Christenverfolgung

22. August 2013 21:22; Akt: 22.08.2013 21:22 Print

Wer zündet Ägyptens Kirchen an?

Der Fall schien klar: Aus Wut über die blutige Niederschlagung ihres Protests setzten die Muslimbrüder die ägyptischen Kirchen in Brand. Christen vor Ort zweifeln an dieser Version.

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Hohe Vertreter der christlichen Minderheit in Ägypten haben aus ihrer Ablehnung des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi nie einen Hehl gemacht. Milliardär Nagib Sawiris, der Bruder von Andermatt-Investor Samih Sawiris, finanzierte die Opposition, Bischof Tawadros II. war an der Ansprache von Armeechef al-Sisi zugegen, als dieser Mursi absetzte. So war das Entsetzen, nicht aber die Überraschung gross, als nach dem blutigen Vorgehen gegen die Muslimbrüder überall in Ägypten Kirchen brannten: Die Muslimbrüder rächten den Verrat der ungläubigen Christen.

Inzwischen wachsen die Zweifel an dieser Version: «Wir haben keinerlei Beweise, dass die Muslimbrüder als Organisation hinter diesen Anschlägen stecken», zitiert die «Washington Post» einen anonymen westlichen Regierungsvertreter. Dieser geht davon aus, dass vielmehr islamistische Bürgerwehren für die brennenden Kirchen verantwortlich sind. Dass die Frage nach der Täterschaft offen ist, hat auch damit zu tun, dass die Behörden bislang keine einzige Untersuchung eingeleitet haben.

Polizei unternahm nichts gegen Angriffe

Auch die Untätigkeit der Polizei während der Angriffe wirft Fragen auf: «Normalerweise geht es lange, bis sie reagieren», sagte der Kopte Michael Kastour aus Minya, dessen Kirche vollständig zerstört wurde. «Aber an jenem Tag weigerte sie sich einzuschreiten», erinnert er sich. Er glaubt, dass die Sicherheitskräfte den Mob absichtlich gewähren liessen, um der Welt das wahre Gesicht der Islamisten zu zeigen.

Ahmed Al-Behairy, ein hochrangiger Vertreter der Muslimbrüder in Minja, bestritt gegenüber der «Washington Post», dass Muslimbrüder in die Angriffe auf Christen verwickelt sind. Einzelne Bürger hätten aus Rache auf Polizisten geschossen. Aber die Behauptung, Mursi-Anhänger hätten Kirchen angegriffen, sei «absolut unwahr». Er beschuldigte stattdessen «Schlägertrupps» der Brandstiftung.

Wer schickte die berüchtigten Schlägertrupps?

Im arabischen Wort für «Schlägertrupps» steckt viel politische Brisanz: «Baltagija» steht für apolitische Gangs, welche von den ägyptischen Sicherheitskräften angeheuert werden, um die schmutzige Arbeit zu erledigen. Sie erlangten während der Proteste 2011 internationale Bekanntheit, als ihre Mitglieder die Anti-Mubarak-Demonstranten auf dem Tahrir-Platz terrorisierten. Ihre Spezialität: sexuelle Gewalt.

Pikanterweise werden dieselben Vorwürfe aus der Ecke der Kopten erhoben: Ajub Jussef, Priester aus Minja, sagte in einem TV-Interview auf dem Sawiris-Sender ONtv, dass eben jene Baltagija seine Kirche geplündert und in Brand gesteckt habe. Mit anderen Worten: Die Sicherheitskräfte selbst stecken hinter der Gewalt gegen die Christen, um die Muslimbrüder in Verruf zu bringen.

Die Anhänger der Islamisten haben die Worte des Priesters genau registriert: Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan, dessen Grossvater die Muslimbruderschaft 1928 gegründet hat, lobte Ajub Jussef ausdrücklich: «Mutige und ehrliche Stimmen aus dem Lager der Kopten finden zunehmend Gehör», schreibt er auf Twitter.


(kri)