Religiöse Motive

23. April 2013 00:54; Akt: 23.04.2013 08:49 Print

Boston-Bomber wollten «den Islam verteidigen»

Die beiden mutmasslichen Attentäter fochten offenbar ihren eigenen Glaubenskrieg aus – Tamerlan Zarnajew wurde auch gegen assimilierte Moslems ausfällig. Die Brüder operierten als Einzeltäter.

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Dschochar Zarnajew (mit weisser Mütze) und sein Bruder Tamerlan (rechts von ihm) handelten offenbar aus religiösen Motiven - und richteten am Boston Marathon ein Blutbad an. (Bild: Keystone/bob Leonard)

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Der Bombenanschlag auf den Marathonlauf in Boston ist nach Angaben aus US-Sicherheitskreisen das Werk von zwei aus Tschetschenien stammenden Einzeltätern, deren Motiv in ihrem islamischen Glauben wurzelte. Verbindungen zu einer muslimischen Terrorgruppe hatten die mutmasslichen Täter Dschochar und Tamerlan Zarnajew nach den Informationen von zwei Gewährsleuten in Washington aber offenbar nicht.

Einen Hinweis auf das möglicherweise islamistische Gedankengut der Zarnajews gibt ein Vorfall in einer Bostoner Moschee. Tamerlan Zanarjew, der bei einer Verfolgungsjagd am vergangenen Freitag ums Leben kam, war durch Wutausbrüche bei zwei Predigten aufgefallen. Das teilte die Islamische Gesellschaft des Bostoner Kulturzentrums am Montag mit. Der ältere der beiden Brüder habe im November mit einem Prediger gestritten. Dieser hatte Muslime ermutigt, amerikanische Institutionen wie den Nationalfeiertag am 4. Juli und Martin Luther King zu feiern.

Im Januar kam Zanarjew dann wieder zu einem Gottesdienst und habe einen Älteren als Heuchler beschimpft, weil dieser Martin Luther King gelobt hatte. Versammlungsteilnehmer hätten ihn darauf angeschrien und aufgefordert, zu gehen. Danach habe es keine Zwischenfälle mehr gegeben, Zanarjew sei weiterhin zu Gebeten und Gottesdiensten gekommen.

Chronologie eines spektakulären Einsatzes:

(Video: SnackTV)

Zarnajew konnte nur nicken und «No» murmeln

Der schwer verletzte Zarnajew befand sich am Montag nach Behördenangaben in einem ernsten, aber stabilen Zustand. Er kam erstmals zu Bewusstsein, konnte aber wegen einer Schusswunde am Hals nicht sprechen. Er wurde in seinem Krankenzimmer in der Klinik Beth Israel dem Haftrichter vorgeführt. Ihm droht die Todesstrafe.

Die «New York Times» veröffentlichte online das Protokoll der Einvernahme. Auf die Frage, ob er in der Lage sei, einige Fragen zu beantworten, nickte Zarnajew. Das einzige Wort, das er offenbar sagen konnte, war ein «Nein» – auf die Frage hin, ob er sich einen Anwalt leisten könne.

Wie der US-Sender CNN unter Berufung auf Regierungsbeamte berichtet, habe der 19-Jährige den Ermittlern zu verstehen gegeben, dass sein älterer Bruder die treibende Kraft hinter Planung und Ausführung des Anschlags gewesen sei und dass der 26-Jährige mit der Tat den Islam habe verteidigen wollen.

Vier Menschen getötet

Dschochar und sein getöteter Bruder Tamerlan sind tschetschenischer Abstammung und gelten als Hauptverdächtige der Bombenanschläge auf den Marathon von Boston, bei denen vor einer Woche drei Menschen getötet und mehr als 180 verletzt wurden. Zudem soll das Duo an der Eliteuniversität MIT einen Polizisten erschossen haben.

Bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei wurde der 26-jährige Tamerlan im Feuergefecht schwer verletzt und erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Dschochar wurde nach einer Grossfahndung lebend gefasst, hat aber ebenfalls mehrere Schusswunden – am Kopf, am Hals, an den Beinen und an einer Hand.

Verdächtig ruhig nach der Explosion

Im Bericht der Bundespolizei FBI für die Gerichtsunterlagen heisst es, Dschochar Zarnajew sei von Überwachungskameras dabei gefilmt worden, wie er einen Rucksack nahe der Stelle der zweiten Explosion ablegte und dann sein Handy benutzte. Sekunden später gab es die erste Explosion und Panik ergriff die Menge.

Zarnajew aber – im Gegensatz zu allen neben ihm befindlichen Menschen – wirkte ruhig und ging schnell weg, schrieb das FBI, das keine Angaben zum Motiv der Brüder machte. Aus dem Bericht ging auch nicht hervor, ob Zarnajew mit seinem Handy die Explosionen auslöste oder mit jemandem sprach.

(hhs/sda)