Rätselhafter Giftmord

23. Februar 2017 10:02; Akt: 23.02.2017 10:22 Print

Was tötete Kim Jong-nam in so kurzer Zeit?

von Fee Riebeling - Kim Jong-nam hatte Glück im Unglück: Sein Todeskampf dauerte nur kurz. Andere Giftopfer litten länger.

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Kim Jong-nam, der Halbbruder des nordkoreanischen Machthabers, ist tot. Er ist auf dem Flughafen von Kuala Lumpur offenbar einem Giftmord zum Opfer gefallen. Die Aufnahmen der lokalen Überwachungskameras ... ... zeigen zwei Frauen, die sich Kim aus verschiedenen Richtungen nähern. Eine von ihnen scheint ihn dabei von hinten zu umgreifen und für einige Sekunden etwas über seinen Mund zu halten. Laut einer Autopsie könnten sie ihm das Nervengas VX verabreicht haben. So mysteriös der Fall auch ist: Kim Jong-nam ist bei weitem nicht der Erste, der einem Giftmord zum Opfer gefallen ist. Schon im alten Rom wurden so unliebsame Menschen um die Ecke gebracht. Obwohl es im alten Rom Vorkoster gab, erwischte es . Claudius' Mörder wurde nie gefasst. Verdächtigt wurden unter anderem seine Gattin Agrippina (Statue im Bild), sein Vorkoster, der Eunuch Halotus sowie sein Leibarzt Gaius Stertinius Xenophon. Möglich ist aber auch, dass das Pilzgericht einfach verdorben war. Auch der Philosoph starb durch Gift. Allerdings wurde er im Jahr 399 nicht Opfer einer hinterlistigen Attacke. Vielmehr war er durch den Gerichtshof Athens offiziell zum Tod durch den Schierlingsbecher verurteilt worden – angeblich, weil er sich gegen die Götter versündigt und die Jugend verdorben hatte. Hauptbestandteil des Giftbechers war der Gefleckte Schierling (Conium maculatum). Dieser enthält das Nervengift , das von den Füssen aufsteigend die Skelettmuskulatur lähmt und damit schliesslich auch die Atemmuskulatur – Sokrates erstickte. Die Bremerin tötete. Als ihr die Substanz ausging, gab sie zunächst einige Jahre Ruhe. Dann hörte sie zum ersten Mal von , einer Art Schädlingsvernichtungsmittel, das aus Butterschmalz und Arsen bestand. Dieses mischte sie sieben weiteren Personen unter das Essen. Zum letzten Mal im Jahr 1827. Ein Jahr später wurde sie überführt, 1831 dann öffentlich gehängt. Auch war ein Giftmörder. Zwischen 1897 und 1901 tötete der gebürtige Pole drei Frauen. Sein Vorgehen war dabei immer dasselbe: Erst liess er die Frauen nach aussen so tun, als ob sie seine Ehefrauen wären. Mit der Zeit begann sich dann deren Gesundheitszustand zu verschlechtern, bis sie schliesslich starben. Das erreichte er mit dem Stoff , der so giftig ist wie Blei oder Arsen und zudem als krebserregend gilt. Im Jahr 1902 wurde Chapman schliesslich überführt und zum Tod durch Hängen verurteilt. Das Urteil wurde im darauf folgenden Jahr vollstreckt. 1957 wurde der ukrainische Nationalist und Dissident ins Gesicht gespritzt. (Im Bild: Lew Rebet in Auschwitz, 1941) Das hochwirksame Gift wurde ihm mithilfe eines neuartigen, röhrenförmigen Instruments ins Gesicht geblasen (im Bild). Dieses lähmte Rebets Atmungsorgane innert kurzer Zeit. Das Perfide: Bereits nach wenigen Minuten hatte sich die Substanz verflüchtigt und hinterliess keine Spuren. Das gleiche Schicksal – gleiche Waffe, gleiches Gift, gleiche Stadt, gleicher Täter – ereilte zwei Jahre später auch den ukrainischen Nationalistenführer , der seit 1946 unter dem Namen Popel in Bayern lebte. Wie bei Rebet reichte auch bei Bandera ein einziger Atemzug, um die tödliche Dosis Blausäuregas aus der «KGB-Giftpistole» aufzunehmen. Erneut hatte Bogdan Staschinski den Abzug betätigt. Und das wie zwei Jahre zuvor im Auftrag des KGB. Dass Giftmörder bei ihren Taten mitunter auf Innovationen setzen, zeigt auch der Fall des bulgarischen Dissidenten, der 1978 ums Leben gebracht wurde. Markow wartete in London auf den Bus, als er einen Stich am Bein spürte. Er drehte sich um – und erblickte den Regenschirm seines Nachbarn in der Warteschlange. Drei Tage später war er tot. In seinem Oberschenkel fanden die Ärzte ein winziges Kügelchen, das mit (Ricinus communis) präpariert war. Es wirkt vor allem auf den Magen-Darm-Trakt und bringt die Zellen zum Absterben. Als Täter gilt ein Agent des bulgarischen Geheimdienstes. Offiziell starb Staatspräsident 1993 an Herzversagen. Seine Familienangehörigen glaubten jedoch nie an einen natürlichen Tod. Sie waren davon überzeugt, dass Özal von politischen Gegnern vergiftet worden sei. Sie gaben keine Ruhe, ... ... bis Özals Leichnam 2012 exhumiert wurde. Der Bericht der Mediziner nennt vier gefundene Giftstoffe, darunter ein zehnfach erhöhter Wert des Insektizids. (Im Bild: DDT wird zur Kartoffelkäferbekämpfung versprüht, 1953) Kein konkretes Opfer hatten die Mitglieder der japanischen Sekte (Aum-Sekte) im Auge, als sie am 20. März 1995 zur Hauptverkehrszeit einen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn verübten. Dafür hatten sie in fünf im Bahnhof Kasumigaseki zusammentreffenden Pendlerzügen ... ... in Zeitungspapier eingewickelte Kunststoffbeutel deponiert, die das Nervengift enthielten. Die austretenden Dämpfe verbreiteten sich in den betroffenen U-Bahnen und circa 15 U-Bahn-Stationen. Bei dem Anschlag starben zwölf Menschen, Tausende wurden verletzt. 1997 versuchten israelische Geheimdienstagenten als Kanadier getarnt in Amman den politischen Chef der Hamas, , umzubringen. Zwar gelang den Agenten, das Gift gegen Maschal zu verwenden, doch noch bevor sie die tödliche Dosis verabreichen konnten, wurden sie gefasst. Auf Wunsch des jordanischen Königs Hussein I. schickte die israelische Regierung schliesslich einen Arzt, der das richtige Gegengift in seinem Koffer mitbrachte. So konnte das Leben des Attentatsopfers gerettet werden. Welche toxische Substanz damals zum Einsatz kam, ist nicht bekannt. Der islamistische Feldkommandant überlebte mehrere Kriege, darunter den Bürgerkrieg in Tadschikistan, nicht aber den vergifteten Brief, der ihm 2002 im Auftrag des russischen Inlandsgeheimdienstes FSB übergeben worden war. Um welches Gift es sich handelte, ist nicht gänzlich geklärt. Fest steht aber, dass es ein gewesen sein muss, möglicherweise Sarin. Offiziell starb der Duma-Abgeordnete und Journalist 2003 an einem Hirnödem. Doch seine Parteifreunde bezweifelten das. Schliesslich hatte Schtschekotschichin über den zweiten Tschetschenienkrieg und die Ver­bindung von Staat und Mafia recherchiert. Bis heute sind sie überzeugt davon, dass der Allergiker Schtschekotschichin mit einem starken vergiftet wurde. Um was es sich dabei gehandelt haben könnte, ist völlig unklar. Eine Untersuchung blieb ohne Ergebnis. Der indonesische Menschenrechts- und Anti-Korruptions-Aktivist Munir verabreicht bekommen hatte. Drei Verdächtige wurden später festgenommen und der Hauptverdächtige, der frühere Pilot Pollycarpus Priyanto von der staatlichen Airline Garuda Indonesia, zu 14 Jahren Haft verurteilt. Er hatte während des Flugs Munirs Orangensaft vergiftet. Mit dem Schrecken davon kam 2004 der ukrainische Reformpolitiker . Nach einem Essen mit Vertretern des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes verschlechterte sich sein Zustand rapide: Er litt unter Unterleibs- und Rückenschmerzen, gelähmten Gesichtsmuskeln und ... ... Erbrechen. Dazu gesellten sich eine Chlorakne, die sein Gesicht entstellte. Später zeigte sich, dass ihm verabreicht worden war, das als das gefährlichste aller Dioxine gilt und unter anderem im «Agent Orange» vorkommt, jener Chemikalie, die das US-Militär im Vietnamkrieg zur Entlaubung des Dschungels einsetzte. (Im Bild: Agent-Orange-Einsatz über dem Mekong-Delta, 1969) Nicht immer ist klar, welches Gift eingesetzt wurde. So wie bei , der 2004 in St. Petersburg ermordet wurde. Fest steht nur: Der ehemalige Leibwächter der Putin-Familie starb nach drei Wochen Krankheit an einer starken Verstrahlung am Rückenmark, wie die Autopsie ergab. «Es war, als ob das Immunsystem einfach ausgeschaltet worden wäre», sagte Zepows behandelnder Arzt. Die schwammigen Diagnosen: Motiv soll eine Abrechnung der Petersburger Unterwelt gewesen sein, als deren Pate Zepow galt. 2004 starb Palästinenserführer – woran, ist nach wie vor nicht geklärt. Da seine Witwe damals eine Obduktion ablehnte, blieb die Todesursache im Dunkeln. Zwar scheint der Verdacht, er könne mit Polonium radioaktiv vergiftet worden sein, inzwischen weitgehend ausgeräumt, ... ... die Ermittlungen, an denen auch Experten des Unispitals Lausanne beteiligt waren, geben aber Anlass zu Spekulationen, dass Krankheit und Alter nicht der Grund waren. Die Palästinenser verdächtigen Israel seit Jahren, Arafat ermordet zu haben. Das weist Israel aber zurück. (Im Bild: das Grab Arafats) 2006 starb MI6-Mitarbeiter und Putin-Kritiker an den Folgen einer Vergiftung, die nach heutigem Kenntnisstand Wladimir Putin «wahrscheinlich gebilligt» hat, wie es im Abschlussbericht der Untersuchungen heisst. Litwinenko starb qualvoll an einer Vergiftung mit . Während der letzten drei Wochen seines Lebens litt er zunächst an Durchfällen, Übelkeit und Erbrechen. Später fielen ihm die Haare aus und sein Immunsystem brach zusammen. Das Gift wurde ihm wohl mit einer Tasse Tee verabreicht.

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Fehler gesehen?

Auch eine Woche nach dem mutmasslichen Giftmord an Kim Jong-nam sind viele Fragen offen: Nicht nur ist völlig unklar, wer hinter der Attacke steckt, sondern auch, welche Substanz den Halbbruder von Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un tötete.

Noch nicht einmal Toxikologen wagen eine Diagnose: «Aufgrund der bis jetzt vorliegenden Hinweise sind Annahmen bezüglich dem möglicherweise verwendeten Gift äusserst spekulativ», schreibt Christine Rauber-Lüthy, stellvertretende Direktorin und leitende Ärztin bei Tox Info Suisse auf Anfrage von 20 Minuten. Grund für die Zurückhaltung seien die mageren bekannten Informationen.

Starkes Nervengift unter Verdacht

«Bei einem Gift, das innerhalb kürzester Zeit zum Tod führt, gesprüht wird und keine Symptome bei den anderen Personen verursacht, müsste es sich um ein hochtoxisches Aerosol handeln, das rasch über Haut und Atemwege aufgenommen wird», vermutet die Expertin. «Beispielsweise ein starkes Nervengift, eventuell vom Typ Cholinesterasehemmer.» Als Cholinesterasehemmer wirken zum Beispiel Kampfstoffe wie Sarin oder VX. Sie führen zu Krämpfen unter anderem des Magen-Darm-Traktes und anschliessend zum Tod durch Atemstillstand.

Allerdings gibt Rauber-Lüthy zu bedenken: «Auch dann würde es erstaunen, dass keine Menschen in der Umgebung oder die Rettungskräfte betroffen sind.»

Viele Verdächtige

Auch der deutsche Kriminalbiologe Mark Benecke will sich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht äussern. Er verweist lediglich darauf, dass es unzählige Gifte geben würde, derer sich die Täter bedient haben könnten.

Gängige Substanzen, die in der Vergangenheit häufiger bei Giftmorden verwendet wurden (siehe Bildstrecke), schliesst er weitgehend aus: So hätte radioaktives Polonium auch die Verantwortlichen selbst gesundheitlich in Mitleidenschaft ziehen müssen. Blausäure hingegen passe nicht zu den Schmerzen, von denen Kim Jong-nam kurz nach dem Angriff berichtet habe.


Dieses Video soll den Angriff auf Kim Jong-nam zeigen. (Video: Tamedia/Reuters)

Die Machthaber von Nordkorea

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Peter am 23.02.2017 10:16 Report Diesen Beitrag melden

    Glück?

    Von Glück im Unglück kann man wohl kaum sprechen bei einem Tod. Er hätte wohl lieber gelitten und überlebt als den Tod gefunden.

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  • Agent Provocateur am 23.02.2017 10:42 Report Diesen Beitrag melden

    Moral der Geschichte

    Und keiner der Hintermänner oder Frauen geschnappt. Was lernen wir daraus? Wenn du jemanden aus dem Weg räumen willst, musst du Politiker werden.

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  • g.mattenberger am 23.02.2017 10:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Politisch gefakt

    Alles was uns an Resultaten, Abklärungen und Untersuchungen aufgetischt wird, ist politisch 100x zensiert und gefakt. Sowohl von Malaysia wie auch von Korea dürfen wir keine ehrliche und offene Informationen erwarten.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Kritik Ker am 23.02.2017 17:32 Report Diesen Beitrag melden

    Alles Spekulatius

    Die neuste Theorie, er hatte eine Nussallergie und die Damen haben Nussbutter ins Gesicht geschmiert.

  • Annabelle am 23.02.2017 16:57 Report Diesen Beitrag melden

    Was für eine Familie

    Was ist das für eine Familie, dieihre eigenen Familienangehörigen tötet oder töten lässt.

  • M.G. am 23.02.2017 14:14 Report Diesen Beitrag melden

    Wenn da wirklich Stoffe

    wie Tabun, Soman, Sarin oder VX im Spiel wären würde das bedeuten das Nordkorea über solche chemischen Kampfstoffe verfügt. Sarin wurde schon früher als die Atombombe des kleinen Mannes bezeichnet, es lässt sich ohne allzu grossen Aufwand herstellen. Und es wurde schon zu solchen Zwecken eingesetzt, der chilenische Diktator Pinochet liess sich vom Chemiker Berrios Sarin für seinen Geheimdienst herstellen der damit Attentate auf Oppositionelle verübte.

    • Matt am 23.02.2017 17:43 Report Diesen Beitrag melden

      Nahezu jedes Land

      hat geringe Mengen dieser Stoffe oder kann diese Stoffe in geringer Menge herstellen. Offiziell begründet wird dies mit der Erforschung von Abwehrmitteln. DIe Chemiewafffenkonvention verbietet lediglich die Massenproduktion.

    • Jimbo am 23.02.2017 20:53 Report Diesen Beitrag melden

      Unglaublich aber wahr:

      Sarin lässt sich leicht aus Zahnpasta herstellen.

    • Baselbieter am 24.02.2017 06:28 Report Diesen Beitrag melden

      Fluor

      Ja weil in beidem Fluor drin ist, so könnte man auch eine Teflonpfanne nehmen :-) ... In Wirklichkeit ist es aber nicht praktisch, da gibt es viel bessere Synthesewege die man sogar im WWW findet.

    • Jimbo am 24.02.2017 20:44 Report Diesen Beitrag melden

      @Baselbieter: Tut mir leid, aber

      sie haben leider keine grosse chemische Ahnung. Es geht nicht um das Fluor (Sie meinen vermutlich Fluorid), sondern das Aminfluorid. Und davon ausgehend ist es sehr leicht Sarin herzustellen. Und nein: Man könnte da definitiv keine Teflonpfanne hernehmen!

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  • Fragende am 23.02.2017 13:53 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Zyankali

    Vielleicht war es ja Zyankali? Das soll doch auch ganz schnell zum Tod führen.

    • studi am 23.02.2017 14:52 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Fragende

      zyankali ist zwar hochgiftig, doch bedarf es mehrerer gramm oral eingenommen um lethal zu wirken.

    • Dr. Gabber am 23.02.2017 16:41 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @studi

      nope. Die durchschnittliche lethale Dosis für einen Erwachsenen liegt bei ungefähr 140 Milligramm, bei oraler Aufnahme.

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  • Rolf am 23.02.2017 13:38 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Allgemeinwissen

    Wie so oft vieles falsch. Blausäure z.B. lähmt nicht die Atmungsorgane, sondern blockiert die Atmungskette. Das ist etwas gänzlich anderes. Ist Nachschlagen in Wikipedia wirklich zuviel verlangt von einem Redakteur?