Abzug aus dem Irak

16. Dezember 2011 18:04; Akt: 16.12.2011 18:04 Print

Ein ungeliebter Krieg geht zu Ende

von Peter Blunschi - Die US-Armee hat ihre Flagge im Irak eingeholt. Fast neun Jahre nach der Invasion zieht sie ab. Zurück bleibt ein Land, das vor einer ungewissen Zukunft steht.

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Am 20. März 2003 begann der Irak-Krieg mit Luftangriffen auf Bagdad. Offiziell dauerte er nicht einmal sechs Wochen, doch aus dem vermeintlich schnellen Sieg entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der die USA und den Irak traumatisierte. US-Präsident George W. Bush und die «Koalition der Willigen» begründen den Angriff damit, dass sich der Westen vor den Massenvernichtungswaffen des irakischen Machthabers Saddam Hussein schützen müsse und dass dieser in die Anschläge vom 11. September 2001 involviert gewesen sei. Beide Behauptungen haben sich als falsch erwiesen. Der Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf den Irak ist vom Uno-Sicherheitsrat nicht autorisiert. Bereits vor dem Krieg demonstrieren weltweit rund 9 Millionen Menschen gegen den Irakkrieg. Am 20. März 2003 beginnen die USA und ihre Verbündeten mit der Bombardierung Bagdads. Gleichzeitig mit den Bombardierungen Bagdads beginnt die Bodenoffensive vom Süden, Westen und Norden her. Der Krieg und die Terroranschläge in den darauf folgenden Jahren fordern unzählige zivile Opfer. Laut einer Studie von zwei US-Wissenschaftlern wurden mindestens 116'000 Zivilisten getötet. Die irakische Hauptstadt Bagdad wird am 4. April 2003 eingenommen. Ein offizielles Ziel des Kriegs ist der Sturz von Saddam Hussein. Die Kurden im Irak hatten in besonderem Mass unter dem Terror-Regime Saddam Husseins zu leiden. Offiziell dauert der Krieg nur knapp sechs Wochen: Am 1. Mai 2003 erklärt ihn US-Präsident George W. Bush für beendet. Zahlreiche Kulturgüter werden nach dem Einmarsch der Koalition zersört oder gestohlen. Bis zum Abzug des US-Truppen im Dezember 2011 kamen mehr als 4500 Soldaten ums Leben. Der Vorwurf, bei dem Angriff auf den Irak sei es den Westmächten nur um das Öl gegangen wird immer lauter. Der Krieg mag zwar seit dem 1. Mai 2003 beendet sein, doch seither überziehen Terroranschläge das Land. Die in den ersten Tagen als Befreier gefeierten Truppen werden zunehmend angefeindet. Das ehemals von Saddam Hussein benutzte Gefängnis Abu Ghraib wird zum Inbegriff für die Übergriffe der Koalitionstruppen an der Bevölkerung. Handyvideos bringen unsägliche Misshandlungen der Gefangenen zutage. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Land erhöhen die Alarmbereitschaft der Koalitionstruppen. Für die Soldaten ist jeder Zivilist - ob Mann, Frau oder Kind - ein potenzieller Selbstmordattentäter. Ein wichtiges offizielles Kriegsziel ist die Einführung der Demokratie. Saddam Hussein wird am 13. Dezember 2003 gefasst. Ihm werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Am 5. November 2006 wird er durch ein irakisches Sondertribunal zum Tod durch den Strang verurteilt. Saddam Hussein wird am 30. Dezember 2006 hingerichtet. Mit jedem Zivilisten, der durch die Hand der ausländischen Truppen stirbt, wächst die Wut der Iraker auf die Besetzer. Ende 2011 zog US-Präsident Barack Obama seine Truppen aus dem Irak zurück. Der US-Soldat sieht seinen 9 Monate alten Sohn zum ersten Mal, er ist soeben von einem einjährigen Irak-Aufenthalt nach St. Cloud, Minnesota, zurückgekehrt. Viele Veteranen werden noch lange nach ihrem Einsatz an den Traumata des Kriegs leiden. Ein US-Militärpolizist tröstet seinen Kollegen in der Militärbasis in Balad. Der unglückliche Mann hat soeben erfahren, dass sich die Armeeärzte weigern, drei irakische Kinder zu behandeln, die sich beim Spielen mit Sprengkörpern schwer verletzt haben.

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Es gibt viele Bilder aus diesem Krieg, die hängen geblieben sind. Eines zeigt US-Präsident George W. Bush, wie er am 1. Mai 2003 an Bord des Flugzeugträgers «USS Abraham Lincoln» das Ende des Irak-Kriegs verkündete. Im Hintergrund ein Banner mit der Aufschrift «Mission accomplished» – Auftrag ausgeführt. Heute gilt dieses Bild als Symbol für die Ignoranz und Überheblichkeit, mit der die USA in dieses Abenteuer marschiert waren.

Denn erst jetzt, acht Jahre und neun Monate später, ist der Krieg für die Amerikaner wirklich zu Ende. Am Donnerstag hat die US-Armee ihre Flagge in einer feierlichen Zeremonie im Beisein von Verteidigungsminister Leon Panetta offiziell eingeholt. Bis Ende Jahr werden die letzten 4000 Soldaten abziehen. Es verbleiben ein paar hundert US-Ausbildner der irakischen Sicherheitskräfte – und rund 15 000 Angestellte in der US-Botschaft in Bagdad, der mit Abstand grössten und teuersten der Welt. Ganz werden die Amerikaner also nicht weg sein.

Kein «zweites Vietnam»

Entgegen manchen Unkenrufen ist der Irak nicht zu einem «zweiten Vietnam» geworden. Es gibt keine Aufnahmen wie jene von 1975 aus der Botschaft in Saigon, als sich verzweifelte Menschen um die Plätze im letzten Helikopter prügelten. Die US-Soldaten im Irak können «erhobenen Hauptes» abziehen, wie Präsident Barack Obama am Mittwoch in einer Ansprache auf der Militärbasis Fort Bragg in North Carolina erklärt hatte. Er hatte den Krieg als damals noch kaum bekannter Senator im Bundesstaat Illinois von Beginn an abgelehnt.

Nun erklärte Obama, die USA hinterliessen «einen souveränen, stabilen und selbständigen Irak, mit einer vom Volk gewählten Regierung». Zumindest bei der Stabilität ist ein grosses Fragezeichen angebracht. Dies zeigt nur schon die Tatsache, dass die Abschiedszeremonie vom Donnerstag in einem abgeriegelten, schwer bewachten Bereich des Flughafens von Bagdad durchgeführt worden war. Zwar hat sich vieles im Irak positiv entwickelt, die Gewalt hat stark abgenommen. Doch noch immer kommt es regelmässig zu blutigen Anschlägen.

Die Wahnvorstellungen der Neocons

Von Beginn an war so ziemlich alles schief gelaufen. Es begann mit den «Lügen» über Massenvernichtungswaffen und die Verbindungen von Diktator Saddam Hussein zu den Attentätern vom 11. September 2001. Beides erwies sich als Fata Morgana. Bald zeigte sich auch, dass die neokonservativen Falken in der Bush-Regierung keine Ahnung hatten, wie es nach dem Sturz von Saddam Hussein weitergehen sollte. In ihrem Wahn glaubten sie, den Irak in eine prowestliche und proisraelische Musterdemokratie verwandeln zu können.

Bezeichnend ist eine von der BBC zitierte Anekdote, wonach ein hoher irakischer Politiker Präsident Bush kurz vor Beginn der Invasion am 20. März 2003 vor den Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten gewarnt haben soll. Bush sei «vollkommen überrascht» gewesen. Es folgten gravierende Fehler: Statt rasch eine irakische Regierung einzusetzen, installierten sich die USA als Besatzungsmacht. Sie lösten die irakische Armee auf und schufen ein Sicherheitsvakuum. Und mit dem Verbot von Saddams Baath-Partei drängten sie viele Sunniten in den Untergrund, wo sie sich dem Terrornetz Al Kaida anschlossen.

Gegensätze sind nicht überwunden

Der Bürgerkrieg kostete rund 4500 US-Soldaten und 100 000 irakische Zivilisten das Leben. Etwa 1,3 Millionen Iraker flüchteten ins Ausland, darunter viele Christen, die unter Saddam Hussein geschützt und nun dem Terror islamischer Fanatiker ausgeliefert waren. Der Folterskandal von Abu Ghraib und weitere Kriegsverbrechen beschädigten das Image der USA in der arabischen Welt. Erst mit dem «Surge» von 2007 unter General David Petraeus, der als erster Kommandant die Lage im Irak wirklich verstanden hatte, nahm die Gewalt ab.

Nun müssen die Iraker selbst für ihre Sicherheit sorgen. Ob sie dazu in der Lage sind, bezweifeln viele. Auch politisch ist das Land alles andere als gefestigt. Der schiitische Ministerpräsident Nuri al Maliki liefert sich einen permanenten Machtkampf mit säkularen und sunnitischen Kräften. Auch die alten Gegensätze sind nicht überwunden. Seit Jahren streiten Araber und Kurden um die ölreiche Region Kirkuk. Und die anhaltenden Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten könnten durchaus in eine neue Welle der Gewalt münden.

Stellvertreterkrieg zwischen Saudis und Iranern?

Der Schiit Maliki hat den Irak nicht etwa näher an Israel, sondern an den ebenfalls schiitischen Iran heran geführt. Viele verfolgen diese Entwicklung mit Sorge. Der deutsche Terrorismus-Experte Guido Steinberg befürchtet, der Irak könnte zum Schauplatz eines «Stellvertreterkriegs» zwischen Saudi-Arabien und Iran werden. Die Eskalation der Spannungen zwischen den beiden «Erzfeinden» am Golf sei «die möglicherweise grösste Gefahr für die Zukunft des Irak», so Steinberg im Berliner «Tagesspiegel».

Neokonservative «Betonköpfe» wie der frühere UNO-Botschafter John Bolton attackieren aus diesem Grund Barack Obama für den aus ihrer Sicht verfrühten Abzug. Sie übersehen, dass sich die Iraker selbst geweigert hatten, allenfalls verbliebenen US-Soldaten Immunität vor Strafverfolgung zu gewähren. Ausserdem zeigen Umfragen, dass mehr als 70 Prozent der US-Bevölkerung die Heimkehr ihrer Truppen befürworten. In wirtschaftlich schweren Zeiten haben die Amerikaner die Nase voll von aussenpolitischen Abenteuern.

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Mathias Vogt am 17.12.2011 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    verantwortung

    hören wir doch auf alles was die usa machen schlecht zu reden, klar sind die umstände unter welchen die usa den krieg im irak begonnen haben nicht ganz sauber gewesen. vieleicht hat dieser krieg die welt ein bisschen besser gemacht und die gefallen soldaten haben ihr leben nicht um sonst verloren. die usa steht zu ihrer verantwortung in der weltgeschichte und übernehmen ihre führungsrolle. europa soll in zukunft vermehrt ihre verantwortung übernehemen und die allfälligen konsequenzen tragen. europa muss sich weder vor den usa noch von sonst einem land verstecken.........

  • Eusebio am 16.12.2011 20:14 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Einer geht, einer kommt

    Einer geht zu Ende und der nächste steht vor der Türe. Das betroffene Land hat einfach ein "n" anstatt ein "k" am Schluss. Macht ja keinen grossen Unterschied, oder.

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  • Hans Schefel am 16.12.2011 20:30 Report Diesen Beitrag melden

    Traurig

    Jaja ... 1'000'000 (Million) Tote Zivilisten ein von URAN Munition versuchtes Land. In Falduscha ist jedes 3'te Kind missgebildet.

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Die neusten Leser-Kommentare

  • Stefan Roman am 18.12.2011 11:29 Report Diesen Beitrag melden

    Die Welt hat einfach passiv zugeschaut

    ja gibt es denn auch geliebte Kriege?

  • Mathias Vogt am 17.12.2011 21:43 Report Diesen Beitrag melden

    verantwortung

    hören wir doch auf alles was die usa machen schlecht zu reden, klar sind die umstände unter welchen die usa den krieg im irak begonnen haben nicht ganz sauber gewesen. vieleicht hat dieser krieg die welt ein bisschen besser gemacht und die gefallen soldaten haben ihr leben nicht um sonst verloren. die usa steht zu ihrer verantwortung in der weltgeschichte und übernehmen ihre führungsrolle. europa soll in zukunft vermehrt ihre verantwortung übernehemen und die allfälligen konsequenzen tragen. europa muss sich weder vor den usa noch von sonst einem land verstecken.........

  • I. Gori am 17.12.2011 02:53 Report Diesen Beitrag melden

    Syrien...

    Was heute als arabischer Fruehling bezeichnet wird, haben die Amis schon vor einer Ewigkeit begonnen! Zwar aus anderen Motiven, aber das Resultat ist das gleiche: Diktaturen und Terror-Regimes wurden gestuerzt! Ob die Iraker von diesem Geschenk gebrauch machen oder nicht, ist eine andere Frage. Ich bin sicher, genauso wie die Libyer Froh ueber die NATO waren, waeren es auch die Syrier ueber die Amis, wenn sie den dort Eingreifen wuerden! Aber diesmal wird es nicht passieren, zu viel Kritik wurde geuebt an den Amis, zu hoher Blutzoll geleistet, die Syrier werden weiterhin abgeschlachtet!

    • Volkan Aydin am 17.12.2011 19:29 Report Diesen Beitrag melden

      schawchsinn!

      Geschenk? du sagst die ermordung von über einer Million "angeblicher Terroristen" die lediglich ihre Familie schützen wollten sei ein geschenk! Ein Geschenk ist jeder erschossene Soldat! Jetzt werden lediglich die offizielle armee zurückgezogen und überlässt das land den Privaten "Securita-Milizen" der Amerikaner!

    • D. Bariu am 17.12.2011 20:23 Report Diesen Beitrag melden

      Alkaida und Co.

      Ziemlich mutig von Ihnen, ein Kommentar einfach als Schwachsinn zu bezeichnen, ohne dafür Stichhaltige Argumente zu liefern! Wer verübt den die täglichen Anschläge in der islamischen Welt!? Wer schlachtet das eigene Volk ab!? Es genügt die Bekennerschreiben zu lesen, die Fernsehauftritte der Islamisten zu verfolgen, die Nachrichten zu schauen und schon haben Sie alle Antworten!

    • G. Sylejmanovic am 17.12.2011 20:35 Report Diesen Beitrag melden

      Ganze Völker sind Dankbar!

      Herr Aydin, fragen Sie doch mal die Syrier, was sie über ein mögliches Eingreiffen, analog Libyen, denken! Oder die Iraker über den US- Einsatz, welche vom Sadam- Regime mit Giftgas angegriffen wurden und Familienangehörige verloren haben! Oder die Libyer über den NATO- Einsatz, Nota bene wieder mit US- Beteiligung und unter ihrer Führung! Die USA können nicht überall Eingreifen, jedoch soll man nicht zögern, wenn es eine Möglichkeit zum Eingreifen gibt, diese auch wahrzunehmen, ganze Völker werden Dankbar sein! Wollt ihr Bsp.!? 1+2 Weltkrieg, Bosnien, Libyen, Irak, Afghanistan, Kosovo etc.!!!

    • DZ aus U am 18.12.2011 10:58 Report Diesen Beitrag melden

      I. Gori hat recht

      Mag ich!

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  • Carl am 17.12.2011 00:44 Report Diesen Beitrag melden

    Stimmt nicht

    "In wirtschaftlich schweren Zeiten haben die Amerikaner die Nase voll von aussenpolitischen Abenteuern."?? Wohl kaum , wenn man die neusten wahnsinnigen Ausgaben (Über 600 Milliarden Dollar) für ds Militär investiert werden.

    • Jaques am 18.12.2011 13:27 Report Diesen Beitrag melden

      Wieso?

      Was ist an diesem Verteidigungsbudget Wahnsinn und was hat dieses Budget zwangsläufig mit den oben genannten Abenteuern zu tun?

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  • Samy am 16.12.2011 20:34 Report Diesen Beitrag melden

    Sie ziehen ab..

    ..uns werden vor Syrien verlegt. So siehts nämlich aus. Ein Bruchteil der Männer und Frauen kommt tatsächlich nach Hause zurück.

    • reto hild am 17.12.2011 03:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

      wer weiss schon was stimmt.

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