag ausgeschlossen

(Quelle: Youtube/ExtractOfPinealGland)