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Auch im Erwachsenenalter
24. November 2012 09:29; Akt: 24.11.2012 09:29 Print
Ritalin kann Kriminelle zähmen
Menschen mit ADHS begehen häufiger eine Straftat als andere - das ist bereits bekannt. Jetzt hat sich gezeigt, dass Betroffene bei Einnahme von Ritalin deutlich seltener kriminell werden.

Auch bei erwachsenen ADHS-Betroffenen könnte eine medikamentöse Behandlung nützen. (Bild: Keystone)
Eine Behandlung mit Medikamenten wie Ritalin kann Erwachsene mit einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) davor bewahren, eine Straftat zu begehen. Die Ergebnisse einer schwedische Studie legen nahe, dass Personen mit ADHS über das Kinder- und Jugendlichenalter hinaus von einer Medikamentierung profitieren könnten.
ADHSSchätzungsweise zwei bis sechs Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden an einer Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS). Sie sind unaufmerksam und unkonzentriert, leiden an motorischer Unruhe und können ihre Impulse nur schwer kontrollieren. Die Ursachen von ADHS sind sehr komplex. Neurobiologen erklären die Störung mit Veränderungen im Hirnstoffwechsel. Sie vermuten einen Mangel des Botenstoffs Dopamin im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Verantwortlich dafür ist demnach eine erhöhte Aktivität des Dopamin-Transporter-Proteins, das den Signalstoff aus dem Spalt zurück in die Nervenzellen pumpt. Der Wirkstoff Methylphenidat blockiert das Protein, so dass mehr Dopamin im synaptischen Spalt verbleibt.
Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass Erbanlagen bei weitem am meisten zu ADHS beitragen. Sie beeinflussen das Erkrankungsrisiko zu rund 70 Prozent. Hinzu kommen Umwelteinflüsse. Sehr früh geborene Kinder sind extrem gefährdet. Auch der Konsum von Alkohol und Nikotin während der Schwangerschaft steigert die Wahrscheinlichkeit, ebenso Umweltgifte wie etwa Blei. Aufsehen erregte vor einigen Jahren eine Studie im Fachblatt «The Lancet»: Demnach können Lebensmittelzusätze wie etwa Farbstoffe bei Kindern Unruhe und Konzentrationsschwäche fördern.
Für die in der aktuellen Ausgabe des Fachblattes «New England Journal of Medicine» veröffentlichte Untersuchung werteten Wissenschaftler um Paul Lichtenstein vom Karolinska-Institut in Stockholm die Daten von rund 16'000 Männern und 10'000 Frauen im Alter von 15 Jahren und älter aus, bei denen ADHS diagnostiziert worden war. Aus den Unterlagen ging hervor, ob ihnen Medikamente gegen Hyperaktivität verschrieben worden waren oder nicht. Hinzugezogen wurden Gerichts- und Gefängnisakten der Jahre 2006 bis 2009; bei Straffälligen wurde geprüft, ob sie zum Zeitpunkt der Straftat medikamentiert worden waren.
Ergebnis: Rund 37 Prozent der Männer (Frauen: 15 Prozent) mit ADHS waren in dem Vierjahreszeitraum mindestens einmal straffällig geworden, in der ADHS-freien Kontrollgruppe waren es neun Prozent (Frauen: zwei Prozent). Erhielten die Personen mit ADHS Medikamente, verringerte sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie straffällig wurden, bei Männern um 32 Prozent und bei Frauen um 41 Prozent.
Vor allem Einbruchs- und Diebstahlsdelikte
Bei den Straftaten handelte es sich überwiegend um Einbruchs- und Diebstahlsdelikte. Er sei überrascht, wie sehr sich die Medikamentierung ausgewirkt habe, sagte William Cooper von der Vanderbilt-Universität in Nashville, der zu ADHS geforscht hat, an der im «NEJM» veröffentlichten Untersuchung aber nicht beteiligt war.
Bisher sei ADHS wahrgenommen worden als eine Störung von Kindern und Jugendlichen, man sei davon ausgegangen, dass im höheren Alter Medikamente nicht mehr notwendig seien, sagte Cooper. «Wir fangen erst jetzt an zu verstehen, dass ADHS für viele Menschen ein Zustand ist, der wirklich das ganze Leben lang andauert.»
Verhalten äusserte sich Philip Asherson vom Institut für Psychiatrie am King's College in London. ADHS-Medikamente würden Betroffenen helfen, ihren Alltag besser zu organisieren und impulsives Verhalten besser in den Griff zu bekommen, sagte er. Ausserdem führe eine Medikamentierung dazu, dass Betroffene regelmässig in therapeutischer Behandlung seien. Nicht zwangsläufig seien es die Medikamente allein, die die Wahrscheinlichkeit straffälligen Handelns verringerten.
Aber auch er schlussfolgert aus der Studie, dass ADHS-Medikamente häufiger verschrieben werden sollten. «Die Studie bringt den Nachweis einer Beziehung zwischen ADHS und Kriminalität und dafür, dass Medikamentierung eine Auswirkung auf Strafanfälligkeit hat.»
(dapd)

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