Freiwillig beim Atomtest

09. August 2012 21:37; Akt: 07.03.2018 15:16 Print

Zeugen der Detonation

von Philipp Dahm - Fünf Soldaten stehen in der Wüste, halten die Hand schützend vor die Augen. Dann explodiert über ihnen eine Atombombe. Das war 1957 in Nevada. Zwei Überlebende erinnern sich.

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Am 25. Mai 1953 wurde auf dem Testgelände in Nevada zum ersten Mal eine Atom-Artilleriegranate abgefeuert: Der Schuss der 280 Millimeter dicken M-65-Kanone, Spitzname «Atomic Annie», wurde automatisch ausgelöst. Das Projektil flog in 19 Sekunden elf Kilometer weit. Ein Private First Class überprüft einen Captain mit einem Geigerzähler: 5000 US-Soldaten wurden im März 1955 beim Mannöver «Desert Rock VI» auf dem Testgelände in Nevada eingestzt, während bei der «Operation Teapot» gleichzeitig nukleare Sprengköpfe gezündet werden. Die Soldaten wurden in verschiedenen Entfernungen zur Detonation platziert. In unmittelbarer Nähe wurden allerdings Dummys verwendet. Diese hier sollten die Wirkung einer Bombe testen, die auf am 8. April 1955 auf einem 120 Meter hohen Turm explodieren sollte. Am 15. April 1955 – nach wie vor läuft die «Operation Teapot» mit insgesamt 14 Tests – schauen sich Soldaten den Pilz einer 22-Kilotonnen-Bombe an. Die Sprengkraft entspricht der der Nagasaki-Bombe «Fat Man». Ein Abfangjäger vom Typ Convair F-106A «Delta Dart» mit seiner Bewaffnung. Neben vier Luft-Luftraketen AIM-4 Falcon konnten die Jets eine neue Waffe tragen: die AIR-2 «Genie». Diese ist eine ... ... Luft-Luft-Atomrakete, die 1956 ersten Tests unterzogen wurde. Hier wird der Flugkörper, der 3500 Kilometer pro Stunde erreicht, zum ersten und einzigen Mal abgefeuert. Das Datum: der 19. Juli 1957. Diese F-89J «Scorpion» der Montana Air National Guard schoss den Flugkörper ab, der auch «Ding-Dong» hiess. Ihre zwei Kilotonnen Sprengkraft waren verhältnismässig klein. Sowohl die Piloten des feuernden Jets ... ... als auch diejenigen im Begleit-Jet, einer Martin B-57 Canberra, wurden nach der Landung auf ihre Strahlenbelastung getestet. Die Aktion war Teil der «Operation Plumbbob», der längsten atomaren Testserie der USA, die von Mai bis Oktober 1957 dauerte. Diese fünf Air-Force-Angehörige, allesamt Freiwillige, erlebten am Boden mit, wie «Ding-Dong» ... ... in einer Höhe von 5800 Meter detonierte. Was wollten die USA aber mit einer ungelenkten, atomaren Luft-Luft-Rakete? Sie ist gebaut worden, weil die Sowjetunion mit der Tu-4 «Bull» Anfang der 50er endlich eine Antwort auf den amerikanischen Langstreckenbomber B-29 «Fortress» gefunden hatten. Moskau kopierte einfach das Vorbild aus Washington. Die Tu-4 wie auch die Tu-16 «Badger», die 1954 eingeführt wurde, hätten in grossen Verbänden die USA anfliegen können. Die «Ding-Dong» sollte diese Bomberflotten vom Himmel holen.

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Die fünf Männer stehen auf dem atomaren Testgelände der US-Streitkräfte in Nevada und schützen ihre Augen vor der stechenden Morgensonne. Es ist sieben Uhr pazifischer Zeit. Eine F-89J «Scorpion», gefolgt von einer B-37 «Canberra» rauscht heran. «Schau weg, Mann», sagt eine Stimme. Ein Countdown ertönt, eine Rakete wird abgefeuert. Dann explodiert über dem Quintett eine nuklearer Sprengkopf.

Die Fünf heissen Oberst Sidney Bruce, Oberstleutnant Frank Ball, Major Norman Bodinger, Major John Hughes und Major Don Luttrell. «Wir haben den Hitzeimpuls gespürt, ein sehr helles Licht. Ein Feuerball, er ist rot. Der Himmel darüber sieht schwarz aus. Es kocht dort über uns», beschreibt eine Stimme die Szene, die sich am 19. Juli 1957 auf Ground Zero der Nevada Test Site zugetragen hat. Erst dann erreicht der Schall der Detonation die Männer. Sie sind Freiwillige, die einen Atomtest über ihren Köpfen miterleben.


Fünf Männer stehen 1957 unter einem Atompilz. (Lassen Sie sich nicht verwirren: Die Angabe 10 000 Fuss ist falsch, wie Original-Dokumente belegen.) Quelle: YouTube/atomcentral

«Du riechst, wie das Fleisch brennt»

Nur Kameramann George Yoshitake wurde nicht gefragt, ob er der Strahlung in der Wüste ausgesetzt werden wolle. Rund 6500 Atom-Filme haben er und seine Kollegen für die US-Streitkräfte gedreht. «Recht viele von ihnen sind an Krebs gestorben», sagte der 84-Jährige der «New York Times». «Es gibt keine Zweifel, dass das mit den Tests zusammenhängt.» Er habe gefilmt, was die Strahlung mit der Haut von Schweinen anrichtete. «Einige quiekten noch. Du riechst, wie das Fleisch brennt. Es hat einen krank gemacht.»

Was aber ist aus den fünf freiwilligen Soldaten geworden, die er 1957 im Visier hatte? Nur einer von ihnen, Don Luttrell, lebt noch. Er ist 88 Jahre alt und hat einen Magenkrebs besiegt. Auch die anderen vier Soldaten hätten Karzinome gehabt, sagte Luttrell dem US-Sender CBS. Dennoch sind sie zum Teil sehr alt geworden: Hughes starb 1990 im Alter von 72 Jahren, Bodinger 1997 mit 75 Jahren, Ball 2003 mit 83 und Bruce 2006 mit 86 Jahren. Dass es so «glimpflich» abgelaufen ist, dürfte mit dem relativ kleinen Sprengkopf und der grossen Höhe zu tun haben, in der er explodierte.

«Ich werde die Baseballmütze für alle Fälle anziehen»

«Es war ein öffentlicher Stunt, um Amerika zu zeigen, wie sicher die Atombombe ist», erklärte Kameramann Yoshitake auf CBS. Bei «Fox» ergänzte Luttrell: «Die Öffentlichkeit hatte aus gutem Grund Angst.» Für ihn selbst galt das aber nicht. «Ich wusste, dass es okay sein würde. Wir alle dachten das.»

Yoshitake bestätigte: «Früher dachte keiner, dass man von Nukleartests Krebs bekommen kann. Ich fragte, welche Schutzkleidung ich bekäme, und sie sagten: keine. Ich hatte eine Baseballmütze dabei und meinte: Ich werde sie für alle Fälle lieber anziehen.» Der Film-Experte weiss aber, dass er «Teil der Geschichte» geworden ist – schon damals nach der Detonation: «Alle sind umhergelaufen und haben sich auf die Schulter geklopft. Wir zündeten Zigarren an.»

14 000 Soldaten abkommandiert

Der Atomtest mit Menschen als Versuchskaninchen in Nevada war keine Ausnahme. Tatsächlich begannen die US-Streitkräfte Anfang der 50er-Jahre damit, Soldaten zum Testgelände in Nevada abzukommandieren, wenn dort nukleare Explosionen stattfanden (siehe Bildstrecke). Bei der «Operation Pumbbob» von 1957, in deren Rahmen die Atomrakete getestet worden war, wurden zwischen April und Oktober insgesamt 24 Sprengköpfe gezündet. Das Verteidigungsministerium kommandierte dazu 14 000 Soldaten ab.


Am 17. März 1953 explodiert in Nevada eine Atombombe: Meistens sind solche Filme bearbeitet, aber hier wurde der Ton nicht verändert. Das heisst, dass Sie erst den Blitz sehen (bei 2:22), weil das Licht am schnellsten ist. Es dauert einige Sekunden, bis die Schallwellen die elf Kilometer Entfernung zurücklegen. So hört sich eine nukleare Explosion wirklich an. (Quelle: YouTube/RestrictedData)


Ein Atomtest in Nevada 1955 zeigt, wie verheerend die Wirkung nuklearer Sprengköpfe ist. (Quelle: YouTube/PeaceThroughStrength)


Nicht nur Soldaten wurden 1951 mit Atombomben konfrontiert, sondern auch die Zivilbevölkerung. Bert, die Schildkröte, erklärt in «Duck and Cover», was bei einem Nuklearangriff zu tun ist. (Quelle: YouTube/nuclearvault)