90 Prozent sind bereit

17. März 2017 14:01; Akt: 17.03.2017 14:01 Print

Würdest auch du einen Menschen foltern?

Es ist ganz leicht, Menschen dazu zu bringen, andere zu quälen. Das zeigte 1961 das berühmte Milgram-Experiment. Nun wurde der Stromstossversuch wiederholt.

Bildstrecke im Grossformat »
Wenn sie die Anweisung erhalten, ist die Mehrheit der Menschen bereit, anderen Schmerz zuzufügen. Das zeigt eine Wiederholung des berüchtigten Milgram-Experiments mit 80 Teilnehmern durch polnische Forscher. (Im Bild: Szene aus dem Film «Experimenter») Nur ein Viertel der 80 Teilnehmer äusserte während des Experiments Zweifel, nur acht brachen es ab. Dagegen gingen 72 bis zur höchsten Stromstufe – obwohl sie davon ausgingen, dass sie ihrem Gegenüber ernsthaft Schmerzen zufügten. (Im Bild: Szene aus dem Film «Experimenter») Im Jahr 2016 ging ein britisch-belgisches Forscherteam der Frage nach, warum Menschen Befehle befolgen, Beim Experiment sassen sich zwei Probandinnen gegenüber, die sich abwechselnd entweder mit leichten Stromstössen oder mit einer Geldbusse bestrafen oder gar nichts tun sollten. In der Hälfte der Fälle kam die Anweisung dazu von den Versuchsleitern. In der anderen Hälfte wurde es den Teilnehmern selbst überlassen. Ergebnis: Die Probandinnen, die ihre Gegenüber aus freien Stücken quälten, nahmen die Konsequenzen ihres Tuns deutlich schneller wahr. Das zeigten die im EEG und Kernspin aufgezeichneten Hirnströme. Führten sie jedoch Anweisungen aus, waren die Ströme weniger aktiv. Die Resultate sprechen laut den Forschern dafür, dass die neuronale Verarbeitung einer Handlung im Gehirn tatsächlich abgeschwächt wird, sobald Zwang, Nötigung oder anderer Druck von aussen dazukommen. Das Gehirn scheint sich kognitiv von der Tat zu distanzieren. Die Forscher betonen aber, dass sie mit ihren Erkenntnissen keineswegs jene entschuldigen wollten, die sich damit herausreden wollten, dass sie bloss die Befehle Dritter ausführten. Denn die Geschichte habe gezeigt, dass es auch Menschen gebe, die dem Bösen Widerstand leisteten. (Im Bild: Szene aus «Schindlers Liste».) Dass nicht nur der Charakter, sondern auch die Umstände darüber bestimmen, ob an und für sich gute Menschen Grausames tun, zeigte 1971 der Psychologe Philip Zimbardo im Rahmen des sogenannten Stanford-Prison-Experiments. Der Film «Das Experiment» (2001) erzählt diese Geschichte.

Zum Thema
Fehler gesehen?

Der US-Psychologe Stanley Milgram führte 1961 ein Experiment durch, das weltweit für Aufsehen sorgte. Darin zeigte er, dass ein Grossteil der Menschen bereit ist, den Anweisungen von Autoritäten auch dann zu folgen, wenn sie im direkten Widerspruch zu ihrem Gewissen stehen (siehe Box).

Mehr als 50 Jahre später hat sich daran offenbar nichts geändert, wie Forscher der Universität Breslau im Fachjournal «Social Psychological and Personality Science» berichten. Die Wissenschaftler hatten untersucht, ob aus den Ergebnissen von damals Lehren gezogen wurden. Dafür wiederholten sie das Milgram-Experiment, entschärften es aber.

Stärker werdende Elektroschocks

Anders als beim Original reichten die angeblichen Elektroschocks, die die Teilnehmer verabreichen konnten, diesmal nicht bis zu den tödlichen 450 Volt, sondern nur bis zu 150 Volt. Zudem erhielten alle Probanden im Anschluss an den Versuch ein Gespräch mit einem geschulten Psychologen, der sie über den Inhalt des Experiments aufklärte.

Insgesamt rekrutierte das Team um Tomasz Grzyb 80 Männer und Frauen zwischen 18 und 89 Jahren und erzählte ihnen – wie beim Original – dass es darum gehe, zu testen, wie gut Strafen das Gedächtnis und das Lernen fördern. Dafür sollten sie die Rolle eines Lehrers einnehmen, der seine Schüler bei Fehlern mit vermeintlich immer stärker werdenden Elektroschocks strafen sollte.

Alle Teilnehmer wurden darüber aufgeklärt, dass sie jederzeit abbrechen und die versprochene Belohnung über 50 Zloty – umgerechnet rund 12,50 Franken – trotzdem behalten konnten. Allerdings: Wann immer die Probanden Anstalten machten, abzubrechen, ermunterten die Forscher sie freundlich, aber bestimmt, weiterzumachen.

Kaum Skrupel

Das Ergebnis erschreckt. Denn nur ein Viertel äusserte während des Experiments Zweifel oder Unbehagen, nur acht brachen es ab. Dagegen gingen 72 der 80 Teilnehmer bis zur höchsten Stromstufe – obwohl sie davon ausgingen, dass sie ihrem Gegenüber ernsthafte Schmerzen zufügten.

«Trotz der vielen Jahre, die seit Milgrams Originalexperiment vergangen sind, ist der Anteil der Menschen, die sich von einer Autorität zu so etwas bringen lassen, noch genauso hoch», so die Forscher. «Das illustriert die extreme Macht dieser Situation und zeigt, mit welcher Leichtigkeit sich Menschen zu etwas bringen lassen, das ihnen eigentlich widerstrebt.»


Das Milgram-Experiment hatte es in sich. (Video: Youtube/Facemann)


Der Film «Experimenter» (2015) basiert auf Milgrams Testreihe. (Video: Youtube/Movieclips Film Festivals & Indie Films)

(fee)

Kommentarfunktion geschlossen
Die Kommentarfunktion für diese Story wurde automatisch deaktiviert. Der Grund ist die hohe Zahl eingehender Meinungsbeiträge zu aktuellen Themen. Uns ist wichtig, diese möglichst schnell zu sichten und freizuschalten. Wir bitten um Verständnis.

Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Roger von der Erde am 17.03.2017 14:17 Report Diesen Beitrag melden

    Warum

    hätte sich auch etwas am Ergebnis seit damals ändern sollen.... noch immer wird Gehrosam anerzogen.

    einklappen einklappen
  • Zweifler am 17.03.2017 14:25 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Experiment

    Ich nehme jetzt mal an die Probanten wussten alle dass sie in einem Experiment sitzen. Wenn man unter so kontrollierten Umständen etwas für die Wissenschaft macht, ist die Bereitschaft natürlich grösser.

    einklappen einklappen
  • Ungehorsamer am 17.03.2017 14:23 Report Diesen Beitrag melden

    Kein Kadavergehorsam

    Wenn jemand einem meiner Familienmitglieder, insebesondere meinen Kindern etwas zufügt und ich disenen zu fassen kriege, greife ich zur Selbstjustiz. Und ich habe da je nach Art des Verbrechens so meine Ideen. Ich wäre also nicht ganz unvorbereitet und nicht ganz vorsatzlos. Hierzu brauche ich keinen Befehl.

    einklappen einklappen

Die neusten Leser-Kommentare

  • JackBauer am 18.03.2017 19:25 Report Diesen Beitrag melden

    Twenty Four

    In der Serie 24 wurde dieses Thema ziemlich ausführlich beleuchtet. Speziell nach den Ereignissen von 9/11 ist es eine zwiespältig Frage, auf die es keine gibt einfache Antwort gibt

  • Walter am 18.03.2017 15:29 Report Diesen Beitrag melden

    Menschen

    es gibt keinen Menschen, der im Leben nur Gutes tut. Es gibt drum auch keine guten, sondern nur böse Menschen. Nur mehr oder weniger böse Menschen.

    • Bill am 18.03.2017 17:42 Report Diesen Beitrag melden

      @Walter

      Es gibt weder gute noch böse Menschen, da gut und böse als Erklärung für menschliche Verhaltensweisen absolut nutzlose begriffe sind. Trotzdem ist es bezeichnend, dass Sie sämtliche Menschen als böse betrachten... Wieso diese willkürliche Einteilung? Ihr Argument könnte man genausogut umkehren und behaupten, es gäbe nur gute Menschen.

    einklappen einklappen
  • Basler am 18.03.2017 14:57 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Was Für eBlodsin

    Foltern und Bestrafung sind 2 paar Schuhe das eine hat mit dem andrem nichts gemeinsam

    • Karl Karli am 18.03.2017 18:45 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      @Basler

      Meine Frau macht beides mit mir. Manchmal mit, manchmal ohne Peitsche;-) viel schlimmer ist es wenn Sie Psychotherror macht..

    einklappen einklappen
  • [HazE]Büsi am 18.03.2017 12:55 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einen gibt es bei mir auch

    Ich würde nur dem Feuerteufel der unser Wochenendhaus auf dem Seltisberg abgefakelt hat nur zu gern Schmerzen zufügen! Einfach fremdes Eigentum zerstören und das wahrscheinlich noch aus Langeweile!

  • Peter am 18.03.2017 12:01 Report Diesen Beitrag melden

    Foltern hat seine Berechtigung

    Ich finde unter gewissen Umständen ist Foltern absolut legitim. Würde ein Gangsterduo meine Frau entführen und ich bekäme einen davon in die Hände, hätte dieser zwei Möglichkeiten. Entweder er sagt mir, wo meine Frau gefangen gehalten wird, oder ich würde ihm wirklich sehr weh tun. Das gleiche gilt natürlich, wenn jemand versucht viele Menschen zu töten und eine Information (z.B. wo sich die Bombe befindet) würde diese alle retten. Eine solche Person verliert von mir aus gesehen jegliche Menschenrechte. Foltern finde ich also unter gewissen umständen sogar sehr wichtig.

    • synapsis am 18.03.2017 23:07 Report Diesen Beitrag melden

      Ethik?

      Interessant, hoffentlich denkt der andere Entführer der deine Frau hat nicht genauso. Informationsbeschaffung durch Folter bringt nichts, man sagt Dir was du hören willst. Was unterscheidet den Dich von den Bösen wenn Du deren Methoden selber anwendest?

    einklappen einklappen