Die Welt nach Bin Laden

25. Dezember 2011 08:31; Akt: 25.12.2011 08:43 Print

«Die Amerikaner wollten keinen Prozess»

von Peter Blunschi - Die Tötung des Terrorfürsten durch US-Special Forces hat die Welt sicherer gemacht. Trotzdem wird Al Kaida nicht so schnell verschwinden, sagt der pakistanische Autor Ahmed Rashid.

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Der Führer des Terrornetzwerks Al Kaida wurde am 2. Mai 2011 von einer US-Sondereinheit in Pakistan erschossen. Bin Laden wurde in weniger als 100 Kilometer von Islamabad entfernt, aufgespürt und liquidiert. Einwohner von Abbottabad berichten, dass sich die Feuergefechte in diesem Anwesen zugetragen haben sollen. Bereits wenige Stunden nach seinem Tod wird - und zwar auf hoher See. Die USA wollen so verhindern, dass sein Grab eine Pilgerstätte wird. US-Präsident Barack Obama liess es sich nicht nehmen, In den frühen Morgenstunden des 2. Mai 2011 (Schweizer Zeit) trat er in Washington D.C. vor die Medien. Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer um den Globus. In den USA - wie hier - versammeln sich die Menschen und feiern den Tod Bin Ladens. Auch in Washington D.C. wird gefeiert. finden sich Tausende ein und skandieren «USA! USA!». Auf das Konto von Bin Laden geht eine ganze Reihe von Terrorakten, allen voran der Am gleichen Tag erfolgte der Angriff auf das Bei beiden Anschlägen - im Bild der Ground Zero in New York - fanden fast 3000 Menschen den Tod. Doch der Terror der Al Kaida beginnt nicht erst mit 9/11: Am ... und in der Hauptstadt Tansanias. Mindestens 224 Menschen sterben. Der Angriff auf den im jemenitischen Aden mit 17 Toten wird ebenfalls Al Kaida zugeschrieben. Auch nach den Anschlägen von New York schlug Al Kaida immer wieder zu, etwa am 191 Menschen fanden den Tod. Am Vier Selbstmordattentäter zünden in drei U-Bahn-Zügen und einem Bus Bomben. 56 Menschen starben. Nach dem 11. September 2001 wird Osama Bin Laden in den USA und vielen Ländern des Westens zum Noch im selben Herbst um die dortigen Al-Kaida-Ausbildungscamps zu zerstören und die regierenden fundamentalislamischen Taliban zu vertreiben. In auf Kuba errichten die USA ein Gefangenenlager für mutmassliche Al-Kaida-Kämpfer, das ausserhalb jeder Rechtsordnung geführt wird und deswegen in den folgenden Jahren im In- und Ausland immer wieder unter Beschuss gerät. Im Dezember 2001 erobern die Alliierten die Al-Kaida-Basis in Um ein Haar wäre ihnen dabei Osama Bin Laden in die Hände gefallen. Doch er kann sich nach Pakistan absetzen. Der Al-Kaida-Führer sollte für fast zehn Jahre der bleiben. Er kann sich dem Zugriff der US-Truppen und -Geheimdienste immer wieder entziehen. Am 20. Juni 2005 sagt CIA-Chef Porter Gos gegenüber dem Magazin «Time», er wisse, wo Bin Laden stecke. Geschnappt wird der Terrorfürst dennoch nicht. Auf Hinweise zum Verbleib des Al-Kaida-Führers setzt der US-Senat im Juli 2007 ein aus. Mehrmals meldet sich der Terrorfürst per so etwa am 7. September 2007. Er erwähnt darin unter anderem den damals frisch gewählten französischen Staatspräsidenten Nicolas Sarkozy, um die Aktualität des Videos zu beweisen. Nach Bin Ladens Tod steigt die langjährige zum neuen Führer der Al Kaida auf, ... ... – und damit zum meistgesuchten Terroristen der Welt.

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Osama Bin Laden ist tot. Ist die Welt nun sicherer geworden?
Ahmed Rashid:
Al Kaida ist immer noch da. Aber ich denke schon, dass die Welt sicherer geworden ist. Osama Bin Laden war der Gründer und Führer von Al Kaida, die wichtigste Inspiration für die Terroristen, er hinterlässt eine grosse Lücke. Dennoch ist Al Kaida weiterhin aktiv, in Jemen, Somalia und sogar in Deutschland und Schweden. Es gibt immer noch Militante, die zu Anschlägen fähig sind. Bin Ladens Vermächtnis wird die muslimische Welt noch für eine Generation belasten.

Was dachten Sie, als Sie erführen, dass Osama Bin Laden unbehelligt mitten in Pakistan gelebt hat?
Ich habe schon lange geschrieben, dass er sich wahrscheinlich in Pakistan versteckt hält, deshalb war ich nicht wirklich erstaunt. Eine grosse Überraschung war allerdings, dass er sich in Abbottabad befand, in der Nähe des Militärs. Ich bin wie die meisten Beobachter davon ausgegangen, dass er sich in einer entlegenen Region wie Wasiristan aufhält.

Das erhärtet den Verdacht, das er von Kräften in Pakistan beschützt wurde.
Da bin ich mir sicher, aber wir wissen nicht von welchen Kräften, ob vom Militär oder von den Geheimdiensten. Bin Ladens Leute haben im Ort ja ganz offen eingekauft und Dinge für ihn erledigt. Es gibt jetzt eine Untersuchung in Pakistan, sie wird hoffentlich enthüllen, welche Art Hilfe er erhalten hat.

Der Geheimdienst ISI wird immer wieder als Hauptverdächtiger genannt.
Dieser Verdacht besteht. Man weiss nur nicht, ob er von «ganz oben» beschützt wurde. Vielleicht waren es auch nur Leute aus den niedrigeren Diensträngen.

War es richtig, Bin Laden zu töten, oder hätten Sie ihn lieber vor Gericht gesehen?
Ich hätte natürlich das Gericht bevorzugt. Wir hätten dann mehr erfahren können über Al Kaida und Bin Laden selbst. Aber es war auch klar, dass die Amerikaner keinen Prozess wollten. Sie hätten ihn dann wohl für längere Zeit in Guantánamo einsperren müssen. Ausserdem bestand die Gefahr, dass er mit einem Auftritt vor Gericht zum Märtyrer geworden wäre.

Welchen Stellenwert hatte Bin Laden für die Muslime am Ende seines Lebens?
Sein Einfluss hat sich stark vermindert. Osama Bin Laden besass nicht mehr den gleichen Status wie nach den Terroranschlägen von 2001. In einigen Regionen ist er sogar fast vergessen. Das gilt nicht für jene Teile der Welt, in denen es immer noch zu Selbstmordattentaten kommen, wie Afghanistan, Pakistan oder Irak. Insgesamt aber war er keine Lichtgestalt mehr.

Sie haben nach seinem Tod geschrieben, man müsse mit Racheakten rechen. Allzu viel scheint aber nicht passiert zu sein.
Es fanden keine spektakulären Anschläge statt. Aber gerade in Pakistan gab es dennoch viele Terrorakte. Und auch im Westen wurden diverse Anschlagspläne entlarvt, in Dänemark, Schweden, Grossbritannien, den USA. Nur mit viel Glück ist nichts Schlimmes passiert.

Sind die Sicherheitskräfte im Westen aufmerksamer?
Das ist mit Sicherheit so. Die Wachsamkeit ist viel grösser als früher.

Sie haben Bin Ladens Tod als möglichen Wendepunkt im Verhältnis zwischen den Muslimen und der westlichen Welt bezeichnet. Was ist daraus geworden?
Es hätte einer sein können. Aber dafür bräuchte es eine klare Politik der USA und der Nato in Afghanistan und Pakistan. Diese Chance hat man bislang nicht genutzt, und das ist eine echte Tragödie, denn sie verheisst nichts Gutes für die Zukunft. Das Verhältnis zwischen Pakistan und den USA ist derzeit sehr schwierig, es gibt zu viele Spannungen. Beide Seiten müssen mehr tun und aufeinander zugehen, auch im Hinblick auf den für 2014 geplanten Abzug aus Afghanistan.

Bei den Aufständen in der Arabischen Welt spielte Al Kaida aber keine Rolle.

Der arabische Aufstand hat Al Kaida überrollt, gleichzeitig jedoch sind die Islamisten im Kommen. Man muss abwarten, wie sich das entwickeln wird. Entscheidend wird sein, ob die islamistischen Parteien die Bedürfnisse der Menschen erfüllen können. Wenn nicht, dann erhalten vielleicht die demokratischen Bewegungen eine Chance. Diese sind noch zu schwach, um eine führende Rolle spielen zu können. Der ganze Prozess wird Zeit brauchen.

Zwei Schweizer Touristen befinden sich in der Gewalt der pakistanischen Taliban. Wie könnte sich dieses Drama entwickeln?
Die Gefahr besteht, dass sie von den Taliban an Al Kaida weiter gereicht werden. In diesem Fall könnten Forderungen gestellt werden, welche die Schweizer Regierung einfach nicht erfüllen kann.

Das klingt nicht sehr optimistisch.
So ist es, man müsste sich dann grosse Sorgen machen.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Skeptiker am 25.12.2011 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Witz

    Die Welt soll nun sicherere sein? Dass ich nich lache!

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  • Mr. X am 25.12.2011 23:25 Report Diesen Beitrag melden

    Bevölkerung

    Mal ehrlich. Alle reden immer über Afghanistan und Irak und wie schlimm das dort momentan ist. Aber auch andere Länder haben Kriege hintersich und die haben Ihr Land selbst wieder aufgebaut. Es muss halt schon auch was aus der Bevölkerung kommen...

  • Markusschläpfer am 26.12.2011 00:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Al-kaida überall???

    Al keida wird überall immer gesagt, wenn es chlöpft, dabei stimmt es grösstenteils gar nicht. Schon gadaffi sagte dies und dann assad und jetzt auch im sudan und myramar, fehlt nur noch, dass auch nordkorea die al-kaida als unruhestifter beschuldigt!

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Markusschläpfer am 26.12.2011 00:40 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Al-kaida überall???

    Al keida wird überall immer gesagt, wenn es chlöpft, dabei stimmt es grösstenteils gar nicht. Schon gadaffi sagte dies und dann assad und jetzt auch im sudan und myramar, fehlt nur noch, dass auch nordkorea die al-kaida als unruhestifter beschuldigt!

    • Peter am 28.12.2011 09:57 Report Diesen Beitrag melden

      Gute Ausreden

      Ich erinnere mich an die Zeit als die RAF in Deutschland aktiv war. Da wurde auch noch jahrelang alles und jedes der RAF angehängt, obwohl sie, wie man später erfuhr, schon lange nicht mehr aktiv war.

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  • Mr. X am 25.12.2011 23:25 Report Diesen Beitrag melden

    Bevölkerung

    Mal ehrlich. Alle reden immer über Afghanistan und Irak und wie schlimm das dort momentan ist. Aber auch andere Länder haben Kriege hintersich und die haben Ihr Land selbst wieder aufgebaut. Es muss halt schon auch was aus der Bevölkerung kommen...

  • Luka am 25.12.2011 19:18 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Unmöglich

    Oh Gott wann hört das Zeug mal auf? Der meistgesuchte Mann der Welt... Man hat (...) ihn gefunden und gleich getötet? Klar und die Welt ist so blöd und glaubt den Amerikanern alles...

  • jemand am 25.12.2011 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    schon wieder

    diese *Experten* sind nicht mehr zu ertragen. nichts ist sicherer

    • JR am 25.12.2011 20:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      Experte

      Wenn sie etwas über Pakistan lernen wollen, sind sie bei Ahmed Rashid an der richtigen Stelle. Ihn als Experte zu bezeichnen ist schon fast eine Untertreibung.

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  • Skeptiker am 25.12.2011 08:50 Report Diesen Beitrag melden

    Witz

    Die Welt soll nun sicherere sein? Dass ich nich lache!

    • Becks am 25.12.2011 12:08 Report Diesen Beitrag melden

      Brecht

      Sehe ich auch so. Erinnert mich an Brechts "Fragen eines lesenden Arbeiters": "Der junge Alexander eroberte Indien. Er allein?"

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