Zehn Jahre Irakkrieg

18. März 2013 21:21; Akt: 18.03.2013 21:21 Print

So führte George W. Bush die Welt in die Irre

von Peter Blunschi - Auf diesen Krieg ist niemand mehr stolz: Vor zehn Jahren griffen die USA den Irak an. Die von der Bush-Regierung vorgelegten Gründe erwiesen sich als falsch.

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Am 20. März 2003 begann der Irak-Krieg mit Luftangriffen auf Bagdad. Offiziell dauerte er nicht einmal sechs Wochen, doch aus dem vermeintlich schnellen Sieg entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der die USA und den Irak traumatisierte. US-Präsident George W. Bush und die «Koalition der Willigen» begründen den Angriff damit, dass sich der Westen vor den Massenvernichtungswaffen des irakischen Machthabers Saddam Hussein schützen müsse und dass dieser in die Anschläge vom 11. September 2001 involviert gewesen sei. Beide Behauptungen haben sich als falsch erwiesen. Der Angriff der USA und ihrer Verbündeten auf den Irak ist vom Uno-Sicherheitsrat nicht autorisiert. Bereits vor dem Krieg demonstrieren weltweit rund 9 Millionen Menschen gegen den Irakkrieg. Am 20. März 2003 beginnen die USA und ihre Verbündeten mit der Bombardierung Bagdads. Gleichzeitig mit den Bombardierungen Bagdads beginnt die Bodenoffensive vom Süden, Westen und Norden her. Der Krieg und die Terroranschläge in den darauf folgenden Jahren fordern unzählige zivile Opfer. Laut einer Studie von zwei US-Wissenschaftlern wurden mindestens 116'000 Zivilisten getötet. Die irakische Hauptstadt Bagdad wird am 4. April 2003 eingenommen. Ein offizielles Ziel des Kriegs ist der Sturz von Saddam Hussein. Die Kurden im Irak hatten in besonderem Mass unter dem Terror-Regime Saddam Husseins zu leiden. Offiziell dauert der Krieg nur knapp sechs Wochen: Am 1. Mai 2003 erklärt ihn US-Präsident George W. Bush für beendet. Zahlreiche Kulturgüter werden nach dem Einmarsch der Koalition zersört oder gestohlen. Bis zum Abzug des US-Truppen im Dezember 2011 kamen mehr als 4500 Soldaten ums Leben. Der Vorwurf, bei dem Angriff auf den Irak sei es den Westmächten nur um das Öl gegangen wird immer lauter. Der Krieg mag zwar seit dem 1. Mai 2003 beendet sein, doch seither überziehen Terroranschläge das Land. Die in den ersten Tagen als Befreier gefeierten Truppen werden zunehmend angefeindet. Das ehemals von Saddam Hussein benutzte Gefängnis Abu Ghraib wird zum Inbegriff für die Übergriffe der Koalitionstruppen an der Bevölkerung. Handyvideos bringen unsägliche Misshandlungen der Gefangenen zutage. Die bürgerkriegsähnlichen Zustände im Land erhöhen die Alarmbereitschaft der Koalitionstruppen. Für die Soldaten ist jeder Zivilist - ob Mann, Frau oder Kind - ein potenzieller Selbstmordattentäter. Ein wichtiges offizielles Kriegsziel ist die Einführung der Demokratie. Saddam Hussein wird am 13. Dezember 2003 gefasst. Ihm werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen. Am 5. November 2006 wird er durch ein irakisches Sondertribunal zum Tod durch den Strang verurteilt. Saddam Hussein wird am 30. Dezember 2006 hingerichtet. Mit jedem Zivilisten, der durch die Hand der ausländischen Truppen stirbt, wächst die Wut der Iraker auf die Besetzer. Ende 2011 zog US-Präsident Barack Obama seine Truppen aus dem Irak zurück. Der US-Soldat sieht seinen 9 Monate alten Sohn zum ersten Mal, er ist soeben von einem einjährigen Irak-Aufenthalt nach St. Cloud, Minnesota, zurückgekehrt. Viele Veteranen werden noch lange nach ihrem Einsatz an den Traumata des Kriegs leiden. Ein US-Militärpolizist tröstet seinen Kollegen in der Militärbasis in Balad. Der unglückliche Mann hat soeben erfahren, dass sich die Armeeärzte weigern, drei irakische Kinder zu behandeln, die sich beim Spielen mit Sprengkörpern schwer verletzt haben.

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Mit Luftangriffen auf Ziele in Bagdad begann in der Nacht zum 20. März 2003 der Krieg der von den USA angeführten «Koalition der Willigen» gegen das Regime des irakischen Diktators Saddam Hussein. Bei der «Entwaffnung des Iraks» gehe es darum, «die Welt vor einer ernsten Gefahr zu schützen», sagte der damalige US-Präsident George W. Bush in einer Rede zum Kriegsbeginn. Zehn Jahre danach würden die meisten Amerikanern den Irak-Krieg am liebsten aus dem kollektiven Gedächtnis streichen. Denn aus dem vermeintlich schnellen Sieg entwickelte sich ein Bürgerkrieg, der die USA und den Irak traumatisierte.

Wie konnte es so weit kommen? Im Februar 2003 lieferte US-Aussenminister Colin Powell im UNO-Sicherheitsrat mutmassliche Beweise für Iraks böse Absichten. Anhand von Dias, Satellitenaufnahmen, Tonbandmitschnitten und Zeichnungen versuchte er nachzuweisen, dass Saddam Hussein weiter nach Massenvernichtungswaffen strebe, Verbindungen zur Terrororganisation Al Kaida unterhalte und die UNO-Waffenkontrolleure systematisch hinters Licht führe. Doch es war die US-Regierung, die den Rest der Welt hinters Licht führte: Die von Powell vorgelegten «Beweise» erwiesen sich ausnahmslos als pure Erfindung:

Massenvernichtungswaffen

Die Niger-Lüge: Colin Powell verwies vor der UNO auf Dokumente, wonach der Irak im afrikanischen Staat Niger 500 Tonnen Uran für den Bau von Atomwaffen kaufen wollte. Sie waren gefälscht. Joseph Wilson, der ehemalige US-Botschafter im Niger, hatte 2002 vor Ort recherchiert und keine Spur der angeblichen Urankäufe gefunden. Weil die Regierung Bush unverdrossen an ihrer Behauptung festhielt, veröffentlichte Wilson seine Erkenntnisse im Juli 2003 in der «New York Times». Als Racheakt sorgten Mitglieder der Regierung dafür, dass Wilsons Ehefrau Valerie Plame als Agentin des Geheimdienstes CIA enttarnt wurde.

Der falsche Informant: Powells «Beweise» für die Existenz von chemischen und biologischen Waffen im Irak basierten auf Aussagen eines «Chemieingenieurs», der die Produktion von Biowaffen überwacht haben soll. Dabei handelte sich um Rafid Ahmed Alwan al Dschanabi, der 1995 nach Deutschland geflüchtet war. Unter dem Decknamen «Curveball» lieferte er dem Bundesnachrichtendienst (BND) Informationen über «rollende Biowaffenlabors». Der BND leitete sie den Amerikanern weiter – angeblich mit der Warnung, dass «Curveball» nicht glaubwürdig sei. Trotzdem wurden sie als Begründung für den Irak-Krieg verwendet. Acht Jahre später gestand Rafid Ahmed Alwan dem britischen «Guardian», dass er gelogen hatte.

Saddam und Al Kaida

Das Treffen in Prag: Um den Amerikanern den Irak-Krieg zu «verkaufen», musste eine Verbindung von Saddam Hussein mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 hergestellt werden. Sie wurde gefunden in einem angeblichen Treffen von Mohammed Atta, dem Anführer der Terroristen, mit einem Agenten des irakischen Geheimdienstes im April 2001 in Prag. Heute gilt es als sicher, dass dieses Treffen nie stattfand. Bereits im April 2002 erklärte FBI-Direktor Robert Mueller, es gebe keine Beweise, dass Atta zu jenem Zeitpunkt in Prag gewesen sei. Er habe sich vermutlich in Florida aufgehalten und dort Flugstunden genommen. Doch Kriegsbefürworter hielten hartnäckig an dem angeblichen Treffen fest.

Das Folter-Geständnis: Der wichtigste Zeuge für Saddams angebliche 9/11-Connection war das libysche Al-Kaida-Mitglied Ibn al-Shaykh al-Libi. Er war nach dem US-Einmarsch in Afghanistan verhaftet worden und hatte in CIA-Gewahrsam vermutlich unter Anwendung von Folter ausgesagt, dass Al-Kaida-Terroristen von irakischen Agenten im Gebrauch von chemischen und biologischen Waffen ausgebildet worden waren. Colin Powell verwendete diese Angaben vor der UNO. Später gab al-Libi (der Libyer) im Verhör zu, dass er die Geschichte erfunden habe, um eine «bessere Behandlung» zu erhalten. Er starb 2009 unter ungeklärten Umständen in einem libyschen Gefängnis.

Recherchen zur Al Kaida und den 9/11-Anschlägen ergaben später, dass es durchaus Annäherungsversuche zwischen Terrorboss Osama Bin Laden und Saddam Hussein gegeben hatte. Doch das Misstrauen zwischen dem islamischen Fundamentalisten und dem säkularen Machtmenschen war letztlich grösser als die Abneigung gegen den gemeinsamen Feind USA. Trotzdem glaubte eine Mehrheit der Amerikaner bei Kriegsbeginn, dass Saddam Hussein hinter den Terroranschlägen steckte und Massenvernichtungswaffen besass.

Die Realität sah anders aus: Die Untersuchungskommission zu den Anschlägen vom 11. September, der Geheimdienstausschuss des US-Senats und das US-Verteidigungsministerium kamen unabhängig voneinander zum Schluss, dass es keine Hinweise für eine Kooperation Saddams mit Al Kaida gab. Zwei Jahre nach Kriegsbeginn stellte das US-Militär auch die Suche nach Massenvernichtungswaffen im Irak ein. Gefunden hatte es rein gar nichts. Selbst Vizepräsident Dick Cheney musste im September 2006 in einem Fernsehinterview zugeben, dass die beiden Hauptgründe für den Krieg falsch waren.

«Das hat mich vernichtet»

Es habe ihn «geschockt und verärgert», dass seine Informationsgrundlage falsch gewesen sei, meinte George W. Bush später in einem Interview. Zugleich beharrte er darauf, dass es «der Welt ohne Saddam Hussein wesentlich besser geht». Heute äussert sich Bush nicht mehr zum Krieg. Er überlasse das Urteil künftigen Generationen. Colin Powell hingegen bezeichnete seinen Auftritt vor dem UNO-Sicherheitsrat bereits 2005 kurz nach seinem Rücktritt als Aussenminister als «Schandfleck» in seiner Karriere. Leute beim Geheimdienst hätten gewusst, dass die Quellen nicht verlässlich waren: «Das hat mich vernichtet.»

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Die beliebtesten Leser-Kommentare

  • Marco Brunzu am 19.03.2013 08:36 Report Diesen Beitrag melden

    Oel....

    Also das weiss man doch seit Jahren, dass es nur ums Oel ging/geht....

  • muffins am 19.03.2013 06:10 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    traurige tatsachen

    Da sieht man mal wie verkorkst und verlogen sogenannte weltpolitik sein kann. dazu braucht man nicht mal verschwörungstheorien.

  • George W. am 19.03.2013 06:35 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    U.S.A.

    Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und wir machen denen alles nach...

Die neusten Leser-Kommentare

  • Kurtpopurt am 19.03.2013 17:35 Report Diesen Beitrag melden

    Nicht alle über einen Kamm bitte.

    Alle Verschwörungstheoretiker sagen nun...siehste,, habe ich doch schon immer gesagt und wollen das mit 9/11 gleichsetzen. Das ist doch lächerlich. Die meisten Infos im Artikel waren doch von Anfang an unglaubwürdig. Sonst hätte es doch nicht diese Mega-Demos "hier geht es nur um Öl" usw. nicht gegeben. Auch die Politiker wie Schröder, haben sich doch deshalb raus gehalten. Den Amis war auch klar, dass ihnen nur der einfältige Teil der Weltbevölkerung glaubt. Leider gibt es viele Einfältige. Dazu gehören auch die, die immer noch glauben, der 9/11 wäre inszeniert - nein - den gabs wirklich.

  • kc147 am 19.03.2013 09:39 Report Diesen Beitrag melden

    die Welteroberer

    Wurde nicht Deutschland damals wegen seiner Weltmachtsambitionen (?) niedergeworfen? Die wirklichen Imperatoren jedoch gehen straffrei aus und dürfen weitermachen wie bisher. Dabei kommen nicht nur reale Waffen zum Einsatz, sondern auch "Geheimwaffen", wie zum Beispiel "Finanzmarktinstrumente"... Dieser Bericht lässt aber Hoffnung aufkommen, das die Wahrheit wohl doch noch ans Licht kommt

  • effe am 19.03.2013 09:04 Report Diesen Beitrag melden

    gleiches passiert in:

    Libyen, syrien, Mali, und dann Iran? Immer schön wenn die Medien den bösen Verschwörungstheoretiker Recht geben müssen. Vielleicht sollte man eben weniger den Presse agenturen abschreiben und mehr selber recherchieren, was ja eigentlich die aufgabe ist der medien. und nicht propaganda wie momentan üblich.

  • Hardy am 19.03.2013 08:56 via via Mobile Report Diesen Beitrag melden

    Kalter Kaffee

    Ausserhalb der USA ist das doch längst bekannt. Es wurden schon vor langer Zeit Forderungen laut den Tschortsch Kabeljau vor Gericht zu bringen. Er, Cheney und Spiessgesellen haben tausende von Toten auf dem Gewissen. Erinnern Sie sich noch, dass die Amis damals die widerpenstigen Franzosen "hart" bestraften indem sie die "french fries" in "freedom fries" umbenannten. Heute wären die meisten Amis froh, man hätte auf Paris gehört und Milliarden von Dollars wären statt ins Militär in die verlotterte Infrastruktur der USA geflossen.

  • Andy gerecht am 19.03.2013 08:46 Report Diesen Beitrag melden

    Gleiches Recht für Alle!

    Bei jedem anderen Staat, der so vorgegangen wäre, wären die USA die Ersten, die laut Sanktionen vordern würden gegen diesen. Wo bleiben die Sanktionen gegen die USA?!? Solange man gut an den USA mitverdient, geschieht wohl eher nichts!